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Wolodymyr Selenskyj vs. Vitali Klitschko Brüchiger Burgfrieden in Kiew: Der Präsident geht auf den Bürgermeister los

Wolodymyr Selenskyj Vitali Klitschko
Ein Graffito aus anderen Zeiten: Ein junger Wolodymyr Selenskyj (r.) und ein junger Vitali Klitschko einträchtig nebeneinander auf einer Wand in Podgorica, Montenegro.
© Risto Bozovic/AP / DPA
Gegen Russland steht die Ukraine seit Monaten vereint. Doch in der Hauptstadt Kiew flammt ein alter Machtkampf zwischen den beiden bekanntesten Politikern auf: Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bürgermeister Vitali Klitschko.

In der Ukraine liegen in Monat neun der russischen Invasion zunehmend und wenig überraschend die Nerven blank. Weil sich das Land auf dem Schlachtfeld erstaunlich gut gegen die Aggressoren aus dem Osten schlägt, bombardiert die Kreml-Armee systematisch die Infrastruktur des Landes. Kiew etwa lag Mitte vergangener Woche völlig im Dunkeln, mittlerweile haben 95 Prozent der Gebäude wieder Wärme und drei Viertel wieder Strom. Doch trotz der Umstände gab es Kritik aus dem Präsidentenpalast am vier Kilometer entfernten Rathaus.

"Die Kiewer brauchen mehr Schutz"

Vitali Klitschko, Bürgermeister der Hauptstadt, habe nicht für ausreichend Wärmestellen gesorgt, sagte Wolodymyr Selenskyj ohne allerdings konkret Klitschko beim Namen zu nennen. In manchen Orten, "insbesondere in Kiew", habe es Klagen gegeben. "Dort muss, gelinde gesagt, noch daran gearbeitet werden. Bitte achten Sie darauf. Die Kiewer brauchen mehr Schutz." Viele Einwohner der Hauptstadt seien 20 bis 30 Stunden ohne Strom gewesen. "Ich erwarte vom Rathaus qualitätsvolle Arbeit", so der ukrainische Präsident weiter.

Doch warum diese Schärfe untereinander?

Wolodymyr Selenskyj, 44, Ex-Komiker, der zum Kriegspräsidenten wurde, und Vitali Klitschko, 51, Ex-Boxer, der zum Kriegsbürgermeister wurde, sind schon länger "Erzfeinde", wie die "Bild"-Zeitung das Verhältnis umschreibt. Spätestens 2019 gerieten sich die beiden ernsthaft in die Haare, als das Staatsoberhaupt versuchte, die Verwaltung Kiews in sein Präsidialamt zu übernehmen und Stadtoberhaupt Klitschko zu entlassen. Doch gegen die Beliebtheit des Box-Weltmeisters hatte Selenskyj keine Chance, er verlor den Machtkampf.

Ende November 2020 wurde Klitschko im Bürgermeister Amt wiedergewählt. Seine Partei UDAR ist die zweistärkste im Stadtrat. Der Kandidat von Selenskyjs Partei "Diener des Volkes" erreichte nur sieben Prozent. Auch in anderen Städten des Landes konnte sie keine erwähnenswerten Gewinne erzielen. Klitschko, in landesweiten Beliebtheitsumfragen in den Top Drei, gilt als möglicher Rivale Selenskyjs bei den nächsten Präsidentschaftswahlen. Die sind, wenn der Krieg nicht dazwischenkommt, erst für übernächstes Jahr angesetzt. Doch der Burgfriede scheint sich bereits jetzt schon aufzulösen.

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Klitschko: sinnlose Streitereien

Vitali Klitschko, der sich als Profisportler Dr. Eisenfaust nannte, reagierte auf die präsidiale Maßregelung gelassen: Es gebe 430 sogenannte Wärme-Zentren für die Kiewer, weitere Hundert seien geplant, falls sich die Lage weiter zuspitzen sollte, so der Bürgermeister. "Ich will nicht in politische Streitereien verwickelt werden. Das ist sinnlos. Ich habe Dinge in der Stadt zu erledigen." Und über den Umweg "Bild am Sonntag" appellierte er an sein Land (und den Westen): "Der Schlüssel des Erfolgs ist der Zusammenhalt, sowohl national als auch international."

Quellen: DPA, "Bild", SWP

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