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Flüchtlingspolitik: Merkels Alleingang - Protokoll eines Politkrimis

4. bis 6. September 2015. Ein Wochenende, das Deutschland veränderte. Die Folge: Hunderttausende Flüchtlinge kamen plötzlich ins Land. Dies ist das Protokoll eines Politkrimis – mit Angela Merkel in der Hauptrolle.

Am 4. September laufen in Budapest rund 1000 Flüchtlinge einfach los

Treck der Verzweifelten: Am 4. September laufen in Budapest rund 1000 Flüchtlinge einfach los. Ihr Ziel: Germany! Ihre Hoffnung hat einen Namen: Angela Merkel

FREITAG, 4. SEPTEMBER 2015

So merkwürdig es aus heutiger Sicht klingt, dieser Morgen des 4. September 2015 ist ein Morgen wie viele andere im Leben der Kanzlerin. Sie hat sich für robuste Dienstkleidung entschieden: schwarze Hose, weißes Shirt, blauer Blazer. Kurz vor acht Uhr wartet der Fahrer, um sie von ihrer Wohnung gegenüber dem Pergamonmuseum ins Kanzleramt zu bringen. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Tag und das folgende Wochenende in der Rückschau als Zäsur für Angela Merkels Kanzlerschaft gesehen werden. Als die drei Tage, in denen sie – ungewollt – eine Entwicklung in Gang setzte, die über Wochen hinweg nicht mehr aufzuhalten war. Die das Land spalten sollte. Die Deutschland veränderte und Europa gleich mit. Die die Schwesterparteien CDU und CSU entzweite und der AfD zu einem kometenhaften Aufstieg verhalf. Nach diesen drei Tagen war vieles anders als vorher.

+++ 8.30 Uhr Berlin, Kanzleramt +++

Angela Merkel sitzt in ihrem Büro im siebten Stock mit ihrem engsten Kreis zusammen. Regierungssprecher, Kanzleramtsminister, Büroleiterin. Die Morgenlage. Die Runde bespricht, was anliegt. In den vergangenen Wochen gibt es nur ein Thema: die Flüchtlinge. In der Pressemappe der Kanzlerin liegt ein Kommentar der spanischen Zeitung "El Mundo": "Im Gegensatz zu der inakzeptablen Haltung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán reagierte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den größten Flüchtlingsstrom seit dem Zweiten Weltkrieg in tadelloser Weise."

Fast alle deutschen Zeitungen zeigen das Foto des syrischen Jungen Alan Kurdi, drei Jahre alt, angespült am Strand im türkischen Bodrum. Tot. Auf der Flucht ertrunken. Das Bild erschüttert die Welt. Es trägt wohl dazu bei, dass Politiker anders, schneller entscheiden, als sie es unter gewöhnlichen Umständen getan hätten. Bilder können solche Wirkung entfalten.

Merkels Runde ist beunruhigt. In Ungarn hat sich die Lage zugespitzt. Seit Tagen kampieren etwa 5000 Menschen am Budapester Ostbahnhof. Die ungarische Polizei hat ihn abgeriegelt. Bis zu diesem Tag haben 162 980 Flüchtlinge Ungarn erreicht. 150 611 Flüchtlinge stellten einen Asylantrag. Doch die wenigsten warten den Ausgang ihres Verfahrens ab, sie wollen weiter, nach Deutschland. Germany!

Seit Kurzem denken die meisten von ihnen, es tatsächlich bis ins Land ihrer Träume schaffen zu können. Denn am 25. August hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über Twitter mitgeteilt, dass Flüchtlinge aus Syrien ab sofort auch ohne Registrierung in Deutschland Asyl beantragen können. Die Botschaft verbreitet sich über die Handys der Flüchtlinge schnell. Jetzt will sich erst recht niemand mehr in Ungarn registrieren lassen. Viele werfen ihre Pässe weg. Ab jetzt sind alle Syrer.

"Dieser Tweet war eine Katastrophe", wird einer von Merkels Leuten Wochen später sagen. "Faktisch eine Einladung." An diesem Morgen im Kanzleramt aber spielt die verhängnisvolle Botschaft keine Rolle.

Merkels Runde ist sauer auf Viktor Orbán. Der Hardliner hat an der Grenze zu Serbien einen Zaun bauen lassen. Er will keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen – und die, die da sind, würde er gern nach Deutschland schicken. "Ungarn ist ein Land der Christen und will keine Muslime", hat Orbán am Vortag gesagt. Es sei kein europäisches, sondern ein "deutsches Problem".

