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Berlin vertraulich!: Auf der Jagd nach Lafontaine

Wer füttert die Öffentlichkeit mit Infos über Oskar Lafontaine? Der Linken-Chef soll sogar bespitzelt worden sein. Viele in der Linkspartei flüstern von einem erbitterten Machtkampf.

Von Hans Peter Schütz

Es klingt nach viertklassigem Politkrimi, was der "Focus" jetzt zum "Fall" Lafontaine beiträgt. Systematisch sollen ihn und seine Parteifreundin Sahra Wagenknecht gleich mehrere Detektiv-Teams im Jahr 2007 bespitzelt haben. Lafontaine sei vom bekannten Lokal "Gugelhof" im Bezirk Prenzlauer Berg bis in seine damalige Privatwohnung in Berlin-Köpenick verfolgt worden. Beweise dafür? Gibt es bis jetzt nicht. Die Linkspartei widerspricht offiziell: An diesem Abend habe Lafontaine doch an der Weihnachtsfeier der Linksfraktion in einem ganz anderen Lokal teilgenommen. Wenn es die Detektive gegeben hat, wer hat sie bezahlt und mit welcher Absicht?

Die ganz schnelle Spekulation deutet mit spitzem Zeigefinger auf Lafontaines Ehefrau Christa Müller als Auftraggeberin. Beweise? Nullkommanull. Eher könnte es sich bei der Veröffentlichung dieser Spitzelaktion um eine weitere parteiinterne Intrige gehandelt haben, bei der es darum ging, Lafontaine als Parteichef neben Gysi abzuschießen und den Posten neu zu besetzen. Viele in der Linkspartei, vor allem ehemalige PDS-Mitglieder, so diese Theorie, betrachteten seit längerem Oskars bundespolitische Aktionen und die West-Ausdehnung der Linkspartei mit Misstrauen. Immer wieder genannt wird dabei der Name des Bundesgeschäftsführers der Linkspartei, Dietmar Bartsch. Der spekuliere auf die Nachfolge Lafontaines als Parteichef und lasse, so ein Insider zu stern.de, "seit langem seine Kettenhunde gegen Lafontaine los". Die hätten auch dem "Spiegel" eifrig Infos über die Beziehung Lafontaine/Wagenknecht zugeschoben.

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Wenig ist bisher darüber bekannt, wie Oskar Lafontaine seine Operation wegen seines Prostata-Krebses überstanden hat. "Der Eingriff verlief erfolgreich", teilte Fraktionssprecher Hendrik Thalheim lediglich mit. Doch jene, die den Chef der Linkspartei wegen einer angeblichen Liaison mit der Links-Politikerin Sahra Wagenknecht medial attackiert hatten, wissen schon wieder einmal mehr. So verniedlichen sie die Operation bereits jetzt als "minimalinvasiven Eingriff", der in der Regel für eine glückliche und weitgehend schmerzfreie Lösung des Problems stünde. Fach-Mediziner schütteln über diese hurtige Interpretation nur den Kopf. Zwar werde der Kampf gegen diese Krebsart seit Jahren über eine Art "Schlüsselloch-Chirurgie" geführt, bei der keine tiefen Schnitte stattfinden. Denkbar sei auch, so medizinische Spezialisten, dass eine so genannte Brachy-Therapie stattgefunden habe, bei der kleine radioaktive Teilchen in die Prostata eingebracht werden, die von dort aus zerstörend auf die Krebszellen ausstrahlen. Doch frühestens nach zehn Tagen lasse sich feststellen, wieweit die angrenzenden Nervenbündel frei von Krebszellen geblieben seien oder ob sich dort bereits Ableger der Krebszellen gebildet hatten. Über die Spätfolgen der Operation könne erst sehr viel später geurteilt werden. Dass Gregor Gysi bereits am Wochenende gesagt hat, die "Linke kann und wird auf Oskar nicht verzichten", sei medizinisch betrachtet etwas voreilig.

