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Analyse

Bolivien, Irak, Spanien, Deutschland: Die Welt in Aufruhr: Wo Menschen gerade auf die Straße gehen – und vor allem wofür

Bilder von aufgebrachten Menschenmassen erreichen uns derzeit aus allen Teilen der Welt. Sie schreien ihre Wut heraus: auf autoritäre Führer, auf korrupte Eliten, auf den Klimawandel. Was eint sie? Und wie sollten Regierungen damit umgehen? Ein Überblick.

Eine Teilnehmerin einer Demonstration geht mit einer Libanon-Fahne und Mundschutz an brennenden Reifen vorbei

Feuer im Libanon: Eine Teilnehmerin einer Demonstration geht mit einer Libanon-Fahne und Mundschutz an brennenden Reifen vorbei. Auch anderswo auf der Welt ist die Stimmung explosiv

DPA

Chile, Bolivien, Irak, Spanien, Deutschland ... auf der ganzen Welt finden derzeit Protestmärsche statt. Schüler gehen genauso auf die Straße wie Bauern, Klimaaktivisten, Regierungsgegner. Die gefühlte Wahrheit: So viel wurde noch nie gleichzeitig demonstriert. Aber wofür protestieren die Menschen eigentlich? Was eint sie? Und welche Rolle spielen zum Beispiel soziale Medien dabei?

Tareq Sydiq ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg. Er forscht zum Thema globale, soziale Bewegungen – und sagt: Das Gefühl, dass derzeit besonders viel demonstriert und protestiert wird, trügt nicht. Tatsächlich lässt sich "empirisch ganz gut feststellen, dass die Anzahl der Proteste weltweit zunimmt." Wir nehmen die aktuellen Protestwellen aber auch deshalb besonders wahr, weil wir "ganz einfach besser darin werden, Proteste zu erkennen und darüber zu berichten", erklärt Sydiq.

Wirklich neu ist das Phänomen der gleichzeitigen Massenproteste nicht

Phasen, in denen viel demonstriert wurde, gab es auch in der Vergangenheit bereits, etwa zu Zeiten der Amerikanischen (1775), Französischen (1789) oder Haitianischen Revolution (1791). "Spätere Beispiele wären etwa die 1968er, die ebenfalls als globales Phänomen spürbar waren. Auch die 90er und die 2010er Jahre um den arabischen Frühling heraus hatten eine regionale und eine internationale Dimension", so Sydiq. Wirklich neu ist das Phänomen der gleichzeitigen Massenproteste also nicht – im Gegenteil: "Widerstand gegen Korruption und Autoritarismus gab es schon immer und wird es vermutlich auch immer geben, auf die eine oder andere Art", sagt Sydiq. 

Tareq Sydiq ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg

Tareq Sydiq ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg

Dabei gibt es durchaus Verbindungen zwischen den einzelnen Protestwellen, erklärt der Konfliktforscher: Zwar gäbe es "immer lokale Ursachen und Forderungen, aber globale Inspirationen und Kontexte." Die Proteste in Hongkong etwa "haben sich am Auslieferungsgesetz entzündet, in Bolivien war es die Position von Morales. Gleichzeitig lernen die Demonstranten aber von den Erfolgen und Misserfolgen anderswo. In Hongkong etwa wurden sehr viele Innovationen bei Protesttechniken eingeführt, die eventuell in den kommenden Jahren auch anderswo verwendet werden."

Und welche Rolle spielen soziale Medien? Der Konfliktforscher ist sich sicher, "dass sie bestimmte Prozesse erleichtern und schneller machen. Konnte ein lokaler Streik vor 30 Jahren kaum auf internationale Presse hoffen, so kann er jetzt über eine geschickte Internet-Kommunikation stärker wahrgenommen werden." Ein Automatismus sei dies aber nicht, so Sydiq. "Regierungen wissen um diese Möglichkeit und tun ihr bestes, es zu unterbinden."

In jedem Fall sollten Regierungen bei solchen Protesten "sehr genau hinhören", empfiehlt Sydiq. Zumindest, wenn man "Interesse an einer friedlichen Welt hat."