Ungarns Regierungschef Viktor Orbán

Der Hardliner: Ungarns Regierungschef Viktor Orbán spielt mit den Flüchtlingen ein schmutziges Spiel

Am Vortag haben die ungarischen Behörden Flüchtlinge in einen Zug gelockt, ihnen Fahrkarten Richtung Österreich verkauft, den Zug dann aber kurz hinter Budapest gestoppt, in Bicske, in der Nähe eines Flüchtlingslagers. Einer von Merkels Leuten äußert den Verdacht, Orbán mache das nur, um Druck aufzubauen. Druck auf die Kanzlerin. Merkels Sprecher Steffen Seibert soll nachher in der Regierungspressekonferenz etwas dazu sagen.

+++ 11.00 Uhr Budapest, Ostbahnhof +++

Die wartenden Menschen sind entkräftet, verzweifelt, hoffnungslos. Sie haben Angst, in Ungarn eingesperrt oder, noch schlimmer, nach Griechenland oder in die Türkei zurückgeschickt zu werden. Eine kleine Gruppe von Flüchtlingen beschließt, sich zu Fuß aufzumachen, nach Westen, Richtung Wien. Sie sprechen andere Flüchtlinge an. Wenn sie viele sind, so die Überlegung, kann die Polizei sie nicht aufhalten. Binnen kurzer Zeit haben sie ein paar Hundert Flüchtlinge zusammen. Die Sonne brennt vom Himmel, als sie die Elisabethbrücke über die Donau passieren. Begleitet von Polizeiwagen, marschieren sie Richtung Autobahn M 1. Bis zur Grenze sind es 179 Kilometer.

+++ 11.30 Uhr Berlin +++

Die Bundesregierung beharrt darauf, dass die Flüchtlinge in Ungarn registriert werden. Regierungssprecher Steffen Seibert liest die vorbereiteten Sätze ab: "Der Umstand, dass Deutschland syrische Flüchtlinge derzeit nicht nach Ungarn zurückschickt, ändert nichts an der rechtlich verbindlichen Pflicht Ungarns, dort ankommende Flüchtlinge ordnungsgemäß zu registrieren, zu versorgen und die Asylverfahren unter Beachtung der europäischen Standards in Ungarn selbst durchzuführen." Und: "Die Bundesregierung geht davon aus, dass Ungarn seinen rechtlichen und humanitären Verpflichtungen ebenso gerecht werden wird wie Deutschland." Das ist eine versteckte Botschaft Merkels an Orbán: Treib's nicht zu weit, mein Freund!

Deutschland hält die europäischen Regeln hoch – obwohl das Flüchtlingssystem, das auf ihnen beruht, zusammengebrochen ist. Die Menschen werden nicht mehr dort registriert, wo sie zum ersten Mal europäischen Boden betreten. Wäre es anders, müssten alle in Italien oder Griechenland sein. Die Bundesregierung hat vor dem Ansturm längst kapituliert. Sie duldet massenhaften Rechtsbruch.

+++ 14.00 Uhr Budapest +++

Die Flüchtlinge sind fast am Autobahnzubringer zur M 1 Richtung Budaörs. Vorneweg humpelt ein Mann auf Krücken. Er trägt ein Bild von Angela Merkel vor der Brust. Ein anderer läuft weinend neben ihm her. "Ich will zu Mama Merkel", ruft er. Noch knapp 170 Kilometer bis zur österreichischen Grenze.

+++ 14.35 Uhr München +++

Merkel hat schon zu lange im Krisenmodus gearbeitet, als dass sie wegen Ungarn ihre Termine für diesen Tag absagen müsste. Euro. Griechenland. Jetzt eben Flüchtlinge. Krisenroutine. Nur dem Innenminister hat der Stress zugesetzt. Thomas de Maizière liegt mit 39,7 Grad Fieber im Bett.

Die Kanzlerin ist am Vormittag von Berlin nach München geflogen und hat in Bayern zwei Wohlfühltermine absolviert. In Buch am Erlbach führten ihr Schüler vor, wie sie Lego-Roboter programmieren und mit 3-D-Druckern arbeiten. In Garching traf sie Start-up-Gründer. Jetzt fliegt sie von München nach Düsseldorf. Aus der Kanzlerin wird die CDU-Vorsitzende. Sie hat Parteitermine in Essen und Köln. Noch ist es ein normaler Tag.

+++ 16.00 Uhr Prag +++

Die Regierungschefs der Visegrád-Länder Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn sind zu einem Sondertreffen zusammengekommen. Sie lehnen Quoten zur Flüchtlingsverteilung ab. Also das, was Merkel will. Orbán sagt: "Wir müssen unsere Bürger schützen und ihre Sicherheit garantieren." Der Regierungschef weiß zu diesem Zeitpunkt vom Flüchtlingstreck Richtung Österreich. Mitarbeiter schicken ihm ständig SMS auf sein Handy: Die Lage drohe zu eskalieren. Aus anderen Flüchtlingseinrichtungen im Land liefen Menschen weg, um sich dem Marsch anzuschließen.

+++ 16.30 Uhr Luxemburg +++

Ungarns Außenminister Péter Szijjártó tritt an seinen jungen österreichischen Kollegen Sebastian Kurz heran. Ob er mit ihm reden könne? Auf dem Luxemburger Kirchberg treffen sich für zwei Tage die Außenminister der 28 EU-Staaten. Auf der Tagesordnung: Naher Osten, Russland, Iran. Orbán habe Gesprächsbedarf, sagt Szijjártó zu Kurz. Die Geduld seines Regierungschefs sei am Ende, er wolle nicht mehr "der Watschenbaum" der EU sein.

Was Ungarns Außenminister nun übermittelt, ist nicht weniger als eine Drohung – und ein Ultimatum. Entweder er, Orbán, halte die Flüchtlinge auf dem Weg nach Österreich auf – dann wolle er gefälligst darum gebeten werden. Oder die Flüchtlinge seien fortan nicht mehr sein Problem. Dann winke er sie einfach nach Österreich durch. Kurz solle Orbáns Bitte um ein Gespräch übermitteln, nach Wien zu Bundeskanzler Werner Faymann und über Frank-Walter Steinmeier nach Berlin zu Merkel. Kurz nickt: "I sag's Faymann."

Dann berät er sich mit Steinmeier. Kurz sagt, Orbán wolle der widerspenstigen EU endlich zeigen, dass es so nicht weitergehe. Die beiden sind sich einig: Die Lage dürfe nicht eskalieren. Aufzuhalten wären die Flüchtlinge nur mit Polizeigewalt. Sollen Österreich und Deutschland sie also aufnehmen? Dürfen sie das nach europäischem Recht überhaupt? Steinmeier macht sich keine Illusionen: Eine Aufnahme würde immer mehr Flüchtlinge anziehen.

In Budapest beginnt das Warten. Und in Wien wird der Kanzler nervös. Werner Faymann will nicht mit Orbán reden, bevor er nicht Angela Merkel erreicht hat. Die aber ist erst mal nicht zu sprechen.

Ein Bild geht um die Welt: der dreijährige Alan Kurdi, ertrunken auf der Flucht übers Mittelmeer

Ein Bild geht um die Welt: der dreijährige Alan Kurdi, ertrunken auf der Flucht übers Mittelmeer

+++ 17.15 Uhr Essen, Burgplatz +++

Rund 3000 Menschen haben sich auf dem Platz vor dem Dom versammelt, unter ihnen viele Migranten, die Schilder hochhalten: "Danke Deutschland" . Merkel lässt sich von Probst Thomas Zander in aller Seelenruhe noch durch den Dom führen und die Goldene Madonna zeigen, die älteste Marienfigur der Welt. Auf dem Weg zur Bühne bekommt sie aus der Menge zwei Bilder entgegengehalten: Fotos von Alan, dem toten Jungen am Strand.

Merkel hält eine ihrer Standard-Wahlkampfreden. Kitas, Steuern, Familie. Nur kurz streift sie die Flüchtlingskrise. Sie redet von einer großen Herausforderung und davon, dass Deutschland einen fairen Anteil daran übernehmen wolle, "dass diese Menschen wieder sicher leben können". Sie sagt aber auch, "dauerhaft bleiben bei uns können nur diejenigen, die wirklich vor Krieg, Not, Unterdrückung und Gewalt geflohen sind. Wer diese Gründe nicht nachweisen kann, dem müssen wir auch sagen, dass er unser Land wieder verlassen muss." Am Ende wird die Nationalhymne gespielt.

Danach eilt sie zum Hubschrauber. Merkel muss weiter nach Köln. Dort feiert die CDU Nordrhein-Westfalens ihr 70-jähriges Bestehen. Im Hubschrauber sieht sie auf ihrem iPad zum ersten Mal die Bilder der Flüchtlinge, die auf der Autobahn Richtung Österreich marschieren.

+++ 18.30 Uhr Köln, Festhaus Flora +++

Nach der Landung telefoniert Merkel mit Steinmeier. Die geladenen Gäste in der Flora müssen fast eine Stunde auf sie warten. Die Kanzlerin weiß jetzt, was los ist. Sie lässt sich aber nichts anmerken. Wenn die Gründerväter der CDU "den ganzen Tag überlegt hätten, ob sie das nun schaffen oder nicht, dann wären wir heute nicht da, wo wir sind" , sagt sie. Zum ersten Mal an diesem Tag spricht sie über die Situation in Ungarn. Sie verstehe nicht, dass ein Land, das vor 26 Jahren seine Grenzen für DDR-Flüchtlinge geöffnet habe, heute so hart zu denen sei, die erkennbar vor Not geflohen sind.

