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Mediziner bei Fridays for Future: 42° = 112: Warum die Klimakrise längst ein Fall für die Notfallrufnummer ist

Rund 1,4 Millionen Menschen waren bei den Friday-for-Future-Demos in Deutschland unterwegs, ein Großteil davon in Berlin. Dort mischten sich unter die Protestler auch namhafte Mediziner – und die bezogen eindeutig Position.

Von Christoph Koch

Bundeskanzlerin Angela Merkel sitzt im blauen Blazer und mit geschlossenen Augen auf einem Podium unter dem Wort "Klimaschutz"

Hier, wo wir stehen, ist einmal ein Wunder geschehen. Exakt hier ragte sie auf, die massive Mauer, hinter der sie Sozialismus simulierten. Fast genau 30 Jahre ist es her, dass die Menschen sie eroberten und zum Hammer griffen, um die ersten Steine herauszuhauen. Nicht ein Jahr später war die innerdeutsche Grenze Geschichte. Kaum einer hatte das für möglich gehalten. Und doch stehen wir hier, in der einstigen Sperrzone, ständig werden wir mehr – Demonstrationszüge kommen vom Großen Stern, vom Potsdamer Platz und die Linden hinauf, und die, die von Osten herziehen, schlendern einfach durch das Brandenburger Tor. Ein Wunder eben.

Die Freitagsdemonstration von Berlin ist die größte an diesem 20. September, gefolgt von Hamburg und München – aber der Platz des 18. März ist nur ein Ort von Hunderten in Deutschland, an denen Aktionen gegen die Klimakrise den Tag bestimmen. Einer nur von Tausenden in der ganzen Welt. Doch diese Kundgebung ist es, die am nächsten dran ist an den Entscheidungszentren der deutschen Politik: Der Reichstag ist nur 200 Meter entfernt, das neu eröffnete Museum "Futurium", wo die Bundesregierung in wenigen Stunden ihr Klima-Paketchen vorstellen wird, bloß einen halben Kilometer.

"Gegen Klima gibt es keine Tabletten"

Was Merkel und ihre Minister beschlossen haben, ist für die, die sich im Herzen der Stadt versammelt haben, kein Durchbruch, ist viel zu wenig. Sie empfinden das nicht einmal als Etappensieg. Wo auch immer man später an diesem Freitag Meinungen dazu hört, herrscht Enttäuschung. Vor allem aber Entschlossenheit, weiterzumachen – und den mittlerweile vier Generationen übergreifenden Protest noch größer zu machen.

Detlev Ganten ist hier, er tritt auf die Bühne unter der Quadriga. Fünf Jahre lang war der Professor der Chef der Charité, Europas größter Universitätsklinik. Heute ist er Präsident des Weltgesundheitsgipfels, der Ende Oktober wieder in Berlin zusammenkommt, um globale Gesundheits-Fragen zu beraten. Ganten sagt: Die Klimakrise ist eine der größten darunter, wenn nicht gar das alles entscheidende medizinische Kernproblem für die absehbare Zukunft. Und: "Gegen Klima gibt es keine Tabletten" – Ganten fordert von Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, gemeinsame Lösungen zu finden, und dann dankt der 78-jährige Forscher von Weltrang den zehntausenden Schülern und Studierenden, die er da vor sich sieht: "Ihr seid der Motor und die Kraft hinter diesen Zielen. Ohne Euch säße die Koalition jetzt nicht da im Kanzleramt und würde den Druck spüren, dass wirklich etwas geschieht."

Die Klimakrise ist ein Fall für die Notrufnummer

Eckart von Hirschhausen ist da, er macht die Rechnung auf, die er und eine wachsende Bewegung von Bündnispartnern aus der Medizin uns präsentieren: 42° = 112. Schräge Arithmetik, scheinbar, sie soll uns sagen: Die Klimakrise hat höchste medizinische Dringlichkeit, sie ist ein Fall für die Notrufnummer – bei 42 Grad Celsius lag in diesem Sommer die höchste gemessene Temperatur in Deutschland.

Sylvia Hartmann ist da, noch Medizinstudentin, bald Ärztin, eines der Gesichter von Fridays for Future und ebenfalls ganz wesentlich daran beteiligt, dass sich an die Kundgebung vor dem Brandenburger Tor nahtlos eine weitere anschließt. Direkt vor dem markanten Bettenhaus der Charité mitten in Mitte haben sich Ärzte versammelt, diverse Pflegeberufe, einige Patienten, Wissenschaftler. Der oberste Chef der riesigen Klinik, Heyo Kroemer, ist gekommen auch Peter Bobbert, Vorstand der Ärztekammer Berlin. Bobbert stellt jungen Aktivisten gegenüber eindeutig klar: "All denjenigen, die immer noch glauben, den Klimawandel verneinen zu können oder dessen Konsequenzen nicht sehen zu wollen und nichts tun zu wollen, denen sagen wir heute: Die Ärzteschaft steht nicht hinter denen, die stehen alleine da. Wir stehen hinter Euch, ihr steht auf der richtigen Position."

WHO: Bald 250.000 klimabedingte Todesfälle – pro Jahr

Und das ist keine einseitige Parteinahme, keine politische Präferenz, sondern, so hat es der Weltärztebund längst beschlossen, und sein Präsident Leonid Eidelmann rief wiederholt Ärzte in aller Welt auf, die Politik zum Handeln anzuhalten. Die Weltgesundheitsorganisation befürchtet für die Zeit von 2030 bis 2050 250.000 klimabedingte zusätzliche Todesfälle pro Jahr. Sie sorgt sich um die Wasserversorgung von Hunderten Millionen Menschen, wegen extremer Hitze und der Gefahr von Seuchen. Wie beim weltweiten Aktionstag am 20. September sind die Mediziner rund um den Globus aktiv, um das Thema voranzubringen und die Klimawende zu schaffen.

Die große stern-Familie ist dabei: Wie Magazin-Macher Eckart von Hirschhausen in Berlin sprach in München Joko Winterscheidt zu den Demonstrierenden, und in unserem Verlagshaus war es einem jeden freigestellt, an diesem 20. September demonstrieren zu gehen. Im stern dieser Woche haben wir einen vielseitigen Schwerpunkt zum Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit gesetzt – und anders, als manch biestiger Zeterer behauptet, keinen Zollbreit journalistischer Unabhängigkeit preisgegeben, um die Dinge so zu sagen, wie sie sind: Die Gleichung 42° = 112 geht auf. Vielleicht geschieht bald wieder einmal ein Wunder, und jeder schafft es, sich das selber auszurechnen.

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