Schicksale Für ein paar Dollar mehr


Sie brauchten Geld, eine Ausbildung, eine Zukunft. Also gingen sie zur Army. Jetzt ist Jessica Lynch vermisst, Shoshana Johnson gefangen - und ihre Zukunft ungewisser denn je

Hier also, am Ende einer schmalen Landstraße am Rand von Palestine im gottverlassenen Norden von West Virginia, ist Jessica Lynch aufgewachsen. Ihr Vater steht vor dem ärmlichen Holzhaus. Gregory Lynch begrüßt Nachbarn und Freunde, die einen Fruchtkorb bringen oder Blumen oder mit einem Händedruck ihr Mitgefühl bekunden. "Wenn ihr nur alle betet für Jessi", sagt er jedem.

Die 19-jährige Gefreite Jessica Lynch

gehört zu der 507. Wartungseinheit, die sich am vierten Tag des Irak-Kriegs in Nasiriya verfuhr und in einen Hinterhalt geriet. Nach einer wilden Schießerei waren zwei US-Soldaten tot und fünf von den Irakern gefangen genommen. Jessica und sieben weitere Soldaten gelten als vermisst.

"Sicher versteckt Jessica sich und wartet, bis Hilfe kommt", sagt Gregory Lynch. Er deutet auf den knorrigen, spätwinterlichen Wald vor seinem Haus, als läge dort gleich der Irak: "Unsere Jessi weiß, wie man da draußen überlebt. Sie hat immer im Freien gespielt. Sie wartet jetzt, bis ihre Kameraden sie raushauen."

Ein Foto von Jessica liegt auf dem Wohnzimmertisch

der Lynchs. Darauf ist ein 17-jähriges Mädchen mit dicken Brillengläsern zu sehen. Unter ihrem purpurnen Samtkleid trägt Jessica Armeestiefel. "Das war auf dem Abschlussball ihrer High School", sagt ihr Vater. "Die Stiefel waren als Witz gedacht."

Doch einen Monat nach dem Ball trat das zierliche Mädchen seinen Miliärdienst an. "Was blieb ihr denn übrig, als zur Armee zu gehen? Hier gibt es für eine junge Frau sonst nur Arbeit bei McDonalds, vier Dollar die Stunde", sagt Lynch, "die Armee zahlt zehn die Stunde und eine Krankenversicherung dazu." "Big bucks" nennt der 42-Jährige das, denn als Lastwagenfahrer verdient er selbst kaum mehr.

Als am Sonntagabend zwei Männer in Uniform

an die Türe des winzigen Hauses klopften, blieb Gregory Lynch das Herz stehen. "Wir rechneten mit dem Schlimmsten. Dass Jessica nur vermisst wird, war erleichternd." In der folgenden Nacht hatte Jessicas Mutter Deadra einen Traum. Darin rannte ihre Tochter kurz vor der Attacke von ihrer Einheit davon, um einem irakischen Kind zu helfen.

Deadra Lynch blättert in diesen Tagen oft in Jessicas Tagebuch. "Ich werde etwas von der Welt sehen", notierte sie darin, kurz bevor sie ihre Grundausbildung antrat. Wie viele arme Amerikaner sah Jessica den Dienst in der Army als Chance für eine Zukunft. Eine Zukunft jenseits des Militärs. "Meine Liebe zu Kindern ist erwacht", schrieb Jessica ein paar Seiten früher in dem Ringbuch, als ihre Cousine eine Tochter bekam. "Jetzt weiß ich sicher: Ich will Lehrerin werden." Sie wusste, dass sie sich für sechs Jahre verpflichten musste. "Danach übernimmt das Militär die College-Ausbildung", erklärt Gregory Lynch. Jessicas ein Jahr älterer Bruder, Gregory junior, ist ebenfalls Gefreiter. Zurzeit befindet er sich auf Sonderurlaub zu Hause. Sein Marschbefehl in den Irak kann jederzeit kommen. Brandi, mit 17 das jüngste Kind der Lynchs, weicht der Mutter nicht von der Seite. Die zwei umarmen sich oft. Vater Gregory klammert sich ans schnurlose Telefon. Nachts nimmt er es mit ins Bett.

"Das Warten ist das Schlimmste"

, sagt er, "und die Stille." Bis ein Reporter im Fernsehen während einer Pressekonferenz die Frage stellte, ob der Präsident glaube, dass die Iraker von der Praxis abrücken, ihre weiblichen Gefangenen zu vergewaltigen, haben die Lynchs die TV-Nachrichten verfolgt. Seitdem bleibt das Gerät ausgeschaltet.

Ein Anruf bringt Neuigkeiten. Marine-Soldaten haben in Nasiriya zwei US-Uniformen von Frauen in einem Zimmer nahe der Stelle gefunden, wo der Angriff erfolgte. Die Namensschilder und Rangabzeichen sind abgetrennt. Ratlos sieht Deadra Lynch ihren Mann an. Gregory verheimlicht seiner Frau, dass in dem Zimmer auch eine dreckige Matratze und eine Autobatterie mit Elektrokabeln lagen.

Am fünften Tag des Wartens

verlassen die Lynchs zum ersten Mal das Haus für einen kurzen Spaziergang. Unterwegs begegnet ihnen eine junge Frau aus Palestine. Sie wandert die Landstraße entlang und bindet gelbe Schleifen um Zaunpfähle, auf denen Jessicas Name steht - ein amerikanischer Brauch, der die Hoffnung auf ein Wiedersehen zeigen soll. "Ihr müsst ein großes Fest geben, wenn Jessi zurückkommt", sagt sie. "Darauf kannst du wetten", antwortet Gregory Lynch, "wir planen schon."

