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"Fire and Fury"-Enthüllungen Vom Strippenzieher zur Witzfigur - der Aufstieg und Fall des Steve Bannon


Steve Bannon hat sich von einem Strippenzieher zur Witzfigur entwickelt. Schuld ist der ehemalige Chefstratege von US-Präsident Donald Trump selbst, weil er leichtsinnig alle roten Linien überschritten hat.

Die Metamorphose von Steve Bannon lässt sich eigentlich in einem Satz zusammenfassen: Steve Bannon hat sich übernommen. Innerhalb von einem Jahr hat sich die einst (buchstäblich) rechte Hand von Donald Trump gewissermaßen zur Witzfigur entwickelt. 

Als jüngstes Zeugnis dieses unliebsamen Zustandes lieferte der ehemalige Chefberater Steve Bannon die wohl saftigsten Zitate im Enthüllungsbuch "Fire and Fury: Inside the Trump White House" des US-Journalisten Michael Wolff: Schlagwörter wie "Landesverrat", "schlimmer Mist" und spektakuläre Spitzen gegen Trumps Berater Trump Jr. und Jared Kushner in der Russland-Affäre schlagen nicht nur in Washington hohe Wellen. Bannon hat nach ersten Frontalangriffen auf seiner Website "Breitbart" oder in "Vanity Fair" nun zur direkten Breitseite gegen Donald Trump ausgeholt. Es ist sein "letzter Versuch, den Sturz in die Bedeutungslosigkeit aufzuhalten.", urteilt etwa die "Zeit".

Der schleichende Fall von Steve Bannon

Bannon galt als Puppenspieler im Präsidentschaftswahlkampf von Donald Trump, der die Stimmung im Land erkannt und mithilfe seines Propaganda-Sprachrohrs "Breitbart" die Rechtsausleger der Alt-Right-Bewegung im richtigen Moment mobilisiert habe. Sechs Monate lang war Bannon Chefstratege im Weißen Haus, seine Agenda - der Kampf gegen das Establishment - konnte er allerdings nicht durchsetzen.

Im Gegenteil: Besonders im Rückblick erscheint der vermeintliche Aufstieg Bannons in Wirklichkeit wie ein schleichender, tiefer Fall gewesen zu sein. Die Idee eines Einreisestopps für muslimische Menschen entwickelte sich zu einem politischen Debakel, nach wenigen Wochen wurde er aus dem Nationalen Sicherheitsrat entfernt, bevor er im August 2017 endgültig aus dem Weißen Haus ausschied. Nach den tödlichen Krawallen in Charlottesville hatte er, heißt es, den Präsidenten ein Mal mehr in Schwierigkeiten gebracht – indem er Trump dazu geraten haben soll, die rechtsextreme Gewalt in der Stadt zu relativieren. Schließlich war es Bannon, der die rechte Basis mit aufgebaut hatte – und offenbar nicht gänzlich aufs Spiel setzen wollte. Dafür zahlte er augenscheinlich einen hohen Preis. 

Der "Königsmacher" entthront sich

Doch Bannon hielt an seinem Machtanspruch fest - sein Beharren auf Trumps Wahlsieg soll dem Präsidenten schon länger ein Dorn im Auge gewesen sein - auch nach seinem Rausschmiss fest. Bannon kehrte zu der rechtspopulistischen Website "Breitbart" zurück, die er mit aufgebaut hat, und beschrieb seine Rückkehr angeblich so: "Ich habe meine Hände zurück an den Waffen. Ich verlasse das Weiße Haus und ziehe für Trump gegen seine Widersacher in den Krieg." Nun verfolgte der vermeintliche Puppenspieler das hochgesteckte Ziel, das Establishment in der republikanischen Partei auszuradieren.