Demonstriert wird derzeit in folgenden Ländern:

Deutschland

In Deutschland gehen derzeit vor allem junge Menschen auf die Straße. Zehntausende versammeln sich jeden Freitagvormittag zu den "Fridays for Future"-Demonstrationen in vielen deutschen Städten. Die Teilnehmer schwänzen dabei im Rahmen eines "Schulstreiks" bewusst den Unterricht, um auf den fortschreitenden Klimawandel und die Zerstörung unserer Lebensgrundlage aufmerksam zu machen.

Zahlreiche Prominente, auch aus der Politik, schlossen sich in der Vergangenheit den Aufrufen zum Klimaprotest an. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte: "Es hat wahrscheinlich keine gesellschaftliche Bewegung der vergangenen 20 Jahre so viel Aufmerksamkeit und Debatte erreicht wie Fridays for Future."

Darüber hinaus sind auch Deutschlands Bauern gerade auf Zinne: Auf ihren Traktoren fuhren Tausende in den vergangenen Wochen bereits durch deutsche Großstädte und in die Hauptstadt Berlin. Sie sehen durch die aktuelle Politik der Bundesregierung ihre Betriebe und die regionale Lebensmittelproduktion gefährdet. Ihr Protest richtet sich insbesondere gegen das sogenannte Agrarpaket, das strengere Regeln für die Landwirtschaft vorsieht. 

Chile

Anfangs ging es nur um 4 Cent: Der öffentliche Nahverkehr in Chiles Hauptstadt Santiago sollte teurer werden – diese Ankündigung entzündete Massenproteste in der Hauptstadt, die sich rasend schnell ausbreiteten und mittlerweile das ganze Land erfasst haben. Mindestens 20 Menschen sind bislang gestorben. 

Längst geht es nicht mehr nur um ein paar Cents, sondern um die immer weiter wachsende Ungleichheit und Ungerechtigkeit im Land. Die Demonstranten fordern eine Renten- und Verfassungsreform sowie tiefgreifende Reformen des ultraliberalen Wirtschaftssystems. Sie sind so wütend, dass sie sich weder vom Entgegenkommen der Regierung in Sachen Preiserhöhung noch vom Rücktritt des kompletten Kabinetts besänftigen ließen. Als Konsequenz hat das Land die eigentlich angedachte Ausrichtung des Weltklimagipfels abgesagt.

Spanien

Zerrissenes Land: In Spanien stehen sich Gegner und Befürworter der katalanischen Autonomie unversöhnlich gegenüber. Die Lage ist vor allem angespannt seit dem illegal durchgeführten Unabhängigkeitsreferendum im Herbst 2017. Katalanische Separatistenführer hatten damals eine öffentliche Abstimmung durchgeführt, ob sich die Provinz vom Mutterland abspalten sollte. Bereits im Vorfeld hatte es massive Demonstrationen beider Lager gegeben – die seitdem in Wellen immer wieder aufflammen.

Zugespitzt hat sich die Lage jüngst durch zwei Ereignisse: Zum einen hat der Oberste Gerichtshof Mitte Oktober die katalanischen Anführer zu langen Haftstrafen verurteilt. Zehntausende Anhänger gingen daraufhin in Barcelona tagelang auf die Straßen. Sie steckten Barrikaden und Autos in Brand und lieferten sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Stadt war zeitweise komplett lahmgelegt.

Zum anderen gab es am zweiten Novemberwochenende Wahlen – die eine extrem schwierige Regierungsbildung verheißen. Auch das nahmen Protestler beider Lager zum Anlass, wieder auf die Straße zu gehen. So blockierten etwa 2000 Autonomie-Befürworter die spanisch-französischen Grenze zwischen La Jonquera und Le Perthus. Sie wurden unter Einsatz von Tränengas vertrieben.

La Jonquera: Nach Spanien-Wahl: Katalanische Separatisten blockieren Grenzübergang zu Frankreich

Bolivien

Auslöser der aktuellen Protestwelle in Bolivien waren die Präsidentschaftswahlen im Oktober. Amtsinhaber Evo Morales, der dienstälteste Präsident in Südamerika, war seit 2006 an der Macht. Wenn es nach ihm ging, sollte das das auch so bleiben bis zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit in sechs Jahren. Konsequenterweise erklärte er sich nach der ersten Runde der Wahl am 20. Oktober direkt zum Sieger, obwohl die Opposition, die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und die EU erhebliche Zweifel anmeldeten. Seitdem lieferten sich Anhänger und Gegner von Morales fast täglich heftige Auseinandersetzungen.

Bolivien florierte zwar unter dem linken Präsidenten, doch das zunehmend selbstherrliche und autoritäre Gehabe des indigenen Staatschef stieß immer mehr Landsleuten bitter auf. Vor allem die Menschen im wirtschaftlich starken Osten des Landes fühlten sich von Morales über den Tisch gezogen. Die Aversionen gegen ihn nahmen zuletzt massiv zu – dennoch konnte Morales sich, vor allem aufgrund der Unterstützung durch das Militär, im Amt halten. Am Montagabend änderte sich das: Hochrangige Offiziere versagten dem Präsidenten die weitere Treue und empfahlen ihm den Rücktritt. Morales fügte sich und wurde von einem Flugzeug der mexikanischen Regierung ausgeflogen. Das mittelamerikanische Land gewährt ihm Asyl. 

Brasilien

Im größten Land Südamerikas gibt es derzeit viele Konfliktherde. Einer davon: die katastrophalen Waldbrände im Amazonas und der politische Umgang damit. Brasiliens neuer, ultrarechter Präsident Jair Bolsonaro gilt als Klimawandelleugner. Als Umweltschützer im Sommer dieses Jahres ob der tausenden Brandherde in der "grünen Lunge der Welt" Alarm schlugen, reagierte er nicht etwa mit Verständnis, sondern mit heftigen Attacken. Erst nach massivem internationalen Druck erließ Bolsonaro schließlich im August ein 60-tägiges Verbot für die Brandrodung von Waldflächen im Regenwald. Seitdem hat er allerdings schon wieder eine Reihe umweltschützender Maßnahmen kassiert.

Darüber hinaus fiel Bolsonaro immer wieder mit homophoben, frauenfeindlichen und rassistischen Aussagen auf. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - ist sein Rückhalt in der Bevölkerung zum Teil groß. Vor allem christlich-konservative Bürger finden den "Hardliner" Bolsonaro gut. Mindestens genauso viele Menschen lehnen ihn dagegen strikt ab. Immer wieder gibt es in brasilianischen Großstädten Protestmärsche von Anhängern und Gegnern Bolsonaros.

Die Lage hat sich in den letzten Tagen noch einmal zugespitzt – Schuld daran ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs des Landes. Demnach dürfen Straftäter erst dann ins Gefängnis gesperrt werden, wenn sämtliche Rechtsmittel ausgeschöpft wurden. Daraufhin kamen hunderte Verurteilte frei – darunter auch der wegen Korruption verurteilte Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Unter dem frenetischen Jubel seiner Anhänger verließ Lula das Gefängnis – und teilte sofort gegen die aktuelle politische Führung aus. So bezeichnete er Bolsonaro als "Schurken" und sagte, er wolle "zeigen, dass dieses Land viel besser sein könnte, wenn es einen Präsidenten hätte, der nicht so viel auf Twitter lügt wie Bolsonaro". Letzterer hatte im vergangenen Jahr während seines Wahlkampfes verkündet, er wolle, dass Lula "im Gefängnis verrottet". Anhänger und Gegner beider Politiker gingen seitdem in vielen Städten auf die Straße, um zu protestieren. Eine Ende ist vorerst nicht in Sicht.

Libanon

Seit Mitte Oktober wird der Libanon von einer beispiellosen Protestwelle erschüttert. Das Mittelmeerland ist hoch verschuldet und kämpft mit einer schweren Wirtschaftskrise. Die Demonstranten machen die gesamte politische Elite für die desolate Wirtschaftslage verantwortlich: Sie werfen den Parteien vor, sich selbst zu bereichern, ohne eine Antwort auf die gravierende Überschuldung des Landes und andere drängenden Probleme wie die chronische Müllkrise und die ständigen Stromausfälle zu finden.

Video: Erneut Massenproteste im Libanon

Zum sozialen Unfrieden trägt bei, dass viele Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Nordafrika im Libanon stranden, was die ohnehin schon angespannte finanzielle und politische Lage zusätzlich verschärft. Mittlerweile haben sich auch Schüler und Studenten den Protesten angeschlossen. Hunderte von ihnen gingen in Beirut und anderen Städten auf die Straße. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Am Dienstagabend kam dabei ein Demonstrant südlich von Beirut ums Leben. Ein Soldat hatte ihn niedergeschossen. 

