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Angriff auf Schriftsteller Fatwa gegen Salman Rushdie: Das steckt hinter dem jahrzehntealten Mordaufruf

Schriftsteller Salman Rushdie
Schriftsteller Salman Rushdie
© Joel Saget / AFP
33 Jahre nach der Fatwa gegen Salman Rushdie ist es zu einem Attentat auf den Schriftsteller gekommen. Der damalige Mordaufruf von Ayatollah Khomeini hatte nicht nur religiöse sondern auch politische Hintergründe.

Nach dem Angriff auf Salman Rushdie wird spekuliert, ob der vor mehr als 30 Jahren von Ayatollah Khomeini veröffentlichte Mordaufruf gegen den Schriftsteller die Tat beeinflusst haben könnte. Zunächst herrschte aber noch völlige Unklarheit über das Motiv des 24-jährigen Täters, der den Schriftsteller bei einer Veranstaltung am Freitag im Bundesstaat New York durch mehrere Stiche schwer verletzte. 

Bei dem von Khomeini am 14. Februar 1989 veröffentlichten Aufruf gegen Rushdie handelt es sich um eine Fatwa, also ein islamisches Rechtsgutachten. Das damalige geistliche Oberhaupt des Iran rief darin alle Muslime zur Tötung des britisch-indischen Autors auf, weil dieser mit seinem Roman "Die Satanischen Verse" den Islam, den Koran und den Propheten Mohammed beleidigt habe. Zugleich setzte der Iran ein Kopfgeld auf Rushdie aus.

In dem teilweise vom Leben Mohammeds inspirierten Roman hatte sich Rushdie auf eine islamische Überlieferung bezogen, wonach der Prophet in einem Moment nicht zwischen der Offenbarung Gottes und der Einflüsterung des Teufels unterscheiden konnte. Schon kurz nach der Veröffentlichung im September 1988 stieß das Buch bei Muslimen auf wütende Kritik, da mehrere Stellen als beleidigend für den Islam verstanden wurden. 

In den Monaten danach wurde das Buch in zahlreichen Staaten aus dem Verkauf genommen. Nach der Veröffentlichung des Buches im Iran erschienen dort umgehend kritische Rezensionen, ein Gelehrter schickte Khomeini eine ausführliche Kritik des Buchs. Der Ayatollah tat diese Kritik zunächst jedoch mit den Worten ab, es werde immer wieder Unsinn veröffentlicht - umso überraschender kam dann seine Fatwa.

Historiker sehen politisches Kalkül

Im Westen sorgte der Mordaufruf für einen Sturm der Entrüstung, London brach seine Beziehungen zu Teheran ab. Wenige Tage nach der Fatwa entschuldigte sich Rushdie bei den Muslimen, doch wies Khomeini die Entschuldigung zurück. Der Schriftsteller musste unter Polizeischutz gestellt werden und war gezwungen, die folgenden Jahre im Verborgenen zu leben und ständig die Wohnung zu wechseln.

Im Westen wurde die Fatwa zumeist als Ausdruck des religiösen Fanatismus gewertet, doch aus Sicht vieler Historiker steckte dahinter politisches Kalkül. Nicht nur konnte Khomeini sich damit als Anführer aller Muslime präsentieren. Durch die Krise mit dem Westen, die sein Mordaufruf auslöste, konnte er auch von internen Machtkämpfen ablenken. 

Im Juli 1988 hatte Khomeini nach acht verlustreichen Kriegsjahren einen Waffenstillstand mit dem Irak akzeptieren müssen. Viele Iraner hatten das Gefühl, dass all die Entbehrungen umsonst gewesen waren. In den Wochen vor der Fatwa war Khomeinis Stellvertreter Ayatollah Hossein-Ali Montaseri, dessen Verhältnis zu Khomeini schon lange gespannt war, mit scharfer Kritik am politischen System an die Öffentlichkeit gegangen.

Im Schatten des Aufruhrs um die Fatwa setzte Khomeini Montazeri im März 1989 als seinen designierten Nachfolger ab. Als Khomeini wenige Wochen danach mit 86 Jahren starb, wurde der damalige Präsident Ali Chamenei sein Nachfolger als geistliches Oberhaupt - ein Amt, das er bis heute innehat.

Obwohl eine Fatwa traditionell mit dem Tod ihres Verfassers die Geltung verliert, hielt die iranische Führung an Khomeinis Gutachten gegen Rushdie fest. Von anderen muslimischen Staaten wurde der Mordaufruf jedoch verurteilt. Viele Gelehrte wiesen Khomeinis Argumentation als unvereinbar mit der islamischen Rechtstradition zurück. 

1998 erklärte die Regierung des Iran zwar, Rushdies Ermordung nicht zu unterstützen. Allerdings ist bis heute ein Kopfgeld auf den Schriftsteller ausgesetzt. Auch hob Teheran den Mordaufruf gegen den Autor nie auf. 

bak AFP

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