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Raketenangriff: Deutscher Journalist bei Raketenangriff getötet

Unter den zwei bei einem irakischen Raketenangriff getöteten Journalisten befand sich auch der 35-Jährige «Focus»-Redakteur Christian Liebig.

"Wie geht's Christian Liebig?" Mit dieser Frage, so schrieb "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort in der am Montag erschienenen Ausgabe, habe in den vergangenen Tagen jede Redaktionskonferenz begonnen. Der 35-jährige Journalist aus Offenbach am Main begleitete die US-Truppen seit Beginn des Krieges auf ihrem Vormarsch nach Bagdad, um der Öffentlichkeit in Deutschland ein möglichst authentisches Bild vom Kriegsgeschehen zu vermitteln. Am Montag kam Christian Liebig bei einem irakischen Raketenangriff ums Leben - der achte Reporter, der seit Kriegsbeginn sein Leben verlor.

Kein Abenteurer

Liebig war kein Draufgänger, kein Abenteurer. Der Absolvent der Kommunikationswissenschaften machte es sich von Anfang an zur Aufgabe, das oftmals von Vorurteilen verfälschte Bild vom Auslandsgeschehen durch genaue Prüfung der Wirklichkeit anzunähern. Das Verhältnis von Medienberichten und Realität war bereits Thema seiner Magister-Arbeit über "Das Deutschlandbild in 'TIME' und 'Newsweek'".

Erfahrener Journalist

Nach dem Studium in Essen nutzte er mit 27 Jahren die Gelegenheit, als Hospitant für die Deutsche Presse-Agentur (dpa) nach Zagreb zu gehen. Die Wirren der Balkankriege beschäftigten ihn dann auch als Redakteur der Nachrichtenagentur AP in Frankfurt am Main: Dreieinhalb Jahre lang, von März 1996 bis September 1999, begleitete er in der Auslandsredaktion von Associated Press das aktuelle Tagesgeschehen mit Meldungen und Hintergrundberichten für Tageszeitungen und Rundfunksender.

Auch bei "Focus" widmete sich der junge Journalist engagiert der Aufgabe, der deutschen Öffentlichkeit die Probleme der Menschen in anderen Ländern nahe zu bringen. So schrieb er unter anderem über die Hungersnot in Ostafrika, berichtete über die Kriege im Kosovo und in Afghanistan.

"Embedded Correspondent"

Als die US-Streitkräfte der internationalen Presse anboten, als "embedded correspondents" die Truppen im Irak-Krieg zu begleiten, wurde Liebig einer der wenigen deutschen Journalisten, die sich dafür entschieden. Der 35-Jährige wurde der 2. Brigade der 3. Infanteriedivision zugeteilt, die am Abend des 20. März von Kuwait aus die Grenze zu Irak überschritt.

"So muss die Vorhölle aussehen"

Am sechsten Tag des Irak-Kriegs beschrieb Liebig für den "Focus" seine Eindrücke aus der irakischen Wüste im Sandsturm mit den Worten: "So muss die Vorhölle aussehen." Am Morgen des 19. Kriegstages drangen Soldaten der 2. Brigade in den Neuen Präsidentenpalast in der Innenstadt von Bagdad ein. Liebig hatte sich am Vorabend aus Sicherheitsgründen entschieden, diesen Vorstoß nicht zu begleiten.

Irakischer Raketeneinschlag

Am Montagmorgen, in Bagdad war es etwa 10.30 Uhr, rief Liebig bei AP an, um Informationen über die aktuelle Lage auszutauschen. Die Kämpfe seien abgeflaut, sagte er, nachdem er sich beim Brigadestab über die jüngste Entwicklung unterrichtet hatte. Eine Stunde später, gegen 11.30 Uhr, schlugen nach Angaben des US-Oberkommandos irakische Raketen im südlich der Hauptstadt gelegenen Quartier der Einheit ein. Zusammen mit Liebig wurden der Reporter Julio Anguita Parrado von der spanischen Zeitung "El Mundo" und zwei US-Soldaten tödlich getroffen. 15 Soldaten wurden verletzt.

Bereits acht Journalisten getötet

Seit Beginn des Krieges haben schon acht Journalisten in Ausübung ihres Berufs das Leben verloren - durch direkte Kampfeinwirkung, irrtümlichen Beschuss von Seiten alliierter Streitkräfte, die Explosion einer Mine oder Krankheit. Im hektischen Nachrichtengeschäft wird oft vergessen, welch hohe Risiken Journalisten auf sich nehmen, um die flüchtigen Tagesereignisse in Text oder Bild festzuhalten. In den betroffenen Redaktionen bleibt die Trauer.