Russland Ein Politkrimi hält Russland in Atem


Seit Donnerstag letzter Woche ist der russische Politiker und Präsidentschaftskandidat Iwan Rybkin spurlos verschwunden. Jetzt sucht die Polizei nach dem Putin-Kritiker.

Ein Politkrimi um einen verschwundenen Kreml-Kritiker und Präsidentschafts-
kandidaten hält Russland in Atem. Nach heftigen Vorwürfen gegen Präsident Wladimir Putin wird der 57-jährige Iwan Rybkin, ein politischer Hinterbänkler, seit über einer halben Woche vermisst. Ist der von dem Milliardär Boris Beresowski unterstützte Rybkin tot, entführt oder einfach nur untergetaucht? Mancher glaubt an eine Inszenierung des im Kreml verhassten Beresowski. Äußerungen von Justiz und Polizei sowie Hinweise aus der Staatsduma sorgten am Montag für reichlich Verwirrung.

Im Fall Rybkin sei ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes eingeleitet worden, verkündete die Generalstaatsanwaltschaft am Morgen. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Rybkin ermordet? Die Justiz sprach von Formalien. "Das ist normale Ermittlerpraxis. Wenn ein Mensch verschwindet, wird die Suche eingeleitet. Wird er nicht gefunden, gibt es ein Ermittlungsverfahren wegen 'Mordes'", sagte ein Sprecher. Ohne Erklärung wurde der Ermittlungsgrund "Mord" am Mittag aber wieder fallen gelassen.

Zuletzt vor dem eigenen Haus gesehen

Zu jenem Zeitpunkt hatte die Polizei offiziell erst wenige Stunden nach dem früheren Vize-Regierungschef gesucht. "Dass er lebt, ist Tatsache", zitierte die Agentur Interfax aus Polizeikreisen. Man wisse nur nicht, wo er stecke. Zuletzt gesehen wurde Rybkin am Donnerstag vor seinem Haus, als er sich von seinem Fahrer verabschiedete.

Die Nähe des bei der Präsidentenwahl am 14. März chancenlosen Rybkin zu Beresowski macht den Kandidaten bei der Staatsmacht verdächtig. Rybkin halte sich im Pensionat "Waldferne" westlich von Moskau auf, das sei zu 99 Prozent sicher, verkündete der in der Staatsduma (Parlament) für Innere Sicherheit zuständige Abgeordnete Gennadi Gudkow. Alles sei nur eine Inszenierung. Ein Anruf im Pensionat ergab: Kein Rybkin zu sehen.

Heftige Kritik an Putin

Rybkin trat bislang für einen Dialog mit den tschetschenischen Rebellen ein. Diese Position hat in der Öffentlichkeit nach dem Terroranschlag auf die Moskauer U-Bahn mit 39 Toten weiter an Rückhalt verloren. In Umfragen lag der Kandidat unter einem Prozent. Keine Gefahr also für Putin. Dennoch dürfte man sich im Kreml zuletzt mächtig über Rybkin geärgert haben. In Beresowskis Zeitung "Kommersant" bezeichnete Rybkin den Amtsinhaber als korrupt und dessen Politik in Tschetschenien als "Staatsverbrechen". Der einstige Chef des Sicherheitsrates wollte vor Journalisten aber keine Beweise für seine Behauptungen liefern.

Putin schweigt bislang zum Verschwinden seines am Samstag offiziell registrierten Herausforderers. Ein weiterer Kandidat, der Kommunist Nikolai Charitonow, sah auf die Sicherheitsdienste Schatten zukommen, sollten sie nicht schnellstens das Schicksal Rybkins klären. Das Schlimmste mag in Moskau niemand mehr ausschließen. Denn Politiker leben gefährlich in Russland. Seit 1994 wurden zehn Abgeordnete der Staatsduma ermordet.

Stefan Voß DPA

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