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Russland vor der Wahl: Wer klaut wem die Stimmen?

Unsere russische Seele ist schon rätselhaft: Im Grunde glaubt keiner daran, dass es bei den kommenden Wahlen fair zugehen wird. Alle reden darüber, wer viele Stimmen wem wegnimmt und wem wie viele Stimmen zugeschrieben werden.

Von Olga Kitowa

Über Wahlfälschungen sprechen die Russen vor der bevorstehenden Parlamentswahl am Sonntag als seien sie eine selbstverständliche Sache. Keine der elf Parteien, die teilnehmen, glaubt ernsthaft an faire Wahlen. Und die meisten Wähler auch nicht. Nach einer Umfrage des Lewada-Instituts sind nur 18 Prozent der Russen von gerechten Wahlen überzeugt. Wenigstens in einem sind sich Volk und Parteien also einig.

Eigentlich geht es nur noch darum, wie viele Stimmen der Kremlpartei "Einiges Russland" zugeschoben und den anderen geklaut werden. Beobachter der OSZE reisen nach einem Streit mit den russischen Behörden erst gar nicht an.

Die Kommunistische Partei KPRF, die stärkste Oppositionskraft, will zum ersten Mal Maßnahmen zur "Verteidigung des Resultats" ergreifen. Es geht für sie inzwischen weniger darum, viele Wähler von ihrer Partei zu überzeugen. Für wichtiger halten sie, das Wahlergebnis gegen die Manipulationen des Staates zu schützen.

Die Kommunisten, derzeit zweitstärkste Fraktion im Parlament, haben sich vorgenommen, am 2. Dezember quasi alle Wahllokale kontrollieren, sagte mir der stellvertretende Parteivorsitzende Iwan Melnikow. Die Partei will die Stimmen sogar parallel mit den staatlichen Organen auszählen lassen. Schon nach einer Stunde, nicht später als die Zentrale Wahlkommission, werden wir die Ergebnisse von zehn bis fünfzehn Prozent der Wahllokale sehen können. Sie werden anzeigen, wie die Wahlen insgesamt ausgehen. Es wird also zwei Ergebnisse geben - das offizielle und das der Kommunisten.

In einzelnen Regionen werden die Kommunisten etwa 20 bis 40 Prozent der Stimmen bekommen. Experten rechnen damit, dass ein großer Teil der Protestwähler ihnen ihre Stimme geben. Im offiziellen Ergebnis wird sich das jedoch nicht widerspiegeln.

Nach den letzten Umfragen, die laut Wahlgesetz nur noch gestern veröffentlicht werden konnten, werden es zwei Parteien sicher ins Parlament schaffen: die Kremlpartei "Einiges Russland" und - mit großem Abstand im offiziellen Ergebnis - die Kommunistische Partei KPRF. Das öffentliche Fernsehen bereitet seine Zuschauer auch darauf vor, dass auch die Kremlparteien LDPR von Wladimir Schirinowskij und "Gerechtes Russland" von Sergej Mironow die Sieben-Prozent-Hürde nehmen könnten. Nach den neuen Zahlen wird geplant, den Kommunisten nur etwa zehn Prozent der Stimmen zu lassen. Das ist ein Prozent mehr als Schirinowskijs LDPR und zwei Prozent mehr als dem "Gerechten Russland". Damit würde auch Andrej Lugowoj in die Duma einziehen, der in Großbritannien wegen des Giftmordes an Alexander Litwinenko gesucht wird. Er auf der Liste der LDPR als Nummer zwei gesetzt - hinter Wladimir Schirinowskij und vor dessen Sohn.

Das Verrückte an unseren Wahlen: Alle wissen, dass die Ergebnisse gefälscht werden. Aber wie man dagegen ankämpfen kann, diskutiert kaum einer. Alle reden darüber, wer viele Stimmen wem wegnimmt und wem wie viele Stimmen zugeschrieben werden. Wahrscheinlich ist das unsere rätselhafte russische Seele.