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Skandal-Kandidat auf den Philippinen: Der Präsidentschaftsbewerber und die Killerbande

Die Philippinen wählen und das Land hat die Wahl zwischen einem faden Promi, einem Ex-Minister sowie einem umtriebigen Bürgermeister, der unverholen zugibt, dass Mord in der politischen Arbeit durchaus eine Option ist.

Rodrigo-Duterte-Plakate für den Wahlkampf auf den Philippinen

Held der Massen: Rodrigo Duterte liegt in den Umfragen zur Präsidentschaftswahl auf den Philippinen fast zehn Prozent vor der Konkurrenz

Da ist das Findelkind, das von einem berühmten Schauspieler adoptiert wurde. Dann ist da der Spross aus reichem Hause und Ex-Präsidenten-Enkel. Und es gibt den Kandidaten, der auf sein Killer-Image stolz ist. "Wer nicht weiß, wie man jemanden umbringt und Angst vor dem Sterben hat, ist nicht fit Präsident zu werden", sagt Rodrigo Duterte. 71 Jahre ist der Mann alt, ist seit 30 Jahren Bürgermeister der Millionenstadt Davao auf der philippinischen Insel Mindanao und will nun Staatschef des asiatischen Landes werden. Willkommen im nächsten Präsidentschaftswahlkampf der rabiaten Art.

Kritiker fürchten Diktatur auf den Philippinen

"Ein Monster", sagt Clarita Alia über Duterte, den in Umfragen führenden Kandidaten. Der Bürgermeister habe vier ihrer Söhne auf dem Gewissen. "Wenn Duterte für das Land tun kann, was er für uns in Davao getan hat, wäre das doch wunderbar", sagt Unternehmerin Catherine Beling dagegen.

Am 9. Mai wählen die 100 Millionen Philippinen ihren nächsten Präsidenten. Dutertes Anhänger jubeln, er habe Davao aufgeräumt und sicher gemacht. So einen brauche das korruptionsgeplagte Land. Kritiker fürchten aber den Absturz in die Diktatur. Duterte, auf Wahlplakaten mit erhobener Faust zu sehen, spaltet.

"Wer in meiner Stadt straffällig wird, ist bald tot"

Ein Augenschein in Davao, dem Reich des umstrittenen Politikers: dass hier die Straßen blitzsauber gefegt sind, fällt sofort auf. Rauchen ist weitgehend verboten, außer auf Parkplätzen. Autos halten sich an Tempo 30, jeder ist angeschnallt. Minderjährige dürfen ohne Begleitung nach 22 Uhr nicht mehr auf die Straße. Und Wiederholungstätern droht die Kugel. Duterte hat offen gewarnt: "Wer in meiner Stadt straffällig wird, ist bald tot."

Dass er Todesschwadronen unterhält, bestätigt er natürlich nicht. "Wenn ich Präsident bin, mache ich in sechs Monaten Schluss mit der Kriminalität. Richtet schon mal mehr Beerdigungsinstitute ein." Er prahlt mit seinem Sexdrive, verstört Frauen mit derben Witzen über ein Vergewaltigungsopfer, das so schön war, dass er am liebsten als erster "dran" gewesen wäre.

Kandidat mit brutalen Ansichten: Rodrigo Duterte

Kandidat mit brutalen Ansichten: Rodrigo Duterte


"Meine Jungs haben gerne einen draufgemacht, das war alles", beteuert Alia. Auf offener Straße wurden sie erstochen: Richard, 18, Christopher, 16, Bobby, 14 und Fernando, 15. "Das haben Dutzende gesehen, aber der Einzige, der sich als Zeuge meldete, ist auch umgebracht worden", sagt die 62-Jährige. Sie sitzt in ihrer kleinen Hütte, kaum mehr als ein Holzverschlag, und kramt vergilbte Fotos hervor. Die Morde passierten zwischen 2001 und 2007.

