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ÖVP-Chef: "Messias" und "Macron der Alpen": Der kometenhafte Aufstieg des Sebastian Kurz geht weiter

Für seine Fans ist er der "Macron der Alpen", für seine Kritiker der "Orban im Werden": Doch egal, was man von Sebastian Kurz hält, nach dem Sieg seiner ÖVP bei der Parlamentswahl geht sein Aufstieg weiter. 

"Wunderwuzzi", Basti Fantasti", "Messias" und "Macron der Alpen", aber auch "Orban im Werden": Das sind nur einige der polarisierenden Bezeichnungen für Sebastian Kurz, der sich nun auch noch "Wahl-Triumphator" nennen kann. Bei der vorgezogenen Parlamentswahl am Sonntag stimmte Hochrechnungen zufolge mehr als ein Drittel der Wähler für den 33-Jährigen und seine konservative ÖVP. Damit geht der kometenhafte Aufstieg des Sebastian Kurz weiter; er wird aller Voraussicht nach wieder Regierungschef des Landes.

Bisher verlief die Karriere des Jungstars wie im Zeitraffer: Mit 24 Jahren wird der konservative Politiker Staatssekretär, gibt sein Jurastudium auf, um sich ganz der Politik zu widmen. Mit 27 Jahren ist er bereits Außenminister. Als 30-Jähriger übernimmt er den Vorsitz der ÖVP. Mit gerade einmal 31 Jahren wird er dann Europas jüngster und der weltweit jüngste gewählte Regierungschef.

Nicht eingepreist war im Karriereplan sicherlich das frühe Aus seiner Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ. Die Regierung platzte im Mai wegen des "Ibiza-Skandals" rund um den damaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Kurz schaffte es, aus der Affäre weitgehend ohne Kratzer herauszukommen. Und während die FPÖ von den Wählern abgestraft wurde, konnte die ÖVP ihr Wahlergebnis von 2017 sogar noch übertreffen.     

Hype um Jung-Star 

Geboren am 27. August 1986 als Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs in Wien, schließt er sich schon als Schüler der Jungen ÖVP an und wird 2009 ihr Bundesvorsitzender. Es folgt die Ernennung zum Staatssekretär für Integration im Innenministerium im April 2011.     

Mit 27 Jahren übernimmt Kurz im März 2014 ohne jede außenpolitische Erfahrung das Außenministerium. In der Flüchtlingskrise gibt er sich als Hardliner: Er kritisiert die deutsche Willkommenskultur, setzt in Österreich eine Obergrenze für Flüchtlinge und schließlich die Schließung der Balkanroute durch.

2017 übernimmt er die Führung der konservativen ÖVP und führt als Parteichef den Bruch der großen Koalition mit der SPÖ herbei. Er ändert die schwarze Farbe der Partei in türkis und verwandelt sie kurzerhand in die "Liste Kurz", eine Bewegung, die sich allein um seine Person dreht. Der Hype um den Jungstar mit den glattgegelten Haaren als Markenzeichen ist riesig und verhilft ihm zum Top-Posten in der Alpenrepublik. Manche Kritiker werfen ihm eine "One-Man-Show" vor und bezeichnen ihn gar als "Mini-Diktator". Sein Vorgänger als ÖVP-Parteichef wirft ihm vor, Österreich in eine "autoritäre Demokratie" zu führen und Flüchtlinge zu Sündenböcken zu machen.     

Der "stille Kanzler"

Während einige seiner Bewunderer Parallelen zum ähnlich jugendlichen französischen Präsidenten Emmanuel Macron ziehen, sehen ihn seine Kritiker eher auf den Spuren des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Kurz' Ablehnung des UN-Migrationspakts, Sozialabbau für Asylbewerber und eine Reihe anderer Anti-Migrationsmaßnahmen haben ihn zu einer ähnlich umstrittenen Figur wie die des Ungarn gemacht.    

In einem Interview mit dem Fernsehsender RTL machte Kurz am Freitag erneut seinen Standpunkt in der Flüchtlingspolitik deutlich: "Wir haben mehr als genug geleistet. (...) Ich habe keine Lust und sehe auch keine Notwendigkeit, noch zusätzlich Menschen in Österreich aufzunehmen." Gleichzeitig gibt sich der Jungstar als pro-europäisch - anders als sein früherer und jetzt abgestrafter Koalitionspartner, die FPÖ. Während der 18-monatigen gemeinsamen Regierungszeit sorgte die rassistische und antisemitische Haltung einiger FPÖ-Mitglieder für beschämte Reaktionen im Ausland. Kurz' seltene Interventionen zu diesem Thema brachten ihm den Beinamen "stiller Kanzler" ein.  

Bei den Wählern hat ihm das aber offenbar nicht geschadet: Nach dem Urnengang am Sonntag hält Kurz nun alle Fäden in der Hand. Der 33-Jährige kann sich den Hochrechnungen zufolge aussuchen, ob er die FPÖ, die Grünen oder die SPÖ als kleinen Partner zu sich in die Regierung holt.

ivi/ Blaise Gauquelin / AFP