+++ 19.30 Uhr Wien +++

Ein Mitarbeiter der ungarischen Botschaft übergibt im österreichischen Außenministerium eine "Verbalnote". Sie endet mit der üblichen Formel: "Die Botschaft benutzt diesen Anlass, das Außenministerium erneut ihrer ausgezeichneten Hochachtung zu versichern." Doch von Hochachtung keine Spur. Der Botschafter teilt mit, dass sich knapp tausend illegal nach Ungarn Eingereiste auf dem Weg nach Österreich befinden. Auf welcher rechtlichen Grundlage Ungarn reagieren solle?

Die Diplomaten leiten das Schreiben ans Wiener Kanzleramt weiter. Faymann und seine Leute verstehen die Note nicht als unverbindliche Mitteilung – Orbán setzt ihnen die Pistole auf die Brust: Ungarn wird die Flüchtlinge entweder aufhalten oder nach Österreich weiterziehen lassen. Sie stoppen hieße: Gewalt, Blutvergießen, womöglich Schlimmeres. Das muss unter allen Umständen verhindert werden. Faymann will die Entscheidung nicht allein fällen. Er beschließt, Merkel anzurufen.

+++ 19.45 Uhr Köln, Flora +++

Den ganzen Tag schon ist Bernhard Kotsch, Merkels stellvertretender Büroleiter, an der Seite seiner Chefin. Er hält den Kontakt zum Kanzleramt, sammelt wichtige Nachrichten. Während Merkel redet, bekommt Kotsch eine Notiz aufs Handy: Faymann möchte die Kanzlerin sprechen. Dringend.

+++ 20.00 Uhr Budapest +++

János Lázár, Orbáns Stabschef, sagt, sein Chef habe mehrfach versucht, mit Faymann zu telefonieren. Der aber habe Orbán wissen lassen, dass er dessen Anruf nicht vor Samstag neun Uhr annehmen könne.

Faymann möchte sich absichern, bevor er mit Orbán spricht. Er will die Zusage von Merkel, dass Deutschland den Großteil der Flüchtlinge übernimmt. Er fürchtet, Österreich bleibt allein mit den Flüchtlingen.

Im Innenministerium in Budapest tagt seit einer Stunde ein "Emergency Meeting": Innenminister, Polizeichef, Orbáns Stabschef, Orbáns Sprecher. Viktor Orbán selbst sitzt bereits in der Groupama Aréna, wo um 20.45 Uhr das Fußball-EM-Qualifikationsspiel Ungarn–Rumänien angepfiffen wird. Der Krisenstab entscheidet, die Flüchtlinge in Busse zu setzen und Richtung Grenze zu fahren. Wohin genau, ist noch unklar. Die Österreicher haben sich noch nicht gemeldet. Per SMS wird Orbán über den Plan informiert. Er erteilt seine Zustimmung zum Einsatz der Busse – kurz vorm Anpfiff, von der VIP-Lounge aus.

+++ 20.15 Uhr Köln, Autobahn +++

Merkel verlässt die Flora. Auf dem Weg zum Flughafen, in ihrer gepanzerten Limousine, telefoniert sie mit Faymann. Er schildert ihr die Lage, spricht von einer Notsituation, warnt vor möglichen Toten. Er beschuldigt Orbán, die Flüchtlinge absichtlich festgesetzt und unmenschlich behandelt zu haben, um die Lage eskalieren zu lassen. Wenn das Orbáns Ziel war, hat er es in diesem Moment erreicht: Österreich und Deutschland haben praktisch keine Wahl mehr. Merkel ist klar, dass die Flüchtlinge nur mit Gewalt aufzuhalten wären. Polizisten, die auf hungernde Flüchtlinge einschlagen, vor Deutschlands Haustür? "Das können wir nicht zulassen", sagt Merkel, sagt Faymann, "sonst ist Europa erledigt."

71 tote Flüchtlinge im LKW: Die Nachricht von der Tragödie erreicht Angela Merkel Ende August in Wien

71 tote Flüchtlinge im LKW: Die Nachricht von der Tragödie erreicht Angela Merkel Ende August in Wien

Merkel und Faymann stehen noch unter dem Eindruck der Schreckensnachricht von den 71 toten Flüchtlingen aus einem Kühllaster. Die Kanzlerin war am 27. August zu einer Westbalkankonferenz in Wien, als der Lkw mit der tödlichen Fracht auf der österreichischen Ostautobahn gefunden wurde. Faymann hatte ihr während der Sitzung wortlos die Nachricht von der Tragödie auf seinem Handy gezeigt. Es war der Moment, wo das Sterben der Flüchtlinge im Herzen Europas angekommen war.

