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Porträt über Israels Regierungschef: Benjamin Netanjahu - eine tragische Figur

Im Wahlkampf galt Israels rechter Regierungschef Netanjahu lange als sicherer Sieger. Nun muss er eine Ohrfeige der Wähler verkraften. Er geht geschwächt in komplizierte Koalitionsverhandlungen.

Benjamin Netanjahu war sich so sicher. Allen Umfragen zufolge konnte er mit einem glänzenden Wahlsieg rechnen. Fraglich schien nur, welche Koalitionspartner ihm die Wähler zur Seite stellen würden. Dann aber kam alles ganz anders.

Sein rechter Block Likud-Beitenu büßte etwa ein Viertel der Mandate ein und kam nur noch auf 31 von 120 Sitzen in der Knesset, dem Parlament. "Netanjahu ist eine tragische Figur", kommentierte die Zeitung "Jediot Achronot". Zum zweiten Mal hätten die Wähler seine Amtszeit mit einem peinlichen Ergebnis quittiert.

1999 verlor er die Wahl nach seiner ersten Amtszeit. Dieses Mal kam es nicht ganz so schlimm, aber "für sein Image ist das dennoch ein schwerer Schlag", sagte Historiker Tom Segev.

Netanjahu steht vor komplizierten Koalitionsverhandlungen

Bei strahlendem Sonnenschein gingen am Dienstag vor allem Anhänger von Parteien der politischen Mitte und links davon in Scharen zur Wahl. Fast schon verzweifelt meldete sich Netanjahu am Wahltag zu Wort: "Es gibt Berichte aus klassischen Hochburgen des Likud, dass dort die Wahlbeteiligung niedriger ist als im Landesdurchschnitt." Und eindringlich fügte er hinzu: "Daher rufe ich Likud-Wähler aller Generationen dazu auf, alles stehen und liegen zu lassen und wählen zu gehen."

Zwar dürfte der 63-jährige Netanjahu als Chef der stärksten Kraft erneut mit der Regierungsbildung beauftragt werden. Aber das könnte sich angesichts seiner geschrumpften Machtbasis und der tiefen Differenzen zwischen den möglichen Koalitionspartnern als Alptraum erweisen.

Zugutekommen könnte ihm seine langjährige Erfahrung an der Spitze von zwei Koalitionsregierungen. Inhaltlich ist er nur wenig festgelegt. Likud-Beitenu hatte nicht einmal ein Wahlprogramm. Sein wichtigstes Argument lautete: Israel brauche in unruhigen Zeiten eine "starke Führung". Mit dieser Stärke ist es jetzt allerdings nicht mehr so weit her.

Politneuling Jair Lapid mischt das Feld auf

Das starke Abschneiden des Politneulings Jair Lapid mit seiner Zukunftspartei ist vor allem ein Aufschrei der sozialen Protestbewegung vom Sommer 2011: Mehr soziale Gerechtigkeit, eine gerechtere Verteilung der Verteidigungs- und Steuerlast auch auf die bisher privilegierten ultraorthodoxen Israelis. Im Friedensprozess dürfte der internationale Druck auf Netanjahu wachsen, endlich wieder Verhandlungen mit den Palästinensern aufzunehmen.

Der 1949 in Tel Aviv geborene Politiker aber zeichnet sich nicht als Visionär, als Vordenker aus. Vielmehr hat für ihn Sicherheit in einer unruhigen Region oberste Priorität. Dies macht ihn aus Sicht seiner Kritiker übervorsichtig bis zur Ängstlichkeit und Entscheidungsschwäche, wie der frühere Chef des Inlandsgeheimdienstes, Juval Diskin, kürzlich sagte.

Netanjahu droht mit Präventivschlag gegen Teheran

Im Atomkonflikt mit dem Iran warnte Netanjahu wiederholt vor einer Wiederholung des Holocausts und drohte indirekt mit einem Präventivschlag gegen Teheran. Tatsächlich aber ist er von US-Präsident Barack Obama abhängig, der mehr Zeit für diplomatische Bemühungen lassen will.

Sollte es Netanjahu gelingen, eine arbeitsfähige Regierung zu schmieden, wäre es seine dritte Amtszeit. Der verheiratete Vater von drei Kindern war bereits von 1996 bis 1999 Ministerpräsident. Sein Amt als Finanzminister unter dem damaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon legte Netanjahu aus Protest gegen die Räumung des Gazastreifens im August 2005 nieder.

Bei den Wahlen vor vier Jahre wurde der Likud dann unter seiner Führung nur zweitstärkste Fraktion. Wegen der Übermacht des rechten Lagers im Parlament erhielt Netanjahu jedoch letztlich den Auftrag zur Regierungsbildung.

Jan-Uwe Ronneburger, DPA / DPA