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Rechtsextremen-Chefin Marine Le Pen Die Königsmacherin von Frankreich


Marine Le Pen geriert sich als eigentliche Siegerin der Wahl in Frankreich. Nun müssen Nicolas Sarkozy und François Hollande vor der Stichwahl um die Wähler der rechtsextremen Parteichefin buhlen.
Von Leo Klimm und Thomas Steinmann, Paris

Die Party ist in vollem Gang, der DJ spielt "All Night Long", die Gäste tanzen und wirbeln mit ihren blau-weiß-roten Fahnen. Da taucht sie noch einmal auf, die eigentliche Siegerin der ersten Runde der französischen Präsidentenwahl. Marine Le Pen, die Chefin der rechtsextremen Front National, die gerade mit einem Ergebnis von 18,5 Prozent einen Schock in Frankreich ausgelöst hat. Die Anhänger lassen das Tanzen sein, scharen sich um sie. "Marine présidente!", rufen sie, und Le Pen gibt Küsschen und nimmt strahlend blonde Kinder auf den Arm.

Le Pen kann den Abend gar nicht genug auskosten, sie kann sich nicht genug feiern lassen für dieses Ergebnis, das ihr niemand zugetraut hat. 15 Prozent hatten ihr die Umfrageinstitute vorhergesagt - jetzt sind es sogar mehr als die 17 Prozent, mit denen ihr Vater Jean-Marie, die Ikone des Front National, 2002 überraschend in die Stichwahl eingezogen war. Ein Jahr, nachdem sie die Macht in der Partei übernommen hat, ist die Tochter mit ihrem starken Ergebnis zwar nur Dritte der Wahl. Aber zugleich ist die harmlos-freundlich daherkommende Rechtsextreme die Königsmacherin der Frankreich-Wahl.

Um ihre Themen - Einwanderung, Islam, innere Sicherheit, Ablehnung des Euro - dürfte nun zwei Wochen lang der erbitterte Kampf der zwei erstplatzierten François Hollande und Nicolas Sarkozy um den Elysée-Palast kreisen. Le Pen hat es geschafft: Nicht die Frage, wie Frankreich international den Anschluss hält und die Euro-Krise meistert, wird über den neuen Präsidenten entscheiden. Sondern die, welcher der beiden Kandidaten sich besser als Beschützer vor Globalisierung und internationaler Verflechtung inszeniert. Frankreich schaltet in den Vogel-Strauß-Modus.

"Er ist eine Null"

Der vor der Stichwahl am 6. Mai zurückliegende Konservative Sarkozy braucht die Stimmen der Le-Pen-Wähler unbedingt - und selbst der Sozialist François Hollande traut sich nicht, sich offen gegen die 43-Jährige zu stellen. Schon am Wahlabend geht Sarkozys Werben um die rechtsextremen Denkzettel-Wähler los. Wenn er seine kleine Chance auf die Wiederwahl wahren will, muss er die meisten von ihnen für sich gewinnen. Die Franzosen, sagt er vor seinen bangenden Anhängern am Sonntagabend, hätten "ihre Befürchtungen, ihr Leiden und ihre Ängste" in der globalisierten Welt ausgedrückt. Jetzt gehe es um "die Einhaltung unserer Grenzen, den entschiedenen Kampf gegen Standortschließungen, die Beherrschung der Einwanderung, die Wertschätzung der Arbeit und die Sicherheit", sagt Sarkozy. Alles Botschaften an die Le-Pen-Wähler.

Doch Sarkozy ist bei den Rechten nicht weniger verhasst als alle anderen Vertreter der "Eliten", auf die Le Pen im Wahlkampf eingeprügelt hat. Als in dem schmucklosen Saal am Stadtrand von Paris, wo die Rechtsextremen in demonstrativer Distanz von den Machtzentren den Abend verbringen, die Ansprache des Präsidenten über die Leinwände flimmert, werden Buhrufe laut. Einige lachen höhnisch auf, als Sarkozy verspricht, er wolle die Einwanderung nach Frankreich "beherrschen". "Er ist eine Null", sagt ein Anhänger. Ein anderer will sich bei der Stichwahl enthalten, auch wenn er es für eine "Katastrophe" für Frankreich hält, wenn Hollande das Rennen macht. Was denn ihre Botschaft an Sarkozy sei, wird Le Pen von einem Reporter gefragt. "Wir kommen gut ohne ihn aus", sagt sie da trocken.

Sarkozy hofft trotzdem: Er weiß, dass er bei den Le-Pen-Themen besser punkten kann als Hollande, obwohl sein Versuch, schon im ersten Wahlgang die rechten Protestwähler zu gewinnen, fehlgeschlagen ist. Also fordert er umgehend Hollande zu gleich drei Fernsehduellen vor dem zweiten Wahlgang auf - während der Sozialist bisher darauf besteht, nur eines abzuhalten. Hollande muss Sarkozys Aggressivität in der direkten Auseinandersetzung fürchten.

Le Pen lässt Sarkozy nach ihrer Pfeife tanzen

Wie Sarkozy kann auch Hollande es sich nicht erlauben, die Le-Pen-Wähler zu verprellen. Auch er signalisiert ihnen Verständnis. Er sei der Kandidat all jener, die mit der Ära Sarkozy brechen wollten, sagt er bei einem kurzen Auftritt - und wendet sich damit nicht mehr nur an die linke Wählerschaft.

Le Pen lässt sich das Werben gefallen. In ihrem Umfeld wird angedeutet, sie könnte eine Wahlempfehlung abgeben. Dass sie sich für Hollande aussprechen könnte, gilt als ausgeschlossen. Vor allem Sarkozy, den Präsidenten, lässt sie also nach ihrer Pfeife tanzen. Und dürfte am Ende Pariser Politikexperten zufolge doch keine Empfehlung aussprechen. Schließlich denkt sie schon an die nächste Wahl in fünf Jahren - wenn sie Präsidentin werden will.

Als Marine Le Pen ihre eigene Siegesfeier schon verlassen hat, sitzt ihr Vater, der alte Jean-Marie Le Pen, unbemerkt von den Kameras an einem klapprigen Plastiktisch und signiert im Akkord Frankreich-Fahnen. Der Mann, der den Front National groß gemacht hat, zieht bei den Anhängern noch immer. Aber er ist jetzt nur noch ein Helfer für seine erfolgreiche Tochter.


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