Die Proteste legten das öffentliche Leben in Beirut teilweise lahm und führten schließlich zum Rücktritt von Ministerpräsident Saad Hariri. In einem nächsten Schritt muss Präsident Michel Aoun mit den parlamentarischen Blöcken verhandeln, damit ein Nachfolger benannt werden kann. Dieser zog nun neuen Ärger der Demonstranten auf sich: In einem TV-Interview rief er dazu auf, die Proteste zu beenden, weil das Land ansonsten vor einer "Katastrophe" stehe. "Das Land wird sterben, wenn die Demonstranten auf der Straße bleiben, selbst wenn wir gegen sie keine Gewalt einsetzen", erklärte Aoun. Kurz nach dem Interview kam es in Beirut zu neuen Protesten.

Irak

Was derzeit im Irak passiert, beschreibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International als "blutige Tage übermäßiger Gewalt". Seit Anfang Oktober gehen Zehntausende Menschen auf die Straße, um für Reformen in dem konservativen Land zu demonstrieren. Sie beklagen unter anderem eine hohe Arbeitslosigkeit und Korruption in dem Land und fordern den Sturz der Regierung. Hunderte sind dabei bereits gestorben.

Die Parteien und politischen Akteure im Irak sind zutiefst zerstritten. Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi gelang es zuletzt jedoch, nach tagelangen Gesprächen die Konfliktlinien aufzulösen und Reformen anzukündigen. Im Gegenzug erwartete er eine offizielle Billigung seiner Vorgaben in Sachen Sicherheitspolitik: Mit brutaler Härte gehen Polizisten auf den Straßen gegen die Protestler vor, es wird scharf geschossen. Amnestys Recherchen zufolge setzten Sicherheitskräfte neben ihrer scharfen Munition auch Tränengasgranaten ein, die eher töten sollen als Proteste auflösen. Auch Scharfschützen sollen im Einsatz sein. Seit Beginn der Demonstrationen sind nach offiziellen Angaben mindestens 319 Menschen ums Leben gekommen. Teile Bagdads glichen am vergangenen Wochenende einem Schlachtfeld.

Trotz der Gewalteskalation und nächtlichen Ausgangssperren gehen die Iraker aber weiter auf die Straße. 

Hongkong

In der chinesischen Sonderverwaltungszone wird bereits seit mehr als fünf Monaten demonstriert. Die Proteste entzündeten sich anfangs an einem höchst umstrittenen Gesetz zu Auslieferungen Hongkongs an China. Tagelang gingen Menschen dagegen auf die Straße – die Regierung unter Carrie Lam zog das Gesetz schließlich zurück.

Doch die Protestwelle war da schon längst unaufhaltsam angeschwollen – und hält bis heute an. Mittlerweile geht es nicht mehr nur um das Gesetz, sondern um die zunehmende Polizeigewalt und die Angst der Hongkonger vor dem wachsenden Einfluss Chinas. So gilt auch die verhasste Regierungschefin Lam nur als Marionette Pekings. Die Protestler unter der Führung von Joshua Wong und anderen, jungen Aktivisten fordern ihren Rücktritt sowie uneingeschränkte Meinungsfreiheit und eine größere Autonomie Hongkongs.

Die Demonstrationen wurden zunehmend größer und gewalttätiger und weiteten sich auch auf den örtlichen Flughafen, Züge, Busse, Behörden und andere Einrichtungen aus. Mehr als 2000 Menschen wurden bereits festgenommen, zahlreiche verletzt. Erst am Beginn dieser Woche spitzte sich die Lage zu, als Polizisten teilweise aus nächster Nähe auf Demonstranten schossen. So wurde etwa ein 21-Jährigen am Bauch getroffen und musste notoperiert werden. Radikale Protestler setzten einen Regierungsanhänger in Brand, der ebenfalls schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Sein Zustand ist kritisch.

Hongkong: Polizist schießt bei Handgemenge auf Demonstranten

Am Dienstag wurde insbesondere der Campus der China University Hongkong zur Kampfzone. Mindestens 80 Studenten vom chinesischen Festland verließen daraufhin die Stadt, weil sie fürchteten, ins Visier der Demonstranten zu geraten. Auch Studenten aus Taiwan traten die Heimreise an. Eine dänische Universität legte am Mittwoch ihren in Hongkong lebenden Studenten die Rückreise nach Dänemark nahe. Die Hochschule habe sich zu dem Aufruf entschlossen, nachdem sie Berichte gesehen habe, wonach Studierende ihre Wohnheime verlassen mussten, weil diese in Brand gesetzt worden seien, sagte der Rektor der Technischen Universität Dänemarks (DTU).

