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Entlarvende Umfrage: Ein Fünftel der Russen würde einen Putin-Protegé wählen, den es gar nicht gibt

Im März 2018 steht in Russland die nächste Präsidentenwahl an, die für Putin zu einem Vertrauensvotum wird. Wie groß das Vertrauen in den Kreml-Chef ist, zeigt eine Umfrage, die so einige Befragte aufs Glatteis führte.

Wladimir Putin beobachtet das Manöver "Zapad"

Wladimir Putin beobachtet das Manöver "Zapad". In Russland gibt es keine Zweifel, dass er bei der Wahl im März 2018 erneut ins Präsidentenamt gewählt wird. 

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Andrej Semenow heißt der Mann, der bei den kommenden Wahlen im März 2018 ganze 18 Prozent der Wählerstimmen für sich gewinnen könnte. Schade nur, dass es diesen Mann gar nicht gibt. Er ist eine Erfindung des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada. Im August dieses Jahres führte das Zentrum eine experimentelle Umfrage durch und stellte den Teilnehmern dabei eine kleine Falle.    

"Haben Sie davon gehört, dass in der vergangenen Woche seine Unterstützung für Andrej Semenow bei seiner Kandidatur für das Amt des Präsidenten bei der Wahl 2018 zum Ausdruck gebracht hat? Und könnten Sie sich vorstellen, Semenow zu wählen?", wollten die Meinungsforscher wissen. 

Sowohl die Person des Andrej Semenow als auch die Unterstützung für ihn seitens des -Chefs waren reine Erfindung. Und dennoch: 26 Prozent der Befragten gingen den Umfrage-Machern auf den Leim. 15 Prozent gaben unumwunden zu, nichts von Semenow gehört zu haben. Dennoch erklärten sie sich bereit, ihre Stimme für ihn abzugeben. 

Erfundener Kandidat kommt auf 18 Prozent der Wählerstimmen

Drei Prozent erklärten gar, den erfundenen Putin-Protegé bereits zu kennen. Auch sie könnten sich vorstellen, ihn zu wählen. Acht Prozent gaben an, ebenfalls von Semenow gehört zu haben, wollten jedoch trotzdem nicht für ihn stimmen. 

Und so würde den Ergebnissen der Umfrage zufolge die Fantasiegestalt Semenow bei der Präsidentenwahl stolze 18 Prozent der Stimmen gewinnen.

Doch wozu die ganze Trickserei? "Das Experiment wurde durchgeführt, um zu verstehen, wie stark sich die Autorität des amtierenden Präsidenten auf die Wahlvorstellungen der Russen auswirkt", erklärte die Soziologin Karina Pipia vom Lewada-Zentrum im Gespräch mit der russischen Zeitung "Wedomosti". Die elf Prozent der Menschen, die angegeben hätten, von dem nicht existenten Kandidaten gehört zuhaben, würden nicht unbedingt bewusst lügen, sondern die Antworten geben, die sie für sozial akzeptiert halten. 

Die Antworteten auf die Trick-Frage lassen außerdem "die bedingungslose Unterstützung für Putins Position und die automatische Transferierung seiner Ratings erkennen", erläuterte der politische Analyst Dmitrij Badowskij.

Russland will Wladimir Putin weiter im Amt behalten 

Auch die letzten Gouverneurswahlen hätten deutlich gemacht, wie groß das Vertrauen in Putin ist. Politikern, die von dem Präsidenten unterstützt wurden, sei es gelungen, bis zu 70 Prozent der Wählerstimmen zu gewinnen. Obwohl sie ganz neu auf der politischen Bühne waren. 

Der Politologe Andrej Koljadin teilt Badowskijs Meinung. "Derselbe Effekt war bei den Präsidentschaftswahlen 2008 zu beobachten. Damals unterstützte Putin Medwedew und er hat hohe Ergebnisse erzielt", sagte er im Gespräch mit "Wedomosti". 

Doch die Ergebnisse des Experiments dürfe man nicht dahingehend interpretieren, dass das Volk sich einen anderen Präsidenten als Putin wünscht, warnt der Polit-Experte Badowskij. "Die meisten möchten weiterhin ihn an der Spitze sehen. Allerdings begrüßen es die Bürger, wenn der Präsident die Kader an der Macht erneuert." 

Tatsächlich hat eine trickfreie Umfrage von Lawada gezeigt, dass aktuell mindestens 48 Prozent der Russen bei der Präsidentenwahl für Putin stimmen würden. Bei denjenigen, die auch tatsächlich an der Wahl teilnehmen möchten, wären es sogar 60 Prozent. 67 Prozent wünschen sich, dass Putin weiter im Amt bleibt. 

Für den bekanntesten Oppositionspolitiker Alexej Nawalny wollen gerade mal zwei Prozent der russischen Bürger stimmen. 

ivi
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