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Florida: Nach Parkland-Massaker: Der Aufschrei der Opfer, die zu Helden wurden

Nach dem Schulmassaker mit 17 Toten in Florida mobilisieren Teenager gegen die Waffenlobby, aus Trauer und Wut ist eine Kampagne geworden. Zu Besuch bei Opfern, die jetzt Helden sind.

Parkland-Massaker: Der Aufschrei der Opfer, die zu Helden wurden

"Schützt Kinder, nicht Waffen": Schüler einer Highschool in West Palm Beach bei einer Demonstration am vergangenen Freitag als Reaktion auf das Schulmassaker von Parkland

Als Sam Zeif versuchte, seinem völlig aus den Fugen geratenen Leben zumindest den Anschein von etwas Normalität zu geben, stand er früh auf, fütterte die Hunde, putzte sich die Zähne, zog die Uniform eines mexikanischen Fast-Food-Ladens an, setzte sich in seinen weißen Acura und fuhr zur Arbeit.

Was er hier mache, fragte sein Boss an diesem Sonntagvormittag. Burritos, sagte Sam, wie immer. Es sei doch seine Schicht.

Oh Kid, antwortete sein Boss. Vor zehn Tagen seid ihr, du und dein kleiner Bruder, fast abgeknallt worden, in der Woche danach hast du Donald Trump im Weißen Haus die Meinung gegeigt, dein bester Freund Joaquin ist tot, und unser Land steht wegen dir und deiner Kumpel vielleicht vor einem der größten Umbrüche der vergangenen Jahre. Und jetzt willst du Burritos machen?

"Sei positiv, sei leidenschaftlich, sei ein stolzer Adler!"

Der Boss schaute Sam in die Augen. Als der schlaksige Junge mit dem Ziegenbart das letzte Mal vor ihm gestanden hatte, war dieser noch ein Kind. Jetzt sah er einen Erwachsenen. Er umarmte Sam und sagte, wie stolz er auf ihn sei. Dann schickte er ihn nach Hause.

Dort, im Haus seiner Eltern, sitzt Sam nun in einem hellen Ledersessel und erzählt diese Geschichte. Draußen lässt die Pumpe den Pool plätschern, sonst ist es still in dem großen Haus in Parkland, einer kleinen Stadt etwa 50 Kilometer nördlich von Miami. Es ist von außen eine heile Welt, die Sonne brennt, Palmen säumen die Straßen, die Hecken in den Vorgärten sind sorgsam gestutzt. Wie die meisten Wohnhäuser liegt auch das Haus von Sams Familie in einer "Gated Community", wohlbehütet und bewacht hinter Mauern und Schranken.

Einer der Hunde hat seinen Kopf auf Sams Knie gelegt. Vor zehn Minuten hat Sam seine Arbeitsuniform getauscht gegen Gummischlappen, eine kurze Hose und ein Stoneman-Douglas-Highschool-T-Shirt. Es ist das T-Shirt einer Schule, die schon jetzt in die Geschichte eingegangen ist. Ein wenig wie auch Sam selbst. Der Spruch der Highschool, deren Symbol ein Weißkopfseeadler ist, lautet: "Sei positiv, sei leidenschaftlich, sei ein stolzer Adler!"

Emma Gonzalez (links) gilt als eine der Anführerinnen

Emma Gonzalez (links) gilt als eine der Anführerinnen

Sam gehört zu den Schülern, die am Valentinstag nur knapp den Schüssen aus dem Sturmgewehr eines Mitschülers entkommen sind. 14 andere Schüler und drei Lehrer hatten dieses Glück nicht. Sams kleiner Bruder Matthew wurde von einem Lehrer in einen Klassenraum gerettet. Der Lehrer starb im Flur im Kugelhagel.

Sam gehört zu den Schülern, die in den vergangenen Tagen bekannt wurden, weil sie Präsident Trump und die mächtige Waffenorganisation NRA (National Rifle Association) herausfordern. Sie verlangen striktere Waffengesetze, Sturmgewehre sollen ganz verboten werden.

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Eine individuell zusammengestellte "custom made" Ar-15

Eine individuell zusammengestellte "custom made" Ar-15

Sam nahm an einem Treffen mit Schülern bei Donald Trump im Weißen Haus teil. Er verstehe nicht, sagte er dort im Stuhlkreis sitzend und mit den Tränen kämpfend, warum man noch immer eine "AR" einfach im Supermarkt kaufen könne. Bei vielen der schlimmsten Massentötungen in den USA kam eine solche AR-15 zum Einsatz, es ist die zivile Version des Armeesturmgewehrs M 16. Sam sagte Trump, es könne nicht sein, dass er sich nicht sicher fühle in seiner eigenen Schule. Trump schlug daraufhin vor, auch Lehrer zu bewaffnen.

"Der dümmste Vorschlag in der Geschichte der Menschheit", nennt Sam das jetzt. "Wozu soll das führen? Dass Lehrer demnächst auf Kinder schießen?"

