Polonium-Mord "Haben Sie Litwinenko vergiftet?"


Andrej Lugowoi gilt auf der ganzen Welt als Mörder von Ex-Agent Alexander Litwinenko, der qualvoll an einer radioaktiven Vergiftung starb. Lugowoi lebt in Moskau und führt von einem Hotel aus sein Firmenkonglomerat. stern-Korrespondent Andreas Albes traf Lugowoi zum Interview.

Auf die Firma von Andrej Lugowoi, 41, weist nur ein kleines poliertes Messingschild hin. Es hängt an einer schweren dunklen Stahltür im ersten Stock des Moskauer Radisson Hotels, das man durch eine Lobby betritt, in dessen Mitte ein silberner Lamborghini steht. Eine Klingel gibt es nicht, man muss Lugowoi anrufen, dann öffnet seine Sekretärin Angelina. Er ist Besitzer und Inhaber mehrerer Unternehmen, unter anderem eines Getränkehandels und eines Sicherheitsdienstes.

Am 1. November 2006 trafen er und sein Geschäftspartner Dimitri Kowtun, 42, in der Bar des Londoner Hotels "Millenium" den ehemaligen FSB-Offizier Alexander Litwinenko. An jenem Tag und in jener Bar soll Litwinenko durch radioaktives Polonium 210 in seinem Tee vergiftet worden sein.

Lugowoi, ebenfalls ehemaliger Agent, ist bereit zum Interview. Er sitzt lächelnd hinter seinem Schreibtisch, trägt einen roten Pullover und einen Dreitagebart. An den Wänden hängen Fotos, auf denen er mit dem einstigen Premierminister Egor Gaidar zu sehen ist, ein anderes zeigt ihn an der Seite des Oligarchen Boris Beresowski, dessen Bodyguard er war. Auf Lugowois Schreibtisch liegt eine Ausgabe der englischen Tageszeitung "The Guardian", in der berichtet wird, Scotland Yard habe ihn als den Mann entlarvt, der Litwinenko vergiftete.

Inzwischen sind Sie fast in der ganzen Welt als mutmaßlicher Mörder bekannt.

Ich habe davon auch nur aus der Zeitung erfahren und war ganz schön wütend.

Haben Sie Litwinenko denn nicht vergiftet?

Selbstverständlich nicht. Und mir gegenüber haben die britischen Behörden auch nie eine derartige Beschuldigung ausgesprochen. Ich wurde bei all meinen Vernehmungen, es waren etliche und stundenlange, stets ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ich nicht Verdächtiger, sondern Zeuge bin.

Und was haben Sie getan, als Sie lasen, Großbritannien würde angeblich Ihre Auslieferung fordern?

Wir haben im Internet die Telefonnummer von Scotland Yard in London rausgesucht, dort angerufen und den ermittelnden Agenten verlangt. Ein gewisser Philipp Buts. Als er am Telefon war, habe ich gesagt: "Ich bin's, Andrej Lugowoi. Ich vermute, Sie wollen mit mir reden. Also, was machen wir, Genosse Buts? Fliege ich jetzt zu Ihnen oder Sie zu mir?" Erst herrschte großes Schweigen in der Leitung, dann sagte er, er würde zurückrufen. Hat er aber nicht.

Aber Sie können nicht bestreiten, dass Sie und Ihr Geschäftspartner Kowtun eine Polonium-Spur von Moskau über Hamburg nach England hinterlassen haben. Und dass in London fast alle Orte, wo Sie waren, radioaktiv belastet sind.

Das bestreite ich auch nicht. Trotzdem habe ich Litwinenko nicht umgebracht. Ich habe doch selbst zum ersten Mal im November gehört, was das überhaupt ist, Polonium.

Und Sie haben keine Idee, wie Sie damit in Kontakt kamen?

Doch, die habe ich. Aber darüber rede ich mit der Presse nicht. Das habe ich den russischen und den britischen Ermittlern ausführlich erzählt, und ich will deren Ermittlungen nicht behindern.