Indonesien

Auch in Indonesien sind es vor allem junge Leute, die auf die Straße gehen. Ihr Protest entzündete sich an einem neuen Gesetz, das die Regierung in Jakarta plante. Es sah vor, das bereits in einigen Provinzen geltende muslimische Recht der Scharia auf den Rest des Landes auszuweiten. So sollte es künftig verboten sein, dass Paare vor der Hochzeit zusammenziehen – bei Missachtung drohten sechs Monate Haft. Auch außerehelicher Sex, Abtreibungen ohne Zustimmung eines Arztes, Aufklärung über Verhütungsmittel und Beleidigung des Präsidenten sollten strafbar werden.

Den meisten jungen Leuten gingen die Maßnahmen viel zu weit – sie wehrten sich gegen zunehmend fundamentalistische Kräfte, die dem Land ultrakonservative, neue Gesetze überstülpen wollen. Da das Gesetz auch für Ausländer gelten sollte, befürchteten vor allem auch die vom Tourismus lebenden Indonesier, dass ihnen massive Einbußen drohen könnten, wenn Urlauber aus Angst vor dem Gesetz nicht mehr ins Lande kämen. So gab es in Jakarta, aber auch anderen Großstädten des Landes massive Proteste. Die Polizei setzte Tränengas ein, die Demonstranten vermummten sich.

Die Abstimmung über den Gesetzentwurf ist nach den massiven Unruhen zwar erst einmal verschoben, die Situation bleibt jedoch weiter angespannt.

Peru

Korruption ist in Peru ein weit verbreitetes Problem. Präsident Martín Vizcarra wollte sie eigentlich bekämpfen – doch seine Bemühungen mündeten in einer Staatskrise. Vizcarra entließ nach Wochen der Streitereien das Parlament: Anstatt ihm dabei zu helfen, gegen Vetternwirtschaft und Mauscheleien vorzugehen, hätten sie seine Agenda nur torpediert, behauptete der Präsident.

Stärkste Partei im Parlament ist die "Fuerza Popular" ("Volkskraft"). Sie wird von Keiko Fujimori angeführt, die die Tochter des wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilten Ex-Präsidenten Alberto Fujimori (1990-2000) ist und derzeit selbst wegen Korruptionsvorwürfen in Untersuchungshaft sitzt. Anhänger des Präsidenten und seiner politischen Gegner gehen immer wieder auf die Straße, um ihrem Ärger über die jeweils andere Seite Luft zu machen.

Haiti

Seit Wochen gibt es in dem Karibikstaat Proteste. Ihr Auslöser: Präsident Jovenel Moïse, der unter mehrfachem Korruptionsverdacht steht. Tausende Menschen fordern seinen Rücktritt und soziale Reformen in Haiti. Die Wut und Verzweiflung der Menschen schlägt teilweise in Gewalt um, die Polizei reagiert mit Härte. Mehrere Menschen sind bereits ums Leben gekommen.

Die Lage im Land ist teilweise katastrophal: Die medizinische Versorgung ist teilweise zusammengebrochen, viele Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Lebensmittel sind knapp, Verkehrswege kaputt oder blockiert, Schulen mussten schließen. Zusätzlich kämpft das Land immer noch mit Auswirkungen von Hurrikans und Erdbeben in der jüngsten Vergangenheit. Tausende Menschen sind obdachlos.

Ecuador

In Ecuador gehen vor allem indigene Einwohner auf die Straße: Sie protestieren gegen die von der Regierung beschlossene Streichung von Benzinsubventionen. Die Demonstrationen wurden in den letzten Wochen zunehmend gewalttätiger: Protestler steckten unter anderem den Rechnungshof in Quito in Brand, die Polizei ging mit Tränengas und gepanzerten Fahrzeugen gegen sie vor. Mehrere Menschen kamen ums Leben, Hunderte wurden verletzt.