Im Haus erledigt Brandi ihre Schularbeiten. In einem Monat beginnen ihre High-School-Abschlussprüfungen. Im Sommer darauf wird Brandi ebenfalls die Uniform anziehen. Eine Woche bevor Jessica in der irakischen Wüste verschwand, hat sie den Vertrag unterschrieben. Sie ist noch nicht volljährig, deshalb hat ihr Vater für sie mitunterzeichnet. Wie Jessica und ihre Schwester Brandi erhoffte sich auch Shoshana Johnson vom Militär eine Zukunft. Ob Jessica und Shoshana sich kannten, weiß keiner. Die 30-jährige Shoshana saß ebenfalls in einem Jeep der 507. Wartungseinheit, die sich in Nasiriya verfahren hat. "Nie hätten wir gedacht, dass sie einmal in die Nähe einer Schlacht gerät", sagt ihr Vater Claude Johnson.

Shoshana ist die Köchin der Einheit.

"Deswegen ist sie zum Militär gegangen. Sie wollte Kochen lernen. Wo kriegt man sonst eine Ausbildung umsonst?", sagt ihr Vater.

Shoshana, seit mehr als vier Jahren beim Militär, ist die erste weibliche Kriegsgefangene in diesem Krieg. "Wie heißt du? Woher kommst du? Warum bist du hier?", haben unsichtbare Männer in gebrochenem Englisch gefragt, als die Iraker ihr eine Fernsehkamera ins verängstigte Gesicht hielten. "Ich heiße Shana und bin aus Texas. Ich bin hier, weil man mich geschickt hat", antwortete sie mit dünner Stimme. Ihr Bein ist verletzt, der Verband blutdurchtränkt.

Claude Johnson steht wuchtig in der Türe seines Hauses. Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags. Rasch treibt er Shoshanas zweieinhalbjährige Tochter Janelle, die im Vorgarten spielt, ins gepflegte Haus in El Pasos Vorstadt, wo der Mittelstand des hiesigen Militärs lebt. Eine schachbrettartige Siedlung, die mitsamt der grellgrünen Gärten der texanischen Wüste abgetrotzt wurde. Dann kniet die Familie zum Gebet um den Wohnzimmertisch, wie jeden Mittag seit dem ersten Kriegssonntag, und bittet Gott um Gnade für Shoshana.

Claude Johnson war früh auf

an dem denkwürdigen Sonntag. Er suchte für Janelle einen Fernsehkanal mit Zeichentrickfilmen, als er bei einem mexikanischen Programm hängen blieb. "Die sprachen davon, dass das irakische Fernsehen Bilder von einer farbigen 30-jährigen Kriegsgefangenen namens Shana gezeigt hatte", sagt er. Sofort schaltete Johnson weiter, damit seine kleine Enkelin nichts merkte.

Später fuhren Johnson und seine Frau Eunice, 52, in die riesige Kaserne von El Paso, wo die 507. Wartungseinheit ihr Hauptquartier hat. Dort wurden sie von Offizieren gemeinsam mit anderen Angehörigen in ein Nebenzimmer geführt. "Sie zeigten uns das irakische Video. Shoshana sah so verängstigt aus", sagt Eunice Johnson.

Claude Johnson war 20 Jahre lang beim Militär.

Die Familie emigrierte vor fast 30 Jahren aus Panama in die USA. Shoshana wurde noch in Panama geboren, ihre zwei Schwestern in den USA. "Das amerikanische Militär ist das beste der Welt. Es hat mir riesige Chancen gegeben", sagt Johnson. Alle drei Töchter von Claude und Eunice Johnson sind beim Militär. "Darauf bin ich stolz", sagt er.

Der 54-Jährige ist aber auch wütend. Auf die Türken, die die Nordfront vermasselt haben, auf die Deutschen, die Saddam-freundlich sind, auf den Fahrer, der mit seiner Tochter falsch abgebogen ist. Er ist zornig auf den Vater von Janelle, die Shoshana allein großzieht. Nur auf die Armee ist er nicht wütend.

"Mein Mann war ja im Golfkrieg 1991. Er war da in einer Truppe zur Abwehr von chemischen und biologischen Kampfstoffen. Er hat unserer Tochter Glück gewünscht, aber richtig besorgt waren wir nicht. Niemand dachte, dass sie wirklich in den Krieg muss", sagt Eunice Johnson.

Eunice macht Pläne für Shoshanas Heimkehr.

Sie spricht von einem eigenen Restaurant für die junge Frau. Auch dafür betet sie. "Das war immer ihr größter Wunsch", sagt sie. "So wollte sie ihr Abschiedsgeld vom Militär investieren." 20 000 Dollar nach sechs Jahren.

Nach dem Mittagsgebet werden bei den Johnsons wieder die Nachrichten angeschaltet. Die Familie ist nervös, weil das Rote Kreuz und der Rote Halbmond noch immer nicht zu den Gefangenen dürfen. "CNN ist schneller als unsere Kontaktperson in der Armee", sagt Claude Johnson. Im Fernsehen laufen die sonntäglichen Talkshows aus Washington. Politiker und Militärs sind sich einig, dass der Krieg lange dauern wird. Die kleine Janelle sucht nach der Fernbedienung, wegen der Zeichentrickfilme. Sie schaltet um zu Bugs Bunny.

Eines macht auch Eunice Johnson wütend: Wenn Shoshana ihr Abschiedsgeld bekommen will, wird sie nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft wohl rasch wieder an die Front ziehen müssen. Falls sie überhaupt zurückkehrt.

Michael Saur print

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