HOME

Sarah Palin: McCains weibliche Wunderwaffe

Mit Sarah Palin als Vizepräsidentschaftskandidatin überraschte McCain selbst Insider - und befriedigt damit die religiöse Rechte.

Von Matthias B. Krause, New York

Die 44-jährige Palin hatten die wenigsten Beobachter auf der Rechnung. Bis zuletzt galt Wirtschaftsexperte Mitt Romney, einst Gouverneur in Massachussetts, als einer der Favoriten. Auch Joseph Lieberman, einst Vizekandidat von Demokrat Al Gore, war im Gespräch.

Mit Palin geht McCain ein Risiko ein, das hohe politische Gewinne verspricht. Zum einen befriedigt er damit die Wünsche der religiösen Rechten. Die hatte bislang Zweifel an McCains Position zur Abtreibung. Palins politisches Resüme und ihre Lebensgeschichte räumen nun alle Zweifel aus. Sie ist aktives Mitglied der Gruppe "Feminists For Life", die sich für ein Verbot jeglicher Abtreibungen einsetzt. Die Mutter von fünf Kindern entschied sich, ihren Sohn Trig Paxson im April dieses Jahres zur Welt zu bringen, obwohl Tests darauf hinwiesen, dass er am Downsyndrom leidet. Der Verdachte bestätigte sich. "Wenn ich ihn jetzt ansehe, dann sehe ich Perfektion", sagt Palin über ihre Entscheidung. "Ja, er hat ein Chromosom mehr. Aber ich muss immer daran denken, was bedeutet in unserer Welt normal und was ist perfekt?" Drei Tage nach der Geburt nahm sie die Amtsgeschäfte wieder auf.

Obwohl Palin als Außenseiterin und mit wenig Geld antrat, stach sie vor zwei Jahren Amtsinhaber Frank Murkowski bei den Vorwahlen um das Gouverneursrennen aus und gewann knapp die Wahl. Seitdem hat sie kräftig aufgeräumt. Nicht nur in der Landesverwaltung, auch in ihrer eigenen Partei. Eine ganze Reihe von Republikanern in Alaska müssen sich derzeit wegen Korruptionsverdachts vor Gericht verantworten. Das muss McCain gefallen haben, der selbst den Ruf genießt, eigenwillige Entscheidungen zu treffen und sich nichts von seiner Partei vorschreiben zu lassen. Zudem kann er mit Verweis auf Palin Obamas Vorwurf kontern, er sein nur daran interessiert, so weiter zu machen wie Amtsinhaber George W. Bush.

Schließlich buhlt McCain mit seiner Entscheidung offen um eine Gruppe, die Obama bislang nur teilweise für sich gewinnen konnte: Die enttäuschten Anhänger von Hillary Clinton, die das Rennen um die Kandidatur der US-Demokraten denkbar knapp verloren hatte. Karl Rove, Bushs einstiger Politstratege, der auch für McCain Strippen hinter den Kulissen zieht, sagte dem US-Sender FoxNews: "Das ist ein starkes Signal der McCain-Wahlkämpfer, dass sie sich um die Frauen bemühen, die unentschlossen sind: Die traditionellen Wechselwähler in den Vororten und die enttäuschten Clinton-Anhänger." McCains Entscheidung spricht trotzdem für sein Selbstbewusstsein. Einige in seiner Partei seien "geschockt", heißt es. Palin wirkt nicht wie eine Präsidentin im Wartestand für den Fall, dass der 72-Jährige gesundheitlich nicht in der Lage sein sollte, die Geschäfte zu führen. Sie wirkt eher wie eine Praktikantin für den Job.

Palin ist jünger als Obama und hat noch weniger Regierungserfahrung.

An ihrer Zähigkeit und ihrem Durchsetzungsvermögen sollte allerdings niemand zweifeln. In ihrer Highschool war sie als "Sarah Barracuda" berüchtigt, ob ihres aggressiven Stils beim Basketball. In einem Finale hielt sie einst auch ein Ermüdungsbruch im Knöchel nicht davon ab, die spielentscheidenden Freiwürfe zu versenken.

Sie gewann Schönheitswettbewerbe und mit ihrem Vater Charles, einem Mathe- und Sportlehrer, zog sie früher manchmal noch vor der Schule los, um Elche zu jagen. Sie ging ihrem Mann Todd auf seinem Fischerboot zur Hand, ehe sie in die Politik wechselte. 1992 wurde sie Bürgermeisterin von Wasilla, einer 8000-Einwohnerstadt im Südwesten Alaskas. Schon damals erwarb sie sich einen Ruf als Wirtschaftsreformerin, die Steuern kürzt und die Verschwendung öffentlicher Gelder eindämmt. Wenn der Parteitag der Republikaner sie bestätigt, wird sie die erste weibliche Kandidatin für den Posten des Vizepräsidenten in der Geschichte der Partei.