Eine "Hinrichtung" und keiner traut sich zu beschweren

Vielleicht gehörten Alias Jungen einer Bande an, vielleicht haben sie geklaut, sagen andere. Aber umbringen? "Zwischen 1998 und 2015 haben die Todesschwadronen in Davao 1424 Menschen umgebracht", schreibt Pater Amado Picardal, der lange in Davao lebte. "Es ist bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen worden, es hat keine Untersuchung der Polizei oder Stadtbehörden gegeben." Auch mindestens zwei Duterte-kritische Journalisten wurden nach seinen Angaben ermordet.

Rubylyn Abi-Abi, 47, Mutter von zehn Kindern, hat erst im Januar ihren Sohn Arvee, 21, beerdigt. Ja, er habe mit Drogen gedealt, aber er sei ein kleiner Fisch gewesen. "Würden wir sonst in dieser armseligen Hütte sitzen?", sagt sie in ihrer einfachen Behausung am Strand. Ihr Vater Rosendo Jemenico zeigt, was vor den Augen aller passiert ist. Er nimmt seine Tochter in den Schwitzkasten und setzt die Finger wie eine Pistole an die Schläfe: "Eine Hinrichtung", sagt er. Die Familie traut sich nicht, Beschwerde einzulegen.

Bei Dutetre geht es mehr um Ordnung als um Recht

"Die, die umgebracht wurden, waren schlechte Typen", sagt Unternehmerin Beling. Sie betreibt Ärztepraxen mit Labor und ein Restaurant. Anderswo hat sie Überfälle auf ihr Geschäft, Schutz- und Schmiergelderpressungen erlebt. Vor fünf Jahren zog sie deshalb nach Davao. "Meine drei Töchter können draußen rumlaufen und es passiert ihnen nichts", sagt sie. "Die Leute halten sich hier an die Gesetze, weil sie von Frieden und Ordnung profitieren", sagt sie.

Die Philippinen sind seit dem Sturz von Diktator Marcos 1986 eine lebhafte Demokratie. Doch wirtschaften viele Politiker bis heute in die eigene Tasche. Der scheidende Präsident Benigno Aquino, Sohn eines ermordeten Marcos-Opfers, galt als sauber und war beliebt. Er hat Wachstumsraten von sieben Prozent im Jahr geschafft. Aber nach wie vor lebt ein Viertel der gut 100 Millionen Menschen in Armut. "Die Leute wollen jetzt einen Macher", sagt Benedikt Seemann von der Adenauer-Stiftung. "Duterte ist die Personifizierung von 'Recht und Ordnung', wobei es bei ihm wohl mehr um Ordnung als um Recht geht."

Duterte ist "faschistoid"

"Ich mache mir Sorgen, aber die Leute haben einfach die Nase voll", sagt Benny Bacani, Direktor des IAG-Instituts zur Demokratieförderung in Mindanao. Ein Analyst bezeichnet Duterte als "faschistoid". "Die Demokratie ist womöglich bald vorbei", schreibt Analyst Richard Javad Heydarian. Duterte hat gedroht, wie einst Diktator Ferdinand Marcos Kriegsrecht zu verhängen, wenn das Parlament ihm im Weg steht. Marcos-Sohn "Bongbong", der seinen Vater rehabilitieren will, führt bei den Kandidaten für die Vizepräsidentschaft.

Die beiden anderen Kandidaten, Grace Poe, die lange in den USA lebte und als sauber, aber auch blass gilt, sowie Mar Roxas, Vertreter des Establishments mit miesem Führungszeugnis aus früheren Ministerposten, gelten als chancenlos. Es ist ein wenig wie in den USA, wo mit Donald Trump auch ein Wahlkämpfer der derberen Sorte bei den Menschen punktet. Nur kann Rodrigo Duterte immerhin politische Erfahrung aufweisen – wenn auch eine mehr als fragwürdige.