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Ex-Präsident Morales im Exil: In Bolivien endet eine Ära – nun herrschen Gewalt, Angst, Chaos

Gewalt. Chaos. Anarchie. Wohin steuert das einstige Vorzeigeland Bolivien? Wer hat die Macht in La Paz? Ex-Präsident Morales hat sein Land inzwischen verlassen, auch andere Politiker leben in Angst. Die Polizei ist hilflos.

Nach wochenlangen Protesten: Boliviens Präsident Morales will zurücktreten – und spricht von "Putsch"

14 Jahre war es ruhig. 14 Jahre lang genoss Bolivien eine fast unheimliche Stabilität. Das Land, das unter so viele Krisen und Diktaturen gelitten hatte, erlebte starkes Wachstum und mehr soziale Gerechtigkeit und eine größere Inklusion von Indigenen und tatsächlich etwas geradezu Unbekanntes: politische und wirtschaftliche Stabilität.

Der Präsident in den 14 Jahren: Evo Morales. Der erste indigene Präsident Lateinamerikas. Der dienstälteste Präsident des Kontinents. Eine historische Figur.

Boliviens Ex-Präsident Morales im Exil

Nun ist alles anderes. Nun erlebt Bolivien Tage des Chaos, ja sogar der Anarchie und ein Ende ist nicht in Sicht. Täglich gibt es neue Kämpfe zwischen Anhängern von Evo Morales und der Opposition. Täglich werden Häuser von Politikern angegriffen, ja sogar Polizeistationen.

Szenen aus Bolivien

Straßenschlachten, Feuer, Gewalt und Leid: Bolivien versinkt im Chaos

DPA

Und fast stündlich stellen sich neue, wegweisende Fragen, während nur eines sicher ist: Präsident ist Morales nicht mehr, nach 14 Jahren im Amt. Er trat zurück, nachdem die Bürger zu Zehntausenden protestierten und Militär und Polizei ihm als Folge der erwiesenen Wahlfälschungen bei den Wahlen am 20. Oktober die Treue verweigerten.

Morales ist inzwischen in Richtung Mexiko aufgebrochen. "Es schmerzt mich, das Land aus politischen Gründen zu verlassen, aber ich werde mich immer kümmern. Bald komme ich mit mehr Kraft und Energie zurück", schrieb er bei Twitter. Zuvor hatte die Regierung in Mexiko-Stadt erklärt, Morales aus humanitären Gründen Asyl zu gewähren. Das Leben des Ex-Präsidenten sei in Bolivien in Gefahr, sagte Mexikos Außenminister Ebrard. 

Chaos, Chaos, Chaos

Wer ist dann der neue Präsident in Bolivien? Auch der Vize trat zurück, die Nummer zwei, sowie der Vorsitzende des Senats, die Nummer drei, und der erste Vize des Senats, die Nummer vier, sowie viele andere Politiker.

Auch hier: Chaos.

Jetzt will die zweite Vizepräsidentin des Senats das Amt vorübergehend bis zu Neuwahlen übernehmen, Jeanine Añez, von der Oppositionspartei Demokratische Union. Aber Morales‘ Partei MAS stellt die Mehrheit im Parlament. Und Añez musste bei ihrem Besuch im Senat aus Angst vor Morales‘ Anhängern gleich von den Streitkräften an einen unbekannten Ort evakuiert werden.  

Auch hier: Chaos.

Wer hat dann die Macht? Nicht die Regierungspartei MAS, denn viele Abgeordnete traten zurück, andere flüchteten in Botschaften oder gleich nach Mexiko. Auch nicht die Opposition, denn sie hat keine Mehrheit. Das Militär also? Das Morales zum Amtsverzicht drängte? Ein Putsch?

Evo Morales selber spricht vom Staatstreich. Er sagt: "Die Putschisten haben den Rechtsstaat zerstört. Gewalttätige Gruppen haben mein Haus angegriffen."

In der Tat zeigen Videos in den sozialen Medien ein geplündertes Haus, das Evo Morales gehören soll. Auch das Haus seiner Schwester wurde angegriffen. Oppositionsführer Carlos Mesa warnte auf Twitter, dass ihm mitgeteilt wurde, dass auch sein Haus Zielscheibe sei – allerdings von Morales‘ Anhängern.

Auch hier: Chaos.

Wer hat die Macht in den Straßen? Auch das ist ungewiss. Es gab viele Plünderungen, ja Angriffe auf die Häuser der Politiker, bei denen die Polizei nicht eingriff. Es gab Angriffe auf Polizeistationen. In La Paz blieben viele Geschäfte am Montag geschlossen, aus Angst vor Plünderungen. Geschäftsinhaber organisierten Bürgerwehren. Die Polizei forderte in ihrer Hilflosigkeit Nachbarn auf, Barrikaden zu errichten gegen die Angreifer. Sie forderte zudem das Militär auf, die Straßen einzunehmen, weil die Polizei selber überfordert sei.

Auch hier also: Chaos.

Bolivien: Ex-Präsident Evo Morales akzeptiert Asyl in Mexiko

Die Gräben werden tiefer

Eine Polizei, die das Militär um Hilfe bittet.

Ein Militär, das den Präsidenten absetzt.

Ein Präsident, der sich wie ein Führer auf Lebenszeit benahm.

Anhänger von Morales, die vom Hochland aus, von El Alto, seine Gegner bekämpfen.

Feinde von Morales, die von Santa Cruz aus, vom Flachland, seine Anhänger bekämpfen.

Die Gräben sind tief und werden nun noch viel tiefer. Zwischen Armen und Reichen. Zwischen Flachland und Hochland. Zwischen Weißen und Indigenen. Vor allem zwischen Evo-Anhängern und Evo-Feinden.

Die Zeit der Stabilität in Bolivien ist bis auf Weiteres vorbei.

wue