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Raúl Castro: Sensibel, lustig, schweigsam

Wer ist Raúl Castro? Über Fidels jüngeren Bruder, der nun zum kubanischen Staatschef gewählt wurde, war viele Jahre so gut wie nichts bekannt. Er gilt zwar als Hardliner, aber auch als stiller Reformer. "Ordentlich, sensibel und lustig" so das nüchterne Urteil eines ranghohen Politikers.

Raúl Castro stand sein Leben lang völlig im Schatten seines großen Bruders. Bis vor über 18 Monaten, als Revolutionsführer Fidel Castro, 81, ihm die Führung des Landes vorübergehend anvertraute, war der 76-Jährige weitgehend unbekannt. Seine Gedanken und Meinungen drangen nie an die Öffentlichkeit. Er galt als Hardliner, der nicht viel zu sagen pflegte.

Bei vielen Menschen hat er aber in den vergangenen Monaten Hoffnungen geweckt. Der Kuba-Experte und frühere US-Geheimdienstler Brian Latell beschrieb ihn in einem Buch mit dem Titel "After Fidel" als pragmatischen Mann, der als Staatspräsident mit dem "Erzfeind" in Washington möglicherweise ins Gespräch kommen und in der Geschichte Kubas eine friedliche Wende einleiten könnte. Raúl galt unter anderem immerhin als Mentor der 1994 begonnenen Wirtschaftsöffnung Kubas, die er kurz und bündig mit dem Satz: "Bohnen sind besser als Kanonen", verteidigte.

Raúl sei in erster Linie ein sehr "ordentlicher, organisierter und anspruchsvoller Mann", schrieb vor einiger Zeit der ranghohe kubanische Politiker José Ramón Fernàndez. Er sei aber auch sensibel und lustig. Dabei ließ sich der Mann mit Schnurrbart und großer Brille, der fast immer nur in olivgrüner Uniform zu sehen ist, so gut wie nie auf Interviews ein. In früheren Zeiten war er oft monatelang völlig von der Bildfläche verschwunden.

In den 50er Jahren kämpfte Raúl an der Seite seines Bruders gegen den kubanischen Diktator Fulgencio Batista. Als die Revolution 1959 gesiegt hatte, wurde er Fidels Stellvertreter in allen Ämtern und Verteidigungsminister und leitete die Erschießung von Handlangern des Batista-Regimes. Später veranlasste er auch verschiedene "politische Säuberungen". Die kubanische Armee wurde unter ihm mit sowjetischer Unterstützung zeitweilig zur stärksten in Lateinamerika.

Wie sein Bruder besuchte der am 3. Juni 1931 geborene Raúl Castro eine Jesuitenschule. Er schloss sich schon Jahre vor der Revolution der moskautreuen Sozialistischen Volkspartei (PSP) an. Wie Fidel überlebte er 1953 den Sturm auf eine Kaserne, kam hinter Gitter, wurde amnestiert und ging mit seinem Bruder ins Exil nach Mexiko. 1956 kehrte er mit ihm und 80 anderen Männern auf der Yacht "Granma" nach Kuba zurück, überlebte den Kugelhagel der Batista-Truppen ebenso wie den folgenden Guerillakrieg, der 26 Monate später mit der Flucht Batistas endete.

"Nur wer nicht agiert, macht keine Fehler"

In einem seiner seltenen Interviews sagte Raúl einer mexikanischen Zeitung einmal: "Wenn die Generationen nach uns unsere Arbeit analysieren, werden sie sicher Fehler entdecken. Nur wer nicht agiert, macht keine Fehler". Von seinem älteren Bruder dagegen ist der Satz überliefert: "Die Geschichte wird uns recht geben."

DPA/nik / DPA