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Die Frage, welche politische Rolle Lafontaine künftig in der Linkspartei spielen wird, bleibt somit vorerst völlig offen. Geklärt sein dürfte jedoch der politische Stellenwert von Bodo Ramelow. Der hat sich mit seinem vorschnellen Kommentar, die Linkspartei müsse sich auf einen Wechsel vorbereiten und "auch ohne Lafontaine klarkommen", um künftige Aufstiegschancen gebracht. Ulrich Maurer, im Bundestag Parlamentarischer Geschäftsführer der Links-Fraktion und Beauftragter für den "Aufbau-West", hat den Zorn über Ramelows vorschnellen Kommentar auf den Punkt gebracht. Maurer zu stern.de: "Vögel, die zu früh singen, holt die Katz." In der Tat: Der in Thüringen gescheiterte Hoffnungsträger der Linkspartei hat sich auch in den Augen seiner Anhänger damit endgültig für den Aufstieg an die Spitze der Linkspartei nachhaltig selbst demontiert. Ramelow habe sich gegenüber dem thüringischen Ex-CDU-Ministerpräsidenten Althaus fairer verhalten als gegenüber Lafontaine. Als eine Frau bei einem Skiunfall mit Althaus zu Tode kam, sei dies von Ramelow ungleich zurückhaltender kommentiert worden als die Nachricht von der Krebserkrankung des Linkspartei-Chefs.

So sehr sich Maurer geärgert hat, wie der "Spiegel" aus seiner Sicht versucht hat, aus der Krebserkrankung von Lafontaine politisch gegen die Linkspartei Stimmung zu machen, ein ihn erheiterndes "Erfolgserlebnis" begleitete den Vorgang. Er wurde zum ersten Mal in den vier Jahren, die er nun für die Linke im Bundestag sitzt, vom Hauptstadtbüro der "Stuttgarter Zeitung" angerufen. Der Mann, der 20 Jahre lang das Sagen in der baden-württembergischen SPD als Parteichef und Fraktionsvorsitzender im Landtag gehabt hatte, durfte in der führenden Landeszeitung endlich auch wieder einmal zu Wort kommen. Das tat er energisch: Die "Spiegel"-Berichte über Lafontaine seien eine "Hasskampagne", die "mit seriösem Journalismus nichts mehr zu tun hat". Ob er als Beauftragter der Linkspartei für den Westaufbau jetzt häufiger in Baden-Württemberg zitiert wird, darauf ist Maurer gespannt.

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Als Glücksfall ohnegleichen wird im Verteidigungsministerium inzwischen der neue Chef betrachtet. Nicht nur, weil er bereit ist, den Krieg in Afghanistan als zumindest "kriegsähnlich" zu bezeichnen. Auch deshalb, weil er die beste Figur macht, wo immer er auftreten muss. Dies geschieht inzwischen bereits an der Pforte zu seinem Berliner Ministerium, wo Feldjäger Wache schieben. Den Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU, kennt inzwischen dort jeder. Beim Amtsvorgänger Franz-Josef Jung, CDU, war dies keineswegs immer der Fall. Zu dessen Amtszeiten wurde immer mal wieder ein Staatssekretär von den Feldwachen mit "Herr Minister" begrüßt, weil die den eigentlichen Ressortchef bildlich gar nicht kannten. Bei zu Guttenberg geschah dies bisher nicht ein einziges Mal - woraus man sehen kann, wie populär er ist. Bleibt zu hoffen, dass der Pförtner im Arbeitsministerium seinen neuen Chef Franz-Josef Jung ohne Ausweiskontrolle reinlässt.

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Die interessanteste Spekulation in der Berliner Polit-Szene: Wer tritt im Herbst 2011 gegen Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, SPD, an? Die "Berliner Zeitung" hat jetzt eine Umfrage präsentiert, wonach 52 Prozent der Befragten am liebsten den CDU-Wirtschaftsexperten Friedrich Merz als CDU-Spitzenkandidaten ins Rennen schicken würden. Der ist besonders im Osten der Stadt beliebt, legt derzeit jedoch eine Polit-Pause ein. Und erklärte auf Anfrage, er stünde derzeit "für nichts" zur Verfügung. Umso interessanter ist eine andere Spekulation: Danach könnte eine Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen die derzeitige Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Renate Künast, ins Rennen gegen Wowereit schicken. Aus heutiger Sicht ist das keineswegs eine aussichtslose Sache, denn in Berlin liegt umfragegemäß die Jamaika-Konstellation gleichauf mit der derzeit regierenden Rot-Rot-Koalition.