Beim Massaker an der Sandy-Hook-Schule 2013 starben 20 Kinder

Parkland, Sams Heimat, ist eine idyllische und friedliche Gemeinde. Man kennt sich. Emma Gonzalez, das Mädchen mit der Raspelfrisur, dessen wütende Rede die Welt rührte, ist mit Sam seit zwölf Jahren befreundet. Sie wohnt die Straße runter in derselben Gated Community wie Sams Familie. Die Anlage gehöre zu den zehn sichersten Floridas, erzählt Sam. So wie auch die Schule die beste des Bezirks ist. Die, die jetzt rebellieren, sind aufgewachsen in Geborgenheit. Im Glauben, dass Sicherheit Realität sein kann, nicht nur Utopie. Bis zu dem Tag, an dem sie ihre Freunde sterben sahen.

In den vergangenen beiden Wochen haben die Schüler den amerikanischen Präsidenten, Abgeordnete und Waffenlobbyisten vor sich hergetrieben wie Hirten ihr Vieh. David Hogg, ein anderer Schüler, nannte jeden Politiker, der Geld von der NRA annimmt, einen Kindermörder. Cameron Kasky, auch ein Schüler, machte Marco Rubio, den republikanischen Senator für Florida, auf einer Veranstaltung unter den Buhrufen seiner Mitschüler mundtot. Noch nie haben die Opfer eines Schulmassakers sich so schnell, mutig und gemeinschaftlich gewehrt. Noch nie wurden aus Opfern so schnell Helden. Was gerade in den USA geschieht, ist ein Protest, der von innen kommt. Etwas ist anders. Es werden nicht mehr nur "Thoughts and Prayers" bemüht, Gedanken und Gebete, wie sonst nach Amokläufen. Die 16-, 17-, 18-Jährigen wollen nicht mehr hinge halten werden. Sie wollen nicht, dass irgendwann etwas passiert. Sondern jetzt.

David Hogg ist mittlerweile in Talkshows zu Gast

David Hogg ist mittlerweile in Talkshows zu Gast

Und sie wollen deshalb dorthin gehen, wo Politik entschieden wird: nach Washington. Für den 24. März haben sie unter dem Motto "March For Our Lives" – Marschiert für unsere Leben – eine Demonstration angemeldet. Mehrere Hunderttausend Menschen werden erwartet. Die Social-Media-Kampagne dazu läuft bereits auf allen Kanälen. Allein Emma Gonzalez folgen auf Twitter nun schon mehr Menschen als der NRA. Spenden kamen von Steven Spielberg, Amal und George Clooney und Oprah Winfrey. Zuspruch von den Obamas und Barbra Streisand.

Die Kinder von Parkland, das ist es, was das liberale Amerika fasziniert, sind noch nicht vom Leben desillusioniert. Ihre Ideale sind so groß wie ihre Wut. Und im Gegensatz zu den Grundschülern, die vor fünf Jahren vom Massaker an der Sandy-Hook-Schule betroffen waren – damals starben 20 Kinder –, sind die Schüler aus Parkland und ihre Anhänger demnächst wahlberechtigt. Junge Bürger wie Emma Gonzalez oder Sam Zeif werden die Zwischenwahlen im November mitentscheiden. Und seit sie die Botschaft in die Welt tragen, dass jeder, der Geld von der NRA nimmt, Blut an den Händen habe, distanzieren sich Firmen von der Waffenlobby. Hertz, United Airlines, Delta – sie alle haben Rabattprogramme mit der NRA gekappt. Selbst Donald Trump hat seinem Instinkt folgend den Zeitgeist erkannt und minimale Zugeständnisse gemacht.

"We just do it!" – Wir machen einfach!

Im Haus in Parkland sagt Sam, sein Chef im Fast-Food-Laden habe recht gehabt: Sein Leben und das der anderen werde nie wieder so sein wie zuvor. Sie hätten jetzt alle eine Aufgabe. Und die zu erfüllen, das seien sie ihren getöteten Freunden schuldig. Sam sagt, er sei wütend auf das, was ihnen genommen wurde im Sunshine State, der doch eher, so formuliert es Sam, ein "Gunshine State" sei – ein Staat, in dem die Waffen scheinen und nicht die Sonne. Dann erzählt er von Joaquin Oliver, seinem besten Freund, der nun tot ist. An jenem Valentinstag hätten sie abends was mit ihren Freundinnen machen wollen. Und am Tag darauf wollten sie eigentlich Sams 18. Geburtstag feiern. Während Sam redet, holt er sein Handy aus der Hosentasche und zeigt ein paar Fotos von ihm und Joaquin, aber dann muss er weinen, und das will er jetzt nicht, deshalb steckt er das Telefon wieder weg.

