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Panamericana: Der nächste Linke

In Paraguay geht eine Epoche zu Ende. Nach 61 Jahren an der Macht verliert die Colorado-Partei das Präsidentenamt. Der neue Staatschef ist ein Linker: Fernando Lugo. Noch rätselt man, ob er eher Hugo Chávez in Venezuela oder dem pragmatischen Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien ähnelt.

Von Toni Keppeler

Rein äußerlich gleicht er am ehesten seinem Kollegen Lula: Wie der brasilianische Präsident trägt Fernando Lugo ergrautes Haar und einen eben so grauen Vollbart. Auch die politische Basis der beiden Männer ist ähnlich: Der brasilianische Präsident machte sich zunächst als Gewerkschaftsführer einen Namen und hatte später als Politiker in der radikalen Bewegung der landlosen Bauern einen treuen Verbündeten. Zu der Koalition, die Lugo ins höchste Staatsamt Paraguays getragen hat, gehören neben neun Parteien mehrere Gewerkschaften und radikale Bauernbewegungen. Doch die Geschichte der beiden ist grundverschieden. Lula stammt aus einer bitterarmen Familie, musste schon als Kind arbeiten statt zur Schule zu gehen und arbeitete sich ganz langsam zum Gewerkschaftsboss hoch. Lugo war, bevor er Präsidentschaftskandidat wurde, katholischer Bischof.

Seine Diözese war San Pedro, eine der ärmsten und konfliktreichsten Gegenden Paraguays. Dort hat sich der Anhänger der Befreiungstheologie als Sprachrohr der Unterprivilegierten und Rechtlosen einen Namen gemacht, hat zum Teil gewaltsame Landbesetzungen durch landlose Bauern unterstützt und wurde "der Bischof der Armen" genannt. Dass er vom Gottesmann zum Politiker wurde, ist für ihn kein Widerspruch. Politik, sagt er mit einem Wort von Papst Pius XI., sei "die höchste Form der Nächstenliebe".

Bachelet ist kein Vorbild für Lugo

Lugo selbst hat sich nie mit Lula verglichen. Wenn er gefragt wurde, für welchen seiner vielen linken lateinamerikanischen Kollegen er am meisten Sympathie empfinde, nannte er stets die einzige Frau: Chiles sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet. Vielleicht gehört es sich für einen politisch korrekten Priester, dass er auf eine marienhaft sanfte Frau verweist. Zu Hause freilich gilt Bachelet als so schwache Präsidentin, dass die sie tragende Mitte-Links-Koalition schon befürchtet, die frustrierten Chilenen könnten nach ihr zum ersten Mal seit dem Ende der Pinochet-Diktatur wieder die Rechte an die Macht wählen. Kein Vorbild also für Lugo.

Lula wird sich von seinem neuen Kollegen im Nachbarland eher an Chávez erinnert fühlen. Denn Lugo hat angekündigt, er werde mit Brasilien über den Preis des nach dort exportierten Stroms verhandeln. Die beiden Länder betreiben an der gemeinsamen Grenze inn Itaipú den größten Staudamm der Welt und teilen sich hälftig den produzierten Strom. Das bevölkerungsarme Paraguay braucht aber nur zehn Prozent davon und verkauft den Rest zu Spottpreisen an Brasilien. Lugo will, dass sein Land deutlich mehr davon hat. Auch Chávez begann seine Nationalisierungspolitik damit, dass er den in Venezuela arbeitenden Ölkonzernen einen höheren Staatsanteil abknöpfte.

Lugo verteidigt das Privateigentum

Wie Chávez will sich auch Lugo mit den Großgrundbesitzern anlegen und verspricht den landlosen Bauern eine Agrarreform. Und wie Chávez sieht er im Internationalen Währungsfonds einen Agenten des bösen neoliberalen Kapitalismus und will die Verträge mit diesem Finanzinstitut einfach auslaufen lassen. Sein designierter Außenminister Alejandro Hamed ist ein ausgesprochener Sympathisant des Venezuelaners. Ist Lugo also ein neuer lateinamerikanischer Heißsporn im Bischofsgewand?

Nein. Anders als Chávez verteidigt Lugo das Privateigentum. Er will nicht ewig regieren wie der Präsident Venezuelas, sondern will es nach einer Amtsperiode genug sein lassen. So steht es auch in der Verfassung Paraguays und Lugo hat nicht vor, sich wie Chávez und dessen linke Präsidentenfreunde Rafael Correa (Ecuador) und Evo Morales (Bolivien) ein neues Grundgesetz auf den Leib schreiben lassen. Er wird genug damit zu tun haben, das jetzt geltende Recht durchzusetzen.

Mit einer geklauten Staatskarrosse unterwegs

In Paraguay herrschte 61 Jahre lang nicht das Gesetz, sondern die Colorado-Partei. Das Präsidentenamt haben die Colorados verloren. Aber in der Verwaltung sitzen, von ganz oben bis hinab ins letzte Dorf, lauter kleine und größere Parteisoldaten. Wer nicht Mitglied bei den Colorados war, hatte kaum eine Chance, in den öffentlichen Dienst zu kommen. Fähigkeiten zählten nicht, nur die Parteizugehörigkeit und Beziehungen. So ist über die Jahrzehnte ein enges Geflecht aus Vetternwirtschaft und Seilschaften entstanden und Paraguay wurde zum korruptesten Land auf dem südamerikanischen Halbkontinent. Ein Beispiel steht dafür wie ein Symbol: Luis González Macchi, Präsident von 1999 bis 2003, ließ sich in einer geklauten Staatskarrosse durch Land kutschieren. Der gepanzerte BMW war in Brasilien gestohlen und nach Paraguay geschmuggelt worden. Das Präsidialamt hat den Hehlerwagen für 81.000 Dollar gekauft und die gefälschten Papiere legalisiert. Alle Welt wusste das. Doch Präsident González Macchi fand das ganz normal.

Wenn die Männer ganz oben so schamlos sind, wie sind dann die Kleinen ganz unten? Mit denen muss Lugo nun sein Wahlprogramm wahr machen: Sozialer Wohnungsbau, eine Landreform und Bildung und Gesundheitsversorgung für alle. Solche Versprechen haben ihn zum Hoffnungsträger der kleinen Leute gemacht.

Es gab in Lateinamerika schon einmal so einen Hoffnungsträger, der nach einer langen Nacht der Einparteienherrschaft ins Präsidentenamt kam: Im Jahr 2000 verdrängte in Mexiko Vicente Fox die Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) nach 71 Jahren von der Macht. Doch mit seiner ungestümen Art verhedderte er sich schnell im Gestrüpp der Seilschaften und der von der PRI dominierten Verwaltung. Am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit waren die Mexikaner enttäuscht. Aber vielleicht ist ein Bischof ja geduldiger, diplomatischer, zäher. Man muss es Fernando Lugo wünschen. Es wäre gut für Paraguay.