Panamericana Ein Absturz, na und?


Im Kampf um die Macht in Bolivien hat der Präsident eine schwere Niederlage erlitten. Das Verfassungsgericht legte eine von ihm angeordnete Volksabstimmung auf Eis. Doch so schnell gibt Evo Morales nicht auf. Er ist Aymara-Indianer, und für dieses Volk sind Niederlagen nur dazu da, um einen neuen, besseren Angriff vorzubereiten.
Von Toni Keppeler

Man kann den Absturz des Helikopters von Evo Morales am vergangenen Sonntag lesen wie eine Parabel auf seine Regierungszeit: Das Vehikel für Höhenflüge fiel in den Abgrund, doch der Präsident Boliviens lebt, und er hat weitere Versuche frei. Wenige Stunden vor dem Crash war der Staatschef noch an Bord des Hubschraubers vom Typ Super Puma. Das Fluggerät war ein Geschenk von Hugo Chávez, seines Freundes und Kollegen in Venezuela. Als es in der Nähe der Ortschaft Colomí zerschellte, kamen alle fünf Besatzungsmitglieder ums Leben.

Es war schon der zweite tödliche Hubschrauber-Absturz, dem Morales knapp entkommen ist: Am 26. Juni vergangenen Jahres fiel seine Allouette III SA 316 in der Nähe der Millionenstadt Cochabamba vom Himmel. Der Präsident war kurz zuvor ausstiegen. Auch dieser Helikopter war eine Gabe von Chávez. Vier Hubschrauber hat ihm der Präsident Venezuelas geschenkt: Zwei Super Pumas und zwei Allouettes. Zwei bleiben Morales also noch. Und er will sie - nach einer technischen Überprüfung - weiter benutzen. Der Mann ist furchtlos und hartnäckig.

Drei Tage nach dem Absturz musste Morales eine weitere Niederlage einstecken. In der Nacht zum Mittwoch hat das Verfassungsgericht des Landes eine Klage gegen eine Volksbefragung angenommen, die der Präsident für den 10. August angeordnet hatte. Das Referendum ist damit bis zu einer endgültigen Entscheidung auf Eis gelegt. Morales wollte seine Landsleute fragen, ob sie denn einverstanden seien mit seiner Regierung. Wenn dabei mehr Bolivianer gegen ihn gestimmt hätten als bei der Präsidentschaftswahl Ende 2005 für ihn, dann wäre er zurückgetreten und hätte Neuwahlen ausgeschrieben.

Etappe im Streit um die Macht

Eigentlich ist so etwas eine schöne demokratische Einrichtung. Große Wahlversprechen kann schließlich jeder machen. Wenn er sie danach nicht einhält, ist es nur billig, dem Volk die Möglichkeit zu geben, die Gewählten wieder zurück zu pfeifen. "Rückruf-Votum" nennt man diese Übung in Lateinamerika. Hugo Chávez hat sie erfunden und auch schon ein solches Referendum erfolgreich überstanden. Morales und sein Vizepräsident Alvaro García Linera hätten die Abstimmung vom 10. August wohl genauso gewonnen. Doch nicht alle der acht Provinzgouverneure, die im selben Aufwasch hätten zurückgerufen werden können. Also machten sie Opposition gegen dieses Gesetz.

Die Auseinandersetzung um das Rückruf-Referendum ist nur eine weitere Etappe in einem Streit um die Macht, der seit dem Regierungsantritt von Evo Morales ausgefochten wird. Im Grunde geht es dabei um einen über 500-jährigen Konflikt: Die Weißen gegen die Ureinwohner, die Reichen gegen die Armen. Seit es Bolivien gibt, wurde es es von einer kleinen reichen weißen Minderheit regiert. Obwohl formal eine Demokratie, hatte die indianische Bevölkerungsmehrheit hatte bis Mitte vergangenen Jahrhunderts bei Wahlen kein Stimmrecht. Evo Morales ist der erste indianische Präsident des Landes. Er hatte sich vorgenommen, seinem eigenen Volk der Aymara und den anderen Urvölkern Boliviens mehr Gewicht zu geben im Staat. Ihrer Sprache und ihrer Kultur, ihrem Denken und ihren Rechtsvorstellungen soll der selbe Platz eingeräumt werden wie der bislang herrschenden Kultur der ehemaligen Kolonialherren. Das bitterarme Hochland, in dem die Mehrheit der Indianer lebt, sollte besonders gefördert werden. Eine Umverteilung, die den weißen Flachländern gar nicht gefiel. Denn im Tiefland, da ist der Reichtum Boliviens: Riesige Landwirtschaftsbetriebe, Erdöl und Gas. Das wollen die reichen Provinzen nicht mit den armen Indianern auf den Bergen teilen.

Evo Morales hat die ihm vorschwebende Staatsordnung in einer neuen Verfassung festschreiben lassen. Doch die Opposition boykottierte die Abstimmung über das fertige Grundgesetz und die reichen Provinzen konterten mit Volksabstimmungen über ein Automie-Statut, das ihnen und nicht der Regierung von Morales die Verfügungsgewalt über die Quellen des Reichtums geben soll. Das Verfassungsgericht hat auch diese Abstimmungen für ungültig erklärt, doch niemand nimmt dieses Urteil so richtig ernst. Denn von den ehemals fünf Mitgliedern des höchsten Gerichts ist nur noch eine einzige Richterin übrig. Die anderen vier sind längst zurückgetreten. Nachfolger konnten noch nicht ernannt werden, weil sich Regierung und Parlament nicht einig sind. Boliviens staatliche Institutionen zerbröseln im Kampf um die Macht. Ein gewonnenes Rückruf-Referendum hätte Präsident Morales neue Kraft gegeben. Er wäre wieder handlungsfähig gewesen. Statt dessen ist er wieder einmal abgestürzt.

Ohne Furcht

Doch das Volk der Aymara ist furchtlos und hartnäckig. Und es denkt ganz anders über die Zeit als alle anderen bekannten Völker dieser Erde. Während alle anderen aus der Vergangenheit kommen und in die Zukunft gehen, denken die Aymara die Zeitenfolge gerade anders herum: Die Zukunft, sagen sie, liege hinter uns, in unserem Rücken. Niemand könne sie sehen; niemand kenne sie; niemand wisse, was kommt. Die Vergangenheit aber, die liege vor uns. Jeder kann sie sehen und daraus lernen. Niederlagen sind in diesem Geschichtsverständnis nur dazu da, um einen neuen, besseren Angriff zu starten. Und nach Abstürzen kann man nur wieder aufsteigen.

Ob Evo Morales den Spruch der Verfassungsrichterin anerkennt, ist noch nicht heraus. Aber es ist sicher, dass er noch lange nicht aufgeben wird. Er wird weiter für seine Verfassung kämpfen. Und er wird auch wieder in einen von Chávez geschenkten Hubschrauber steigen. Anderen mag so etwas wahnsinnig erscheinen. Für einen Aymara ist das nur der logische Gang der Geschichte.


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