Sie, Ihre Frau und Ihre drei Kinder sind ebenfalls mit Polonium belastet. Wie steht's um Ihre Gesundheit?

Ausgezeichnet. Uns geht's allen gut.

Und Ihrem Partner Dimitri Kowtun?

Fragen Sie ihn, er sitzt nebenan.

Wie stark ist die Strahlenbelastung denn?

Auch dass sind Informationen, die unter das Ermittlungsgeheimnis fallen. Ich habe unterschrieben, dass ich nicht darüber rede. Aber ich versichere Ihnen, es besteht keine Gefahr.

Einer der prominentesten Geheimdienstüberläufer, Ex-KGB-Offizier Oleg Gordiewski, der heute ebenfalls in London lebt, sagte neulich: Er könne die Aufregung um Ihre mutmaßliche Schuld nicht verstehen, Sie würden sowieso bald an Poloniumvergiftung sterben. Zynisch, oder?

Der Mann ist ein Verräter, dem in der Sowjetunion die Todesstrafe gedroht hätte. Den Unsinn, den solche Leute von sich geben, kommentiere ich nicht.

Lassen Sie uns noch einmal über das Treffen am 1. November in der Millenium-Bar reden, wo Litwinenko vergiftet wurde. Da waren Sie anwesend, Dimitri Kowtun und ein weiterer Freund von Ihnen, der Ex-Agent Wjacheslaw Sokolenko. Er gehört auch zum Kreis der Verdächtigen.

Sokolenko kam erst, als wir die Bar gerade verließen. Außerdem hat mein Sohn Litwinenko noch begrüßt. Der war beim Treffen dabei. Wir waren in Eile, weil wir uns das Fußballspiel Arsenal gegen ZSKA Moskau ansehen wollten.

Und was ist mit dem asiatisch aussehenden Mann, über den die "Times" berichtete?

Er soll mit einem gefälschten europäischen Pass in der gleichen Maschine wie Kowtun aus Hamburg nach Heathrow geflogen sein. Dimitri kam erstens alleine und zweitens ist er nicht in Heathrow sondern am Flughafen Gatwik gelandet. Dass irgendwelche Asiaten an Bord der Maschine waren, können wir natürlich nicht ausschließen.

Wann haben Sie zuletzt mit Litwinenko gesprochen?

Als er schon im Krankenhaus lag. Wir hatten ursprünglich vor, uns noch im November in Spanien zu treffen. Ich rief ihn an und sagte: "Ich habe gehört, Sie haben dich vergiftet." Er antwortete, ja, und dass er überzeugt sei, Mario Scaramella...

...der italienische Geheimdienstexperte, der mit Litwinenko am 1. November in einem Sushi-Restaurant war...

...hätte es getan.

Ihr guter Bekannter und ehemaliger Geschäftspartner Boris Beresowski behauptete allerdings gerade erst in einem Interview, Litwinenko hätte ihm kurz vor seinem Tod anvertraut, Andrej Lugowoi, also Sie, hätten ihn vergiftet.

Als ich das hörte, habe ich Beresowski gleich angerufen.

Sie waren wahrscheinlich ziemlich sauer?

Nein, überhaupt nicht. Wir führten ein sehr konstruktives Gespräch. Es dauerte etwa 30 Minuten. Aber was wir genau besprachen, möchte ich nicht erzählen.

Sie wollen behaupten, Sie hätten das einfach so hingenommen?

Beresowski hat versichert, dass das nicht seine Meinung ist, sondern dass er nur weitergegeben habe, was Litwinenko ihm gesagt hat. Ich sehe das so: Beresowski ist ein politischer Flüchtling, und ab und zu muss er mit dem, was er öffentlich sagt, daran erinnern.

Ihm wird in Russland die Unterschlagung vom 600 Millionen Dollar vorgeworfen. Einige Duma-Abgeordnete haben schon gefordert, Sie im Austausch gegen ihn nach Großbritannien auszuliefern.

Solche Forderungen sind dumme Propaganda. Die Gesetze lassen eine Auslieferung gar nicht zu.

Woher kannten Sie Litwinenko eigentlich?

Das erste Mal sah ich ihn vor etwa zehn Jahren im Business-Klub Logovaz in Moskau, wo er ziemlich oft mit Beresowski auftauchte. Ich leitete zu jener Zeit den Sicherheitsdienst des Fernsehsenders ORT, dessen Aktionär Beresowski war. Allerdings habe ich mit Litwinenko kaum mehr gesprochen als "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen". Er war ein flüchtiger Bekannter, mehr nicht. Erst als er schon nach England ausgewandert war, im Dezember 2005, rief er mich an und fragte, ob ich immer noch im Sicherheits-Business sei. Wenn ich nach London käme, könne er mich mit einigen Leuten bekannt machen, die in Russland investieren wollen. Und das tat er auch.

Litwinenko war Beresowskis Schützling. Als Dank dafür, dass er ihn 1999 vor einem möglichen Attentat durch den FSB warnte. Beresowski kaufte ihm ein Haus, zahlte ihm Taschengeld und gab ihm einen Job. Was für einen Eindruck hatten Sie von der Beziehung der beiden?

Ich kann nur sagen, dass Litwinenko im Sommer 2006 ziemlich sauer auf Beresowski war. Der hatte ihn gerade entlassen und außerdem seine monatlichen Bezüge von 5000 Pfund auf 1500 Pfund gekürzt.

Die russische Staatsanwaltschaft favorisiert die Version, dass Beresowski den Mord in Auftrag gab.

Es gibt viele Versionen über die Drahtzieher. Welche mein Favorit ist, kann ich nicht sagen.

Eine Variante lautet, der Inlandsgeheimdienst FSB wollte sich an dem Verräter Litwinenko rächen. Sie waren auch Agent.

Ich gehörte aber nicht zum FSB, sondern zum FSO, dem Föderalen Wachdienst. Ich war Mitglied der Leibwache des Präsidenten.

Das ist die absolute Elite, die russischen 007.

Elite ja, aber keine 007. James Bond ist ein Spion und bringt Menschen um, mein Job war es, Leben zu schützen. Ich weiß nicht, warum die Leute glauben, ich sei in schmutzige Geheimdienstgeschichten verwickelt. Als ob die einfach sagen könnten: So, jetzt fliegst du mal nach London, vergiftest Litwinenko und kommst dann wieder zurück.

Ihr Foto ist fast jeden Tag in den Zeitungen. Wie hat sich Ihr Leben geändert?

Ich werde oft angesprochen, auf der Straße, im Restaurant oder im Nachtclub. Neulich war ich eine Woche zum Skilaufen im Kaukasus, da haben mich Leute heimlich fotografiert und die Bilder ins Internet gestellt. Aber die Reaktionen sind durchweg positiv. "Russland steht zu dir", sagen die Menschen. Ab und zu kommen sogar Mädchen und wollen Autogramme. Schlimmer ist die Situation für meine Familie. Meine 20-jährige Tochter studiert in der Schweiz. Neulich hat sie mir erzählt, sie hätte einen englischen Lehrer, der würde sie in letzter Zeit immer so komisch anschauen.

Werden Sie etwas dagegen unternehmen, dass die Welt in Ihnen den Litwinenko-Mörder sieht?

Ich habe eine große Londoner Anwaltskanzlei eingeschaltet, damit ich endlich mal erfahre, welches die offizielle Position der britischen Behörden ist. Denn bisher habe ich von Scotland Yard noch keine Stellungnahme bekommen, kein Dokument, nichts. Ich finde, man kann doch niemanden verurteilen, solange nichts bewiesen ist.

Interview: Andreas Albes

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