Die Kürzung der Subventionen um jährlich 1,2 Milliarden Dollar hatte die Regierung von Präsident Lenin Moreno beschlossen, um eine Auflage des IWF zu erfüllen. Nur so wurde dem Land ein Kredit von 4,2 Milliarden Dollar bewilligt. Durch die Maßnahme kostete der Liter Diesel plötzlich das Doppelte – vor allem indigene Bauern litten unter dem Preissprung. Mittlerweile hat die Regierung die Subventionsstreichung zwar kassiert, das Problem der hohen Verschuldung und sozialen Ungleichheit in Ecuador bleibt aber weiterhin.

Venezuela

Die Situation ist in Venezuela seit Beginn des Jahres teilweise katastrophal: Hunger, Inflation und zusammengebrochene Infrastruktur trieben Millionen Venezolaner auf die Flucht. Hintergrund der desolaten Staatslage ist unter anderem der erbitterte Machtkampf zwischen Staatschef Nicolás Maduro und dem selbst ernannte Interimspräsidenten Juan Guaidó.

Maduro stützt seinen Machterhalt zum größten Teil auf die Gefolgstreue des Militärs. International halten China, Russland, Kuba, Nicaragua und das aktuell im Chaos versinkende Bolivien noch zu ihm. Guaidó wird auf dem internationalen Parkett zwar stärker hofiert - unter anderem von den USA, vielen lateinamerikanischen Ländern und der EU -, kann sich in Venezuela selbst aber nicht durchsetzen. Die humanitäre Lage in dem einst reichen Land mit den größten Erdölreserven der Welt ist katastrophal: Es fehlt an Lebensmitteln, Medikamenten und Dingen des täglichen Bedarfs. Ständig fällt der Strom aus, das Bildungswesen ist weitgehend zusammengebrochen. 

Zwar kommt es kaum noch zu Massendemonstrationen gegen die sozialistische Regierung wie Anfang des Jahres, aber die Menschen stimmen mit den Füßen ab: 4,5 Millionen der gut 30 Millionen Venezolaner haben das Land bereits verlassen. Vor allem das Nachbarland Kolumbien gerät bei der Aufnahme der Flüchtlinge und Migranten zunehmend an seine Grenzen.

Pakistan

Seit Anfang Oktober gehen in Pakistan immer wieder Zehntausende auf die Straße. Der Massenprotest wird angeführt von der politischen Opposition des Landes. Sie will die Demonstrationen von der Hauprstadt Islamabad aus auf das ganze Land ausgedehnt, sagte Akram Khan Durrani von der konservativ-islamischen Partei Jamiat Ulema-e Islam F (JUI-F). Dabei sollen Stadtzentren und Autobahnen blockiert und das öffentliche Leben zum Stillstand gebracht werden.

Im Zentrum des Zorns der Bevölkerung steht Ministerpräsident Imran Khan. Er hatte nach seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr seinen Wählern einen islamischen Wohlfahrtsstaat versprochen. Nach 15 Monaten im Amt befindet sich Pakistans Wirtschaft aber im freien Fall. Die Inflation ist auf über zehn Prozent gestiegen. Auch Arbeitslosigkeit und Kriminalität haben massiv zugenommen. Auch die mächtige Armee steht unter Druck: Ihr wird vorgeworfen, durch Manipulation der Wahlen Khan überhaupt erst an die Macht gebracht zu haben. Die Militärführung dementiert das.

Argentinien

Argentinien war einst eines der reichsten Länder der Welt. Doch in den letzten Jahren nahm die Armut massiv zu: Allein 2018 rutschten nach Angaben der Statistikbehörde 3,4 Millionen Argentinier in die Armut ab. Nun leben 35,4 Prozent der Menschen in dem südamerikanischen Land unterhalb der Armutsgrenze. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,1 Prozent und einer Inflationsrate von 54,4 Prozent. 

Die desolate Lage und schlechten Aussichten treiben immer mehr Argentinier auf die Straßen. Gewerkschaften und soziale Bewegungen rufen zu Demonstrationen auf, denen sich zehntausende anschließen und so immer wieder unter anderem die Hauptstadt Buenos Aires lahmlegen. Die Menschen fordern mehr Sozialmaßnahmen – und viele von ihnen setzen ihre Hoffnung dabei auf die ehemalige Staatschefin Cristina Kirchner, die als Vizepräsidentin nun wieder in die Regierung einzieht. Allerdings läuft gehen sie ein knappes Dutzend Ermittlungsverfahren wegen Korruption – Zündstoff für weitere Proteste.

Disclaimer: Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

mit Material von DPA und AFP