Robert Mugabe König der Bettler


Nach seiner Niederlage im März war Robert Mugabe schon abgemeldet, jetzt ist er zurück. Und wenn man seinen Anhängern glauben will, wird er bleiben: bis zum bitteren Ende. Porträt eines Mannes, der die Macht in Simbabwe seit 28 Jahren nicht abgeben will.
Von Marc Engelhardt

Die bevorstehende Wahl ist ganz nach Robert Mugabes Geschmack: Er ist der einzige Kandidat, also darf er sich schon jetzt als Sieger feiern. Auch sonst macht der 84-Jährige, der das Land seit 28 Jahren regiert, keine Anstalten, aufzugeben. "Solange ich lebe, wird Morgan Tsvangirai dieses Land nicht regieren", hatte er erst kürzlich über den Oppositionsführer gesagt. Seit der sich von der Stichwahl zurückgezogen hat, scheint Mugabes Prophezeiung - wieder einmal - einzutreffen. Zwar ist Mugabe nicht mehr der Star, als der er Anfang der 80er Jahre in ganz Afrika gefeiert wurde. Doch von der Außenwelt bekommt er ohnehin schon lange nichts mehr mit.

Früher war das anders. Anfang der 80er Jahre, mitten in der Hoch-Zeit des Pop, stieg der ehemalige Missionarsschüler mit der dicken Hornbrille zum Polit-Popstar der Intellektuellen in Afrika und anderswo auf. Es war eine unwahrscheinliche Karriere: Mitschüler sagen, der kleine Robert, dessen Vater die Familie früh verließ, habe nie mit anderen Kindern gespielt und seine eigene Gesellschaft stets am meisten genossen. Schon in den 80ern lächelte Mugabe fast nie, er trug meist steife schwarze Anzüge mit dem unverkennbaren Flair von Polyester. Seine Reden waren wie die von Fidel Castro schon damals zu lang und manchmal holprig. Dennoch kannte der Jubel keine Grenzen, nachdem Mugabe es geschafft hatte, wenigstens ein Apartheidsregime auf dem schwarzen Kontinent zu stürzen. Der Sieg gegen den Rassisten Ian Smith ist der Grund, warum viele Afrikaner Mugabe bis heute nichts nachtragen können.

"Das Gewehr ist die Garantie, dass unsere Stimmen gewürdigt werden"

Zehn Jahre hatte der Mugabe ohne einen Prozess einkerkern lassen, wegen Aufhetzung, was seiner Popularität gut tat. Noch während er im Gefängnis saß, wurde Mugabe zum neuen Anführer der Simbabwischen Afrikanischen Nationalunion (Zanu) gewählt, der er bis heute vorsteht. Unmittelbar nach seiner Haftentlassung 1974 zog er mit seinen Anhängern nach Mosambik und begann einen Guerillakrieg gegen die rhodesischen Truppen. In den eigenen Reihen gab es viele Pazifisten, die den bewaffneten Widerstand ablehnten, die Partei spaltete sich.

"Unsere Stimmen und unsere Gewehre müssen eins sein", erklärte Mugabe damals. "Jede Stimme ist das Produkt des dazugehörigen Gewehrs, das Gewehr ist die Garantie, dass unsere Stimmen gewürdigt werden." Schon im Guerillakrieg wurde das Gewehr nicht nur gegen den Gegner, sondern auch gegen Kritiker in den eigenen Reihen eingesetzt. Kriegsveteranen, die sich später von Mugabe trennten, berichten, wie ganze Dörfer ausgelöscht wurden, wenn die Bevölkerung den Rebellen nicht ausreichend Essen, Frauen oder Unterschlupf bereit stellte. "Wenn es ein Wesensmerkmal gibt, dass Mugabe beschreibt, dann ist es Gewalt", sagt einer seiner damaligen Begleiter.

Wie eine Kobra im Haus

Mit Gewalt vertrieb Mugabe Joshua Nkomo, den Führer der einzigen schwarzen Oppositionspartei nach der Unabhängigkeit, der Anfang der 80er Jahre vor allem bei der zweitgrößten Ethnie des Landes, den Ndebele im Süden Simbabwes, große Popularität genoss und drohte, Mugabe den Rang abzulaufen. 1983 feuerte Mugabe Nkomo wegen eines angeblichen Putschversuchs aus dem Kabinett und startete die Operation "Gukurahundi", an deren Ende nach einem Jahr mehr als 20.000 Ndebele ermordet waren.

