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Sturm auf Kapitol Sturm aufs Kapitol: Auch Ivanka Trump drängte ihren Vater "etwas gegen die Gewalt zu unternehmen"

Ivanka und Donald Trump
Donald Trump und Tochter Ivanka. Sie soll ihren Vater mehrfach gebeten haben, "die Gewalt zu stoppen".
© Mandel Ngan / AFP
Vor einem Jahr stürmten Trump-Anhänger das Kapitol in Washington – unter den Augen des US-Präsidenten. Mittlerweile zeichnet sich ab, welche Rolle sein Umfeld gespielt hat. Tochter Ivanka etwa soll ihren Vater mehrfach gedrängt haben, etwas zu tun.  

Die Wut der Angreifer, die Tritte und Schläge, die Todesangst. Aquilino Gonell wurde an beiden Händen verletzt, an der linken Schulter, am linken Bein, am rechten Fuß. Mehrmals lag er auf dem OP-Tisch, die Narben verheilen nur langsam. Vor allem die seelischen. Gonell war am 6. Januar 2021 als Polizist im US-Kongress im Einsatz. Monate später erzählte er bei einer Anhörung, wie er den Tag erlebte: Eine "mittelalterliche Schlacht" sei der Sturm des Kapitols gewesen. Er und seine Kollegen wurden mit Hämmern und Stöcken malträtiert, mit Chemikalien besprüht. "Die körperliche Gewalt, die wir erlebten, war schrecklich und verheerend." Und es waren Amerikaner, Mitbürger, gegen die er kämpfen musste.

"Lass es bleiben", habe sie gesagt

Die Erstürmung des US-Kapitols ist nun ziemlich genau ein Jahr her, eigentlich sind die Geschehnisse durch die Aufklärungsarbeit der Abgeordneten auch soweit eingeordnet, und doch kommen immer wieder irritierende Details ans Tageslicht. So berichtet die republikanische Parlamentariern Liz Cheney jetzt, dass dem Untersuchungsausschuss glaubwürdige Aussagen vorlägen, nach denen Ivanka Trump, ihren Vater und damaligen US-Präsidenten gebeten habe, "etwas zu unternehmen ", wie Cheney dem Sender CNN sagte.

"Wir kennen seine Tochter und wir haben Bekundungen aus erster Hand, dass Ivanka mindestens zwei Mal bei Donald Trump war, um ihn zu bitten, die Gewalt zu stoppen", sagt der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Bennie Thompson. Dass Ivanka Trump, die auch als Beraterin ihres Vaters fungierte, versucht haben soll an dem Tag Einfluss zu nehmen, wurde bereits in zwei Büchern beschrieben. In "Peril" der "Washington Post"-Journalisten Bob Woodward und Robert Costa heißt es etwa: Dreimal habe sie versucht zