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Proteste in Kolumbien Präsident geht erstmals Schritt auf Demonstrierende zu und bietet "Pakt für die Jugend" an

Proteste in Kolumbien: Präsident geht erstmals Schritt auf Demonstrierende zu und bietet "Pakt für die Jugend" an
Sehen Sie im Video: In Kolumbien gehen die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten weiter.




Die Proteste gegen die Regierung in Kolumbien halten an. So wie hier in der Hauptstadt Bogota kam es auch in anderen Städten des Landes zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und Demonstranten. Nach tagelangen Protesten hatte der kolumbianische Präsident Ivan Duque den Einsatzbefehl für die Sicherheitskräfte verschärft. Für die Stadt Cali, die als ein Epizentrum der Proteste gilt, ordnete er an, die Blockaden aufzuheben, die die Mobilität der Bewohner und die Versorgung der Stadt seit Tagen beinträchtigen würden. Zudem forderte er Indigene auf, in ihre Gebiete zurückzukehren. Am Montagmorgen reiste der Staatschef für mehrere Stunden selbst in die südwestlich von Bogotá gelegene Stadt. Dort traf er sich mit demVerteidigungs- und dem Innenminister. Zudem mit Mitgliedern der Armee. Ein Treffen zwischen kolumbianischen Protestführern und Duque wurde ohne Ergebnisse abgebrochen. Seit fast zwei Wochen kommt es in Kolumbien zu zahlreichen, teilweise von Gewalt überschatteten Protesten. Es soll Dutzende Tote gegeben haben, die Angaben über die genaue Anzahl schwanken aber. Zuerst demonstrierten die Menschen gegen eine inzwischen zurückgenommene Steuerreform, die vor allem zu Lasten der Mittelschicht und ärmeren Bevölkerung gegangen wäre. Die meisten Demonstranten haben nun neue Ziele wie den Widerstand gegen eine ebenfalls geplante Gesundheitsreform. Zudem fordern sie Maßnahmen gegen die Polizeigewalt.
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Seit Wochen gehen in Kolumbien Tausende Menschen auf die Straße, um gegen die Regierung zu protestieren. Immer wieder kommt es dabei zu heftigen Krawallen. Nun zeigt sich Präsident Iván Duque gesprächsbereit.

Nach tagelangen Protesten in Kolumbien hat die kolumbianische Regierung erste Zugeständnisse gemacht. Im zweiten Semester 2021 werde das Studium an öffentlichen Hochschulen für Studenten und Studentinnen aus einkommensschwachen Familien kostenlos sein, kündigte Präsident Iván Duque am Dienstag bei einem Besuch in der Stadt Cali an. "Wir wollen den verschiedenen Sektoren unseres Landes zuhören und einen Pakt für die Jugend schließen", sagte Duque. "Das ist eine fundamentale Säule für die Gleichheit in Kolumbien."

Mehr als 40 Tote bei massiven Protesten

Seit fast zwei Wochen kommt es in Kolumbien zu zahlreichen, teilweise in Gewalt mündenden Protesten. Mehr als 40 Menschen sind während der Protesttage ums Leben gekommen, wie lokale Medien unter Berufung auf die nationale Ombudsstelle berichteten. Fast alle Toten sind Jugendliche oder junge Erwachsene. Nach Angaben von Human Rights Watch wurden mindestens 13 Demonstrierende und ein Polizist nachweislich im Zusammenhang mit den Protesten getötet. Die Menschenrechtsorganisation hatten zuletzt immer wieder das harte Vorgehen der Polizei gegen Demonstrierende kritisiert.

In der Nacht auf Dienstag war in Pereira ein Demonstrant nach tagelangem Todeskampf im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen. Unbekannte hatten in der vergangenen Woche acht Kugeln auf ihn abgefeuert. Der 37-jährige Yogalehrer wurde schnell zu einem Symbol der Proteste. In den sozialen Netzwerken kursierte ein Video des Mannes, in dem er auf einer Demonstration ruft: "Sie töten uns in Kolumbien."

Seit Ende April gehen Tausende Kolumbianer aus Wut über die Gesundheits-, Sicherheits- und Bildungspolitik der Regierung auf die Straße. Ausgelöst wurden die Proteste von Plänen für eine Steuerreform, die besonders die Mittelschicht hart getroffen hätte. Nach tagelangen Demonstrationen hatte die Regierung die Steuerreform zurückgezogen.

Verhandlungsgespräche gescheitert

Die Proteste gingen aber weiter und richten sich inzwischen allgemein gegen die Regierung von Staatschef Ivan Duque. Die Demonstrierenden fordern bessere Arbeitsbedingungen, eine Reform des Rentensystems, einen besseren Schutz von Menschenrechtsaktivisten und die vollständige Umsetzung des Friedensabkommens mit der Farc. 

Am Montag stimmte die Regierung schließlich Gesprächen mit dem Streikkomitee zu. Die Gruppe, zu der verschiedene Gewerkschaften, soziale Bewegungen und Studentenverbände gehören, fordert unter anderem kostenlose Bildung, Subventionen für kleine Betriebe und mehr Maßnahmen gegen Diskriminierung. Bei einem ersten Treffen kam es allerdings zu keiner Übereinkunft. Während das Streikkomitee ein Ende der Gewalt durch die Sicherheitskräfte forderte, verlangte Duque den Abbau der Straßensperren, die seit Tagen die Versorgung von zahlreichen Städten erschweren.

Kolumbien ist nach Brasilien das zweitbevölkerungsreichste Land sowie der wichtigste Verbündete der USA in Südamerika. Mehr als 50 Jahre lang herrschte dort Bürgerkrieg, 220.000 Menschen kamen ums Leben, Millionen wurden vertrieben. 2016 schloss die kolumbianische Regierung Frieden mit der linken Farc-Guerilla. Die Wirtschaft erlebte daraufhin einen Aufschwung, der Tourismus – auch aus Deutschland – boomte. Doch der Frieden ist labil, wie die aktuellen Proteste zeigen.

les DPA AFP

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