Die gefürchtete, in Nordkorea ausgebildete fünfte Brigade der Armee verbreitete in Nkomos Heimatregion Matabeland Angst und Schrecken. "Nkomo und seine Anhänger sind wie eine Kobra im Haus", warnte Mugabe damals. "Der einzig vernünftige Weg, mit ihnen fertig zu werden ist, ihnen den Kopf abzuschlagen." Der Terror festigte Mugabes Alleinherrschaft, der Westen schloss die Augen. "Matabeland war ein Nebenkriegsschauplatz", sagt der damalige britische Botschafter, Martin Ewans. "Simbabwe sollte eine Erfolgsgeschichte werden, und wir taten unser bestes, um Mugabe dabei zu helfen."

Weiße Farmer wurden von den Feldern vertrieben

Und tatsächlich, es ging bergauf in Simbabwe: Das Land galt bald als der Brotkorb Südafrikas, als Wirtschaftswunderland und als Land mit der niedrigsten Analphabetenquote Afrikas. Vor allem letzteres war Mugabes sozialistisch geprägter Politik der "Bildung für alle" zu verdanken, der wirtschaftliche Erfolg der gleichzeitigen Annäherung an den Westen und dem Versprechen, die weiße Elite nicht zu bedrängen. Das änderte sich erst, als es ökonomisch enger wurde und Mugabe Ende der Achtziger erneut um seine Macht fürchten musste. Ein junger Gewerkschaftsführer, Morgan Tsvangirai, mobilisierte vor allem die arbeitslose Jugend, die eine Perspektive wollte.

Mugabe reagierte wieder mit Gewalt. Weiße Farmer wurden von den Feldern vertrieben, angeblich um landlosen Bauern eine Zukunft zu geben. Doch da hatte der Salonsozialist, der stets die teuersten Karossen fährt und sich mit allerlei Prunk umgibt, längst ein Netzwerk von korrupten und skrupellosen Ja-Sagern zu versorgen, die das Gros des fruchtbaren Landes an sich rafften. Sie tragen die Schuld dafür, dass Simbabwe vom Nahrungsexporteur erst zum Importeur und dann zu einem der größten Hilfsempfänger im südlichen Afrika abstieg.

Die Partei ist geschlossen wie nie

So wie gegen Nkomo handelte Mugabe dann wieder in den vergangenen Wochen. Die Verfolgung Tsvangirais verängstigte erneut jene, die nach der Niederlage Mugabes im ersten Wahlgang Morgenluft witterten. Damals gab es erste Stimmen von Ministern, die über die Nachfolgefrage spekulierten oder sogar über Dialog mit der Opposition. Sie alle sind verstummt, seit Mugabes Horden über Kritiker herfallen. Die Partei ist - aus Angst - geschlossen wie nie. Ohne Tsvangirai als Feindbild hätte Mugabe das nie geschafft. Das erklärt womöglich, warum Tsvangirai zwar verprügelt, misshandelt und mehrfach verhaftet wurde, aber immer noch lebt.

Zwar ist fraglich, ob Mugabe wirklich noch der Herr im Haus ist. Das "Joint Operations Command" (JOC), in dem die Führungen von Militär, Polizei, Geheimdienst und Kriegsveteranen zusammen geschlossen sind, trifft seit Wochen alle relevanten Entscheidungen. Als die Niederlage Mugabes absehbar wurde, teilte das JOC das Land in Zonen auf und begann mit dem Aufbau militärischer Strukturen in den ländlichen Regionen. Es sind diese Strukturen, die bis jetzt die gezielte Verfolgung der Opposition ermöglichen. Die unter Mugabe reich gewordenen Kommandeure wollen ihren Reichtum mit allen Mitteln schützen. Solange Mugabe dafür nützlich erscheint, darf er ruhig Frontmann einer faktischen Militärregierung bleiben.

Mugabe ist über solche Feinheiten längst erhaben. Für ihn scheint nur noch wichtig zu sein, dass er an der Spitze des versinkenden Simbabwes bleibt. Einer von Mugabes engsten politischen Freunden drückt dieses Sentiment so aus: "Könige treten erst ab, wenn sie tot sind - und Mugabe ist Simbabwes König." Eine schlechte Nachricht in einem Land voller Bettler.


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