Russland Ziemlich weit unten


Anton Borisow bleibt keine Wahl: Er arbeitet als illegaler Taxifahrer.
Von Andreas Albes

Es ist vier Uhr früh, Samstag vor dem Moskauer Nachtclub Rai (zu Deutsch: Paradies). Anton Borisow sitzt in seinem dunkelblauen Ford Focus und wartet auf Kundschaft. Das Geschäft läuft ganz gut heute. Den ganzen Tag schien die Sonne, die Leute haben Lust auszugehen. Borisow hatte schon drei Fuhren. Er ist Taxifahrer. Ein illegaler Taxifahrer, wie es Tausende in Moskau gibt. Der Preis wird vor der Fahrt verhandelt. Einmal durch die Innenstadt kostet zwischen zwei und acht Euro.

Hätte ihm vor einem halben Jahr jemand gesagt, dass er einmal als Taxifahrer enden würde, Borisow hätte denjenigen für verrückt erklärt. Er spricht fließend Englisch und Französisch, arbeitete als Lehrer für Sprachenschulen; dazu kamen Aufträge von russischen Unternehmen, die ihre Mitarbeiter fit machen wollten für den Weltmarkt. Doch mit der Krise brach das Geschäft ein. Erst feuerte ihn seine Schule. Geblieben sind ihm noch drei Privatkunden. Einer davon, Managementassistent einer Baufirma, hat ihm aber bereits angekündigt, dass auch er seinen Job bald verlieren wird.

Taxifahren ist nicht ungefährlich

Wer ein illegales Taxi fährt, ist in Russland auf der sozialen Skala ziemlich weit unten angelangt. Die Leute sagen auch "Dschihad-Taxi", weil die meisten Fahrer aus Tschetschenien stammen. Zwar kann man genug Geld zum überleben verdienen, aber es ist nicht ungefährlich. Vor den beliebten Restaurants und Nachtclubs wird schon mal im Faustkampf ausgetragen, wer wie nah am Eingang stehen darf. Also bewegt man sich auf der Suche nach Kunden am besten in Schleichfahrt durch die Stadt, muss aber immer damit rechnen, im letzten Moment von einem Konkurrenten überholt und ausgebremst zu werden.

Borisows Frau war entschieden dagegen, dass ihr Mann Taxi fährt. Deshalb tat er es die ersten zwei Wochen heimlich. Dann aber stellte er fest, dass die Wochenendnächte am meisten einbringen, weil alkoholisierte Fahrgäste großzügiger sind und man nicht ständig im Stau steht. Als Borisow zwei Tage hintereinander erst im Morgengrauen nach Hause kam, blieb ihm gar nichts anderes übrig als seiner Frau die Wahrheit zu sagen. "Sie sah schließlich ein, dass uns keine Wahl bleibt", erzählt er. "Wir haben einen kleinen Sohn. Unsere Wohnung gehört uns zwar, aber Unkosten fallen trotzdem an". Von den 4500 Rubel Arbeitslosengeld (rund 100 Euro), die ihm der Staat bezahlt, könne eine Familie schließlich nicht leben. Borisow zuckt die Achseln. Er habe sich damit abgefunden, auf absehbare Zeit zum Heer der inzwischen schon sechs Millionen russischen Arbeitslosen zu gehören. "Und Taxifahren ist immer noch besser, als sich betrinken und auf der Straße zu enden."

Zurück zur Weltkarte


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker