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Stichwahl in Afghanistan: Präsidentschaftswahl geht in zweite Runde

Insgesamt acht Kandidaten traten bei der Präsidentschaftswahl in Afghanistan an, zwei liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach dem vorläufigen Endergebnis soll es Anfang Juni eine Stichwahl geben.

Im Rennen um das Präsidentenamt in Afghanistan kommt es zu einer Stichwahl zwischen Ex-Außenminister Abdullah Abdullah und dem früheren Finanzminister Aschraf Ghani. "Nach unseren Ergebnissen scheint es, dass die Wahl in eine zweite Runde geht", sagte der Vorsitzende der Unabhängigen Wahlkommission, Ahmad Jusuf Nuristani. Nach Angaben der Wahlkommission erzielte Abdullah in der ersten Runde am 6. April dem bisherigen Auszählungstand zufolge 44,9 Prozent der Stimmen. Ghani habe 31,5 Prozent erhalten. Andere der insgesamt acht Kandidaten waren weit abgeschlagen. Die zweite Wahlrunde ist nötig, wenn kein Kandidat im ersten Anlauf über 50 Prozent der Stimmen kommt.

Hunderte Beschwerden wegen Wahlbetrugs

Als Datum für die Stichwahl wurde vorläufig der 7. Juni festgelegt. Die Kommission betonte, es handele sich um vorläufige Ergebnisse, die nun von einem weiteren Gremium überprüft würden. Endgültige Ergebnisse sollen am 14. Mai vorliegen. Bis dahin sollen hunderte Beschwerden wegen Wahlbetrugs geprüft werden. Schon die vorangegangene Präsidentschaftswahl im Jahr 2009 war von massivem Betrug überschattet gewesen. Allerdings war der relativ friedliche Wahlverlauf im In- und Ausland als Erfolg gewertet worden. Mit einer überraschend hohen Wahlbeteiligung trotzten viele Afghanen den Drohungen der radikal-islamischen Taliban. Amtsinhaber Hamid Karsai durfte sich nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal zur Wahl stellen.

Zwei Kandidaten von internationaler Statur

Der gelernte Augenarzt Abdullah Abdullah diente bereits als Sprecher in der Regierung von Burhanuddin Rabbani Anfang der Neunziger Jahre, bevor diese durch die Taliban aus Kabul vertrieben wurde. Nach deren Sturz infolge der US-Intervention im Herbst 2001 wurde Abdullah von Präsident Hamid Karsai mit der Leitung des Außenministeriums betraut. Auf diesem Posten erwarb er sich mit seinem höflichen Auftreten und seinem geschliffenen Englisch international Ansehen, wurde 2006 jedoch von Karsai aus der Regierung entlassen. Der Sohn eines paschtunischen Vaters und einer tadschikischen Mutter, der vor allem im Norden und Nordosten Rückhalt hat, trat bei der Präsidentenwahl 2009 gegen Karsai an und landete auf dem zweiten Platz. Abdullah warf den Anhängern Karsais damals Manipulationen vor und zog sich nach heftigem Streit aus der Stichwahl zurück.

Der renommierte Intellektuelle Aschraf Ghani landete bei der Wahl 2009 noch abgeschlagen auf dem vierten Platz, doch hat er seitdem deutlich an Statur gewonnen und kam nun mit 31,5 Prozent klar auf den zweiten Platz. Im Wahlkampf versprach der 64-Jährige, der mit dem Koran als Wahlsymbol antritt, den Ausbau der lokalen Infrastruktur. Kritik rief Ghani hervor, indem er den Usbeken Raschid Dostum zu seinem Stellvertreter erkor. Der Kriegsherr wird für viele Verbrechen verantwortlich gemacht, doch brachte er dem Paschtunen Ghani Stimmen bei der usbekischen Minderheit im Norden. Internationales Ansehen als Akademiker erwarb sich Ghani in den Achtziger Jahren, als er an mehreren Universitäten in den USA Politikwissenschaft und Anthropologie lehrte. Im Jahr 1991 wechselte er zur Weltbank. Nach dem Sturz der Taliban 2001 kehrte er nach Kabul zurück und diente dem UN-Gesandten Lakhdar Brahimi als Sonderberater. In der Übergangsregierung Karsais war er von 2002 bis 2004 Finanzminister, später leitete der für seine scharfe Zunge bekannte Politiker die Nationale Sicherheitskommission.

fme/AFP/Reuters / Reuters