Merkel sagt zu Faymann, er solle mit Orbán telefonieren. Sie lasse in Berlin die Rechtslage klären, sie wolle sich mit ihren Ministern beraten. Faymann hat den Eindruck, die Sache sei bereits gelaufen.

+++ 20.45 Uhr Berlin, Botschaft +++

Orbáns Mann in Deutschland, Botschafter József Czukor, schickt Kanzleramtsminister Peter Altmaier eine Mail. Ungarn könne die Registrierung der Flüchtlinge nicht mehr gewährleisten. Es werde sie deswegen mit rund 100 Bussen nach Hegyeshalom an die österreichisch-ungarische Grenze transportieren. Es gehe um etwa 4000 bis 6000 Flüchtlinge.

Jetzt liegt das Problem dort, wo Orbán es haben will: in Berlin. Bei Merkel.

+++ 21.30 Uhr Goslar +++

Die Kanzlerin ruft Sigmar Gabriel an. Der SPD-Chef ist zu Hause in Goslar, bei seiner Familie. Ob er einverstanden sei, 4000 bis 6000 Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland zu holen. Es sei eine Ausnahme. Sie habe bereits mit Steinmeier gesprochen. Der trage die Entscheidung mit und lasse im Auswärtigen Amt die Rechtslage prüfen. Gabriel sagt, er stimme unter der Voraussetzung zu, dass es eine einmalige Aktion bleibe. Das Telefonat dauert keine fünf Minuten.

Danach ruft Gabriel gleich Steinmeier an. Ob stimme, was Merkel sage. Ja, er habe mit ihr telefoniert, antwortet Steinmeier. Aber um eine Zustimmung sei es eigentlich nicht gegangen, die Kanzlerin habe ihn nur informiert.

+++ 22.00 Uhr Budapest, Bahnhof +++

Die ersten Busse der Budapester Verkehrsbetriebe treffen hier ein. Die Flüchtlinge trauen sich nicht einzusteigen. Zu groß ist die Angst, wieder in ein Flüchtlingslager gebracht zu werden.

+++ 22.30 Uhr Berlin +++

Merkel sitzt in ihrer Wohnung in Berlin. Sie telefoniert und telefoniert. Beamte aus dem Innen- und dem Außenministerium warnen vor einer Sogwirkung. Die Geheimdienste sind besorgt. Nach Auskunft der Experten sieht das europäische Recht ein "Selbsteintrittsrecht" der Vertragsstaaten vor. Im Klartext: Wenn ein EU-Staat will, kann er beliebig viele Flüchtlinge ins Land lassen. Spät an diesem Abend in ihrer Wohnung legt Merkel sich fest: Deutschland nimmt die Flüchtlinge auf. Das ist der Moment der Entscheidung. Sie als Regierungschefin muss sie fällen. Allein.

+++ 23.00 Uhr Wien, Kanzleramt +++

Faymann lässt sich von einem Mitarbeiter die Handynummer von Orbán organisieren. Kurz danach ruft er ihn doch noch an. Das Gespräch ist kurz, sachlich. Faymann informiert Orbán, dass Österreich die Flüchtlinge einreisen lasse. Orbán sagt, 2000, höchstens 3000 Menschen seien auf dem Weg.

Das Handy aus: Angela Merkel kann Horst Seehofer in der Nacht der Entscheidung nicht erreichen

Das Handy aus: Angela Merkel kann Horst Seehofer in der Nacht der Entscheidung nicht erreichen

+++ 23.30 Uhr Berlin +++

Merkel informiert ihren maladen Innenminister und ihren Kanzleramtschef. Dann will sie Horst Seehofer sprechen. Sie ruft an, sie schickt ihm eine SMS. Ihr geht es nicht darum, seine Zustimmung einzuholen; sie ahnt, dass sie die nicht kriegen wird. Aber Seehofer ist direkt betroffen, fast alle Flüchtlinge werden in Bayern ankommen. Die bayerische Staatskanzlei ist um 23.00 Uhr bereits darüber informiert worden. Der Kontakt zu Seehofer kommt jedoch nicht zustande. Der Ministerpräsident macht Kurzurlaub in seinem Ferienhaus in Schamhaupten. Sein Handy sei an dem Abend aus gewesen, wird er später sagen, das mache er in den Ferien immer so.