Der "Königsmacher", wie er nach Trumps überraschendem Wahlsieg genannt wurde, wollte eigene Kandidaten aufstellen und unterstützen. Doch sie fielen spektakulär durch. Wie etwa im vergangenen Dezember, als Hardliner Roy Moore - der gegen Homosexuelle hetzt und mit Waffe in der Hand Wahlkampf macht - durch Vorwürfe sexueller Belästigung in Bedrängnis geraten ist und die Senatswahl in Alabama verlor. Zum ersten Mal in 25 Jahren ging ein Demokrat in dem konservativen Bundesstaat als Sieger vom Platz – trotz Bannons und sogar Trumps öffentlichem Support. "Der vermeintliche Königsmacher Bannon war spätestens da entzaubert", schreibt die "Zeit", "die Parteispitze hatte ihre Furcht vor dem Möchtegern-Revolutionär verloren."

Verhöhnt von den eigenen Gefolgsleuten

Auch einflussreiche Rechte scheinen sich von Bannon abzuwenden, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" feststellt. So habe etwa der politische Kommentator Matt Drudge vom "Drudge Report" Bannon nach seinem Frontalangriff gegen Trump als "schizophren" bezeichnet. Für "Infowars"-Chef Alex Jones wirke Bannon manchmal "paranoid". "Bannon lebt in einem comicartigen Fiebertraum des Kalten Krieges, oder er erfindet Sündenböcke, um sein eigenes Versagen zu überdecken", soll Evan McLaren, Leiter des rechten "National Policy Institute", laut "Vice" gesagt haben. Bedeutende "Alt-Right"-Vertreter könnten den harschen Aussagen Bannons kaum Glauben schenken, schreibt die "FAZ" weiter.

Ein Umstand, der sich auf "Breitbart" schon angekündigt hat. Zwischen März und Mai habe der Schmelztiegel für rechte Nachrichten fatal an Anzeigen eingebüßt, wie die "Süddeutsche Zeitung" bereits im August 2017 berichtet – die Zahl der Firmen, die Werbung auf der Seite schalten, sei von 242 auf 26 gefallen. Wie die "Zeit" berichtet, lag die Zahl der monatlichen Leser im Oktober bei 14,97 Millionen – vor einem Jahr seien es noch 22,96 Millionen gewesen. Nun soll Bannon laut "New York Times" nach den Buchenthüllungen sogar seine wichtigste Geldgeberin, Rebekah Mercer, verloren haben. Angeblich berate der Vorstand nun, wie der US-Sender CNN berichtet, Bannon als "Breitbart"-Vorstandsvorsitzenden seines Amtes zu entheben.     

Der vermeintliche Verteidiger und Verfechter von Donald Trumps Ideologie ist in ihren Augen offenbar zum Verräter geworden. "Steve Bannon hat mit seinen Aussagen die wohl wichtigste Regel von Donald Trump missachtet", analysiert die "Süddeutsche Zeitung". "Er hat öffentlich über dessen Familie gelästert. Die heftige Reaktion des Präsidenten war absehbar, Bannon hat sich selbst entmachtet." 

"Bannon wurde auf dem Rasen vor dem Weißen Haus erschossen"

Und Trump? Auch der US-Präsident wählte drastische Worte für seinen ehemaligen Chefstrategen und versuchte seine Aussagen möglichst belanglos darzustellen. "Er hat seinen Verstand verloren", sagte er etwa. Ein anderer Satz dürfte Bannon aber viel härter getroffen haben: "Steve Bannon hat nichts mit mir und meiner Präsidentschaft zu tun." Oder wie Trumps Berater Ed Rollins laut "Politico" gesagt haben soll: "Bannon wurde auf dem Rasen vor dem Weißen Haus erschossen und dann von einem Panzer überrollt. Der Präsident hat dann den Rückwärtsgang eingelegt und ist nochmals drüber gefahren."

Steve Bannon hat viele rote Linien scheinbar leichtsinnig überschritten, um seine Agenda - koste es, was es wolle - in die Realität umzusetzen. Der Preis könnte seine eigene Karriere sein. Der "Königsmacher" ist ausgerechnet unter seinen Gefolgsleuten zu einer Witzfigur geworden, die nun lieber Donald Trump den Rücken stärken wollen. 

Es scheint, als habe sich Steve Bannon übernommen.

fs

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