Sam Zeif griff Donald Trump im Weißen Haus an

Sam Zeif griff Donald Trump im Weißen Haus an

Fast 2000 Kilometer von Sam Zeif in Florida entfernt sitzt David Hogg mit seiner Mutter in einem Hotelzimmer in New York. Auch David ist einer der Schüler von Parkland, mittlerweile ist er eines der Talkshow-Gesichter der Kampagne. Auch jetzt gleich wird er zu einem Termin beim Sender MSNBC aufbrechen. David ist smart, eloquent, nicht immer ganz leicht zu durchblicken. Das brachte ihm bereits den Vorwurf von Verschwörungstheoretikern ein, ein Krisenmanager zu sein, der professionell gegen die Waffenlobby kämpfe. David kann darüber nur lachen.

David Hogg gehört zum innersten Zirkel der Bewegung. Er sagt, er schlafe wenig, aber es gehe ihm gut. Mit Emma und den anderen halte er über einen Chat-Messenger Kontakt. Etwas seltsam sei, dass ihn Leute mittlerweile auf der Straße erkennen würden. Er hatte ja eigentlich – genau wie Sam Zeif – nicht vorgehabt, berühmt zu werden.

David sagt, er und seine Freunde seien auf einer demokratischen Insel aufgewachsen. Niemand unter den Eltern hier habe Trump gewählt, da ist er sich sicher. Auf die Frage, wie sie sich organisieren würden, nun, da die Bewegung so groß geworden ist, antwortet David: "We just do it!" – Wir machen einfach!

Vielleicht macht das den Unterschied zu all den Malen zuvor aus, nach Columbine, nach Sandy Hook. Vielleicht aber wird das auch der Waffenlobby in die Hände spielen, in ein paar Wochen oder Monaten, wenn die Emotionen sich gelegt haben, wenn es wieder um Geld, Macht, Einfluss geht.

Sie hätten einfach losgelegt, weil es sich richtig angefühlt habe. "Es gab ja auch gar keine Diskussionsgrundlage!" , sagt David am Telefon.

Eine Waffenmesse in Florida – nur wenige Tage nach dem Massaker im Bundesstaat

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Wie er sich und die anderen Gründer der Bewegung "Neveragain" beschreiben würde?

"Als eine Handvoll Kids, die die Welt verändern werden."

Die ganze Welt?

Schweigen am anderen Ende.

Hallo?

"Miss you Bro!"

David sagt, er müsse seine Mutter kurz was fragen.

Als er wieder zurück am Telefon ist, sagt er – die Szene wirkt surreal –, er habe plötzlich Angst gehabt, sein Hund sei gestorben. Aber das war nur ein Fehlalarm, ein komisches Gefühl. Wo sei man stehen geblieben?

Bei "die Welt verändern!"

Ja, genau, sagt David Hogg, die Sache mit der NRA, das sei ja erst der Anfang. Als er neulich im Flugzeug saß, um von einem Termin zum anderen zu fliegen, traf er eine Frau aus Puerto Rico. Sie kam auf ihn zu und sagte, sie habe ihn und Emma im Fernsehen gesehen. Ob er und seine Freunde nicht vielleicht auch was für sie tun könnten? In Puerto Rico hatte im vergangenen Jahr ein Hurrikan gewütet, die Insel leidet noch immer unter den Zerstörungen. David Hogg hörte lange zu, dann sagte er, sie müssten jetzt erst mal die Sache mit der NRA und dem Marsch in Washington hinbekommen, aber dann werde er das mit den anderen besprechen.

In Parkland fährt später an diesem Sonntag Sam Zeif zum ersten Mal seit dem Attentat wieder in die Schule. Es habe sich seltsam angefühlt, erzählt er danach, aber auch so, als ob viel passieren würde. Als sei das alles nicht nur das Ende von 17 Leben. Sondern auch ein Anfang.

Zur Rückkehr der Schüler in die Highschool stellen Erwachsene die 17 Opfer als Engel dar

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Am Abend schreibt er eine Nachricht an die Nummer von Joaquin. Er schickt ihm die Basketballergebnisse, weil er nicht sicher ist, ob der Himmel Internet hat. Dann schreibt er noch: "Miss you Bro!"

Sam, der eingesehen hat, dass die Normalität so schnell nicht zurückkehren wird in sein Leben, will jetzt mehr mitmachen bei den Vorbereitungen zum Marsch, bei den Aktionen. Sein Vater hat neulich an alle eine SMS gesendet und gesagt, sie müssten sich dringend zusammensetzen, um über die genaue Strategie zu reden. Je größer die Bewegung werde, desto einheitlicher werde sie handeln müssen.

Ihr habt euch mit der falschen Generation angelegt!

Sam will seine Stimme erheben, weil es sein bester Freund nicht mehr kann. Er will es auch für seinen kleinen Bruder Matthew tun, der ja nur knapp überlebt hat. Sam wird die Highschool in drei Monaten beenden. Matthew muss noch sechs Jahre an den Ort zurückkehren, an dem er beinahe ums Leben kam.

Vor der Stoneman-Douglas-Schule löst sich ein weißer Luftballon von einem der 17 Holzkreuze, die davor aufgestellt sind, und fliegt in den Sonnenuntergangshimmel von Florida. Auf dem Luftballon stehen die Worte: Ihr habt euch mit der falschen Generation angelegt!

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