Merkel bittet ihren Kanzleramtsminister, es über Seehofers Staatskanzleichefin Karolina Gernbauer zu versuchen. Die schickt ihrem Chef eine SMS, er möge sich bei der Kanzlerin melden. Keine Reaktion. Erst am nächsten Morgen wird Seehofer die Anrufe und SMS auf dem Handy sehen.

+++ 23.36 Uhr Budapest +++

Die ersten leeren Busse verlassen die Hauptstadt Richtung Autobahn. Sie sollen die Flüchtlinge, die am Mittag vom Bahnhof losmarschiert sind, einsammeln und zur Grenze fahren. Eine halbe Stunde später erreichen sie ihr Ziel: Kilometer 27 an der Autobahn M 1. Dort haben die Flüchtlinge völlig entkräftet ausgeharrt. Das österreichische Fernsehen überträgt live, als die ersten in die Busse steigen.

+++ 23.45 Uhr Berlin +++

Merkel ruft Vize-Regierungssprecher Georg Streiter an. Er soll die Medien informieren.

SAMSTAG, 5. SEPTEMBER 2015

+++ 0.03 Uhr Wien +++

Faymann gibt das, was bislang nicht offiziell war, öffentlich bekannt, ausgerechnet auf seiner Facebook-Seite: "Bundeskanzler Werner Faymann erklärte heute nach einem Gespräch mit dem ungarischen Premierminister Viktor Orbán, in Abstimmung mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel: Aufgrund der heutigen Notlage an der ungarischen Grenze stimmen Österreich und Deutschland in diesem Fall einer Weiterreise der Flüchtlinge in ihre Länder zu."

+++ 0.36 Uhr Budapest +++

Der Nachrichtenserver index.hu veröffentlicht das Facebook-Posting Faymanns auf Ungarisch. Die Nachricht verbreitet sich schnell, die sozialen Netzwerke stehen auch in der Nacht nicht still.

+++ 0.42 Uhr Berlin +++

Jetzt meldet auch DPA, dass Österreich und Deutschland die ungarischen Flüchtlinge einreisen lassen. Die Nachrichtenagentur beruft sich auf ihre österreichischen Kollegen von der APA. Faymann hatte sie direkt nach dem Gespräch mit Merkel unterrichten lassen. Es konnte ihm nicht schnell genug gehen.

+++ 0.45 Uhr Budapest, Ostbahnhof +++

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen überreden die Flüchtlinge, in die seit Stunden bereitstehenden Busse zu steigen. Diese würden sie tatsächlich bis zur Grenze bringen. Noch immer befinden sich am Bahnhof Tausende Flüchtlinge. Über arabische Facebook- und Whatsapp-Gruppen wird verbreitet, die Grenze sei offen.

+++ 3.30 Uhr Berlin +++

Bei Björn Böhning klingelt das Telefon. Festnetz. Das Handy hatte er ausgestellt, als er ins Bett ging. Der Leiter der Berliner Staatskanzlei kann ein paar Stunden Schlaf brauchen. Seit Wochen ist er rund um die Uhr damit beschäftigt, die in Berlin ankommenden Flüchtlinge notdürftig unterzubringen. Am Telefon ist ein Mitarbeiter vom Lagestab des Kanzleramts. Der "Chef BK" – Kanzleramtsminister Altmaier – wünsche die Leiter der Staatskanzleien aller 16 Bundesländer über "ein besonderes außenpolitisches Ereignis" zu unterrichten, per Schaltkonferenz am Telefon, Beginn 7.30 Uhr. Böhning ist klar, dass es um Flüchtlinge gehen muss. "Wenigstens kein Militärschlag" , denkt er.

+++ Zwischen 4.00 und 5.00 Uhr Wien +++

Faymann ruft noch einmal bei Angela Merkel an. Österreichs Kanzler ist in Sorge, Deutschland würde angesichts des Ansturms doch noch seine Grenzen dichtmachen. Es seien mehr Flüchtlinge, als man gedacht habe, sagte er. Merkel überrascht das nicht. Sie steht zu ihrem Wort. Danach versucht Faymann Orbán zu erreichen. Doch auch er geht in dieser Nacht nicht an sein Handy. Ungarns Premier hebt erst um 6.45 Uhr ab. Wieder geht es um Zahlen. Orbán spricht von 4000 Menschen.

+++ 7.30 Uhr Évian, Hotel Royal +++

Peter Altmaier sitzt in seinem Hotelzimmer. Draußen schimmert der Genfer See im Morgenlicht. Altmaier lässt sich über seinen Lagestab in Berlin mit den Chefs der Staatskanzleien verbinden, den engsten Mitarbeitern der Ministerpräsidenten. Er informiert sie kurz. Orbán habe gedroht, er sei gegenüber den Flüchtlingen zu allen Maßnahmen bereit. Die Kanzlerin habe sich deshalb zu einer "einmaligen humanitären Aktion" entschieden. Übers Wochenende werde die Grenze für die Flüchtlinge geöffnet. Altmaier betont noch einmal: "einmalig". Es sei nun die "dringende Bitte der Bundesregierung", dass die Länder so schnell wie möglich Unterbringung und Versorgung organisieren.

Ankunft in München: Eine Frau hält ein Merkel-Bild vor ihrer Brust. Sie ist am Ziel ihrer Flucht.

Ankunft in München: Eine Frau hält ein Merkel-Bild vor ihrer Brust. Sie ist am Ziel ihrer Flucht.

Wann die Flüchtenden ankommen? Wie viele es sein werden? Auf die meisten Fragen kann Altmaier nicht antworten. Er weiß es schlicht nicht. Einige Staatskanzleichefs murren. Sie seien schon an der Grenze der Belastbarkeit. Bereits am 19. August hatte der Innenminister von 800.000 Flüchtlingen gesprochen, die 2015 nach Deutschland kommen würden – viermal so viele wie 2014. Konsequenzen gezogen hat die Bundesregierung aus dieser Prognose keine. Sie ist nicht vorbereitet.

Altmaier spult im französischen Évian weiter sein Programm ab. Er hält vor dem Évian-Kreis, einem erlauchten Zirkel deutscher und französischer Topmanager und Politiker, eine Rede. Plötzlich trifft er Joschka Fischer. Die Meldungen der Nacht haben den emeritierten Weltpolitiker Fischer elektrisiert. Er spürt, dass an diesem Wochenende in Europa etwas Außerordentliches passiert. Er erklärt Altmaier, was Merkels Entscheidung für ihre Kanzlerschaft bedeutet: Sie könne sich ihrer Partei ab jetzt nicht mehr sicher sein. Die Aufnahme der Flüchtlinge werde das Bild Deutschlands in der Welt verändern – aber auch CDU und CSU. Merkel gehe ins Offene.

+++ 8.00 Uhr Schamhaupten +++

Horst Seehofer ruft Angela Merkel an. Er habe eben erst festgestellt, dass sie ihn versucht habe zu erreichen. Merkel erklärt, dass sie in Absprache mit Faymann entschieden habe, den Flüchtlingen aus Ungarn die Einreise nach Deutschland zu gestatten. Sie betont: eine humanitäre Ausnahmeentscheidung. Seehofer antwortet, dass er ihre Entscheidung für einen großen Fehler halte. Sie könne von Hunderttausenden als Einladung verstanden werden, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Seehofer hat das Gefühl, Merkel hatte sich auf ihre Entscheidung schon festgelegt, bevor sie überhaupt den Versuch unternahm, ihn zu erreichen. "Da bin ich aber betrübt, dass wir uns nicht einig sind", sagt Merkel. Nein, das sei nicht schön, erwidert Seehofer. Dann legen die beiden auf. Es ist der Beginn einer wunderbaren Feindschaft. Von nun an wird zwischen Merkel und Seehofer nichts mehr so sein, wie es mal war.

Selfie-Kanzlerin: Angela Merkel besucht am 10. September 2015 ein Asylbewerberheim in Berlin-Spandau

Selfie-Kanzlerin: Angela Merkel besucht am 10. September 2015 ein Asylbewerberheim in Berlin-Spandau

+++ 10.00 Uhr Berlin +++

Georg Streiter, der stellvertretende Regierungssprecher, hat an diesem Wochenende Bereitschaftsdienst. Bis zum Abend schafft er es nicht mehr unter die Dusche. Sein Telefon klingelt permanent. Mit einer Hand hält er das Handy. Mit der anderen macht er sich gelegentlich Kaffee oder schmiert sich eine Stulle. Zwei Fragen stellt praktisch jeder Anrufer: Wie viele kommen? Und: Wann hört das auf?

+++ 15.30 Uhr Röszke +++

Der Ansturm wird immer größer. Fast alle Flüchtlinge in Ungarn wollen jetzt nach Deutschland. Und sie sind nicht aufzuhalten. Aus dem Flüchtlingslager in Röszke an der serbischen Grenze sind die Flüchtlinge in der Nacht einfach weggerannt. Am Tag zuvor hatte die Polizei Tränengas eingesetzt, jetzt hält sie still.

+++ 16.00 Uhr Berlin +++

Von zu Hause aus telefoniert sich Merkel quer durch Europas Hauptstädte, immer mit derselben Frage: Wie viele Flüchtlinge nehmt ihr? Sie hält weiter an der Idee fest, sie auf alle europäischen Länder zu verteilen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Hollande sagt zu, dass Frankreich 1000 aufnimmt. Belgien 250. Im Kanzleramt führen sie eine Strichliste. Sie ist nicht sehr umfangreich. Um 18.00 Uhr telefoniert Merkel erstmals an diesem Wochenende mit Viktor Orbán. Es ist ein kühles Gespräch.

+++ 18.00 Uhr München +++

Seehofer lässt das CSU-Präsidium telefonisch zusammenschalten. Er ledert sofort los: Merkel habe sich leider im Alleingang "für die Vision eines anderen Deutschland entschieden" . Es könne nicht sein, "dass die Kanzlerin den Flüchtlingen die allerhöchste Genehmigung erteilt, sich ihr Asylland selbst auszusuchen".

SONNTAG, 6. SEPTEMBER 2015

+++ Vormittag Wien +++

Österreichs Kanzler berät sich noch einmal mit Merkel. Am Nachmittag verkündet Faymann, dass man wieder "weg von den Notmaßnahmen hin zu einer rechtskonformen und menschenwürdigen Normalität" sei. Eine Wunschvorstellung.

+++ 19.00 Uhr Berlin, Kanzleramt +++

Die Spitzen der Koalition kommen in einem Besprechungsraum im achten Stock zusammen. Der Innenminister ist immer noch angeschlagen. De Maizière hustet auf dem Weg vom Auto zum Eingang. Sigmar Gabriel erwartet einen heftigen Krach zwischen Merkel und Seehofer. Der fällt jedoch aus. Seehofer sagt gleich zu Beginn, dass er Merkels Entscheidung für einen Fehler halte. Er stimme mit ihr aber darin überein, dass es eine Ausnahme bleiben soll. "Es gibt keine länger anhaltende Öffnung der Grenze", sagt Merkel.

+++ 19.30 Uhr Wien, ORF +++

Orbán spricht in der Hauptnachrichtensendung. Er fordert Deutschland und Österreich auf, die Grenzen dichtzumachen. Andernfalls würden weiterhin mehrere Millionen Menschen nach Europa kommen.

+++ 01.00 Uhr Berlin, Kanzleramt +++

Nach sechs Stunden ist der Koalitionsgipfel zu Ende. Die Runde einigt sich auf ein umfangreiches Programm. Unter anderem gibt es sechs Milliarden Euro für Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge. Als Gabriel das Kanzleramt verlässt, sagt er: "Deutschland zeigt ein Bild, auf das es stolz sein kann."

Allein an diesem Sonntag kommen rund 12 000 Flüchtlinge über die Grenze nach Bayern. So viele wie noch nie an einem Tag. Insgesamt nimmt Deutschland an diesem Wochenende rund 20.000 Flüchtlinge auf. Es werden in den nächsten Tagen noch mehr werden. Viel mehr.

Was als Ausnahme gedacht war – es wird in den kommenden Wochen zur Regel.

EPILOG

Am Montag danach spricht Angela Merkel von einem "bewegenden, ja zum Teil atemberaubenden Wochenende". War es auch ein historisches?

Geschichte hat oft keinen Anfang und kein Ende. Manchmal erfahren gesellschaftliche Prozesse durch bestimmte Ereignisse eine Beschleunigung. Das erste Septemberwochenende 2015 hat den Flüchtlingsstrom, der bereits seit Monaten durch Europa zog, radikal beschleunigt. Es hat dazu geführt, dass Deutschland über Monate hinweg die Kontrolle verlor. Die Behörden wissen zum Teil bis heute nicht, wer alles ins Land gekommen ist und wo sich diese Flüchtlinge aufhalten. Dass auch Terroristen unter ihnen waren, dieser schmerzvollen Erkenntnis musste sich die Republik erst später stellen.

Merkels Entscheidung ist bis heute umstritten – in Deutschland und in Europa. Die einen feiern sie als Ausdruck eines humanitären Imperativs, die anderen schmähen sie als naiv. Die Folgen? Sind in jedem Fall gravierend. Deutschland ist gespalten, Europa zerstritten, der Flüchtlingsstrom zu uns fast versiegt. Die Regierung hat Grenzkontrollen eingeführt, Asylgesetze verschärft, neue Sicherheitsmaßnahmen beschlossen, die Balkanroute ist zu, Europa lässt die Flüchtlinge vom türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan von seinen Grenzen fernhalten. Und Angela Merkel? Sagt immer noch: "Wir schaffen das."