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Sarah Palin bei Oprah Winfrey: Zu Gast bei Freunden

Während des US-Wahlkampfes wurde sie von Talk-Ikone Oprah Winfrey ignoriert. Jetzt aber hat Sarah Palin ihre Autobiografie "Going Rogue" geschrieben, war bei der TV-Queen zu Gast - und wurde überraschend freundlich behandelt.

Von Nicole Krättli, New York

Wüsste man es nicht besser, hätte man bei der anfänglichen Umarmung von Talk-Queen Oprah Winfrey und der Ex-Kandidatin für die amerikanische Vize-Präsidentschaft, Sarah Palin, fast vermuten können, zwei alte Freundinnen hätten sich wieder getroffen. Doch selbstverständlich wusste das Publikum es besser, weswegen Winfrey gleich zu Beginn des großangekündigten TV-Interviews sämtliche Vorurteile aus der Welt schaffen wollte und sich rechtfertigte, weshalb sie Palin nicht bereits während des Wahlkampfs zu sich eingeladen hatte.

Palin, sichtlich unbeeindruckt von den Erklärungsversuchen, mimte die Unwissende und behauptete, sie hätte von der ganzen Diskussion überhaupt nichts mitbekommen, denn schließlich sei "Oprah nicht das Zentrum ihrer Welt". Doch nun ist sie da. "Weltexklusiv. Ich bin sehr glücklich, dass sie in diesem Sessel sitzt", jubelte Winfrey, einer der wohl bekanntesten Unterstützerinnen Barack Obamas, großspurig.

Sarah Palin, die Super-Woman von Nebenan, wagte sich erstmals seit der Wahlniederlage im vergangenen Jahr wieder ins Scheinwerferlicht. Grund dafür ist ihre Autobiografie "Going Rogue: An American Life", die jetzt in den USA erscheint und mit 1,5 Millionen vorbestellten Exemplaren bereits Bestseller-Status erlangt hat. Auf 432 Seiten rechnet Sarah Palin mit dem eigenen Wahlkampfteam, dem US-Präsidenten Barack Obama, mit den Demokraten, mit der CBS-Journalistin Katie Couric, mit der TV-Sendung "Saturday Night Live" und mit den Medien im Allgemeinen ab. Ein Buch gespickt mit Schuldzuweisungen und Rechtfertigungsversuchen. Ihr Grundtenor: Es wäre alles anders gekommen, wenn ... Wer nach einem Funken Selbstkritik oder Einsicht sucht, ist hier falsch.

Selbstsicher, gelassen und vor allem souverän

Während ihres gestrigen Auftritts wirkte Palin gelassen, selbstsicher und vor allem souveräner als in den Interviews während des Wahlkampfs. Winfrey machte es ihr über weite Strecken des einstündigen Interviews allerdings auch sehr einfach. Ganz nach Palins Gusto hakte die Talk-Masterin artig ein Kapitel nach dem anderen ab und ließ die Erzkonservative ohne kritisches Nachfragen ihre zurechtgestutzten Antworten und Erklärungen aus ihrem Buch rezitieren. Diese Plattform nutzte die Ex-Schönheitskönigin und Ex-Gouverneurin geschickt aus, um ihren Unmut über die Vorgehensweise von John McCains Strategen Luft zu machen. "Sahen wir denn wirklich so schlecht aus?", fragte sich Palin nach dem sich ihre Familie einer optischen Generalüberholung unterziehen musste. Sie sei vom ersten Augenblick an bevormundet worden, habe sich an eine vorgeschriebene Diät halten und eine vorgegebene Wahlkampfgarderobe tragen müssen, klagte sie weiter. "Während der Zeit als John McCains Wählerzahlen immer mehr sanken, die von Präsident Obama aber weiter anstiegen, glaubte ich nicht, dass es der richtige Zeitpunkt war, sich über meine Essgewohnheiten zu sorgen", fügte sie bitter hinzu.

Angesprochen auf das verheerende Interview mit Katie Couric, der Anchorwoman von CBS, lachte Palin verlegen und fragte, ob sie wirklich darüber reden müsse. Sie musste und schien darüber gar nicht so unglücklich zu sein: "Ihre Agenda gab vor, mich nicht im besten Licht erscheinen zu lassen." Joe Biden wurde ebenfalls interviewt, bei ihm seien jedoch nur die guten Ausschnitte verwendet worden, während bei ihr gezielt nach fragwürdigen Zitaten gesucht wurde. Dies sei der Grund dafür gewesen, weshalb sie am Ende nur noch genervt die Augen gerollt und sich gedacht habe: "Da ist sie schon wieder, die Aufgekratzte."

Milde Worte für den Vater ihres Enkelkindes

Für ihren Beinahe-Schwiegersohn Levi Johnston, dem Vater ihres Enkelkindes, hat Palin vergleichsweise milde Worte übrig: "Er ist ein Teenager. Ich glaube nicht, dass ihm bewusst ist, was er gerade tut. Doch eine TV-Show ist nicht der richtige Ost, um über das Vorgefallene zu sprechen. Ich kann nur sagen, dass ich das Beste hoffe und für Levi bete." Für alle anderen "Sündenböcke" scheint eine TV-Show und ein Buch allerdings genau der richtige Ort für ihre Art der Aussprache zu sein.

Quintessenz des Interviews zu bester Sendezeit: "Ich glaube nicht, dass ich für die Niederlage verantwortlich bin", sagt Palin. Schließlich will es Winfrey doch noch wissen. Zieht Palin eine Präsidentschaftskandidatur für 2012 in Betracht? "Ich habe derzeit so viel zu tun, dass ich noch nicht an das Jahr 2012 denken kann. Eine Präsidentschaftskandidatur ist derzeit nicht auf meinem Radar. Es braucht ohnehin keinen Titel, um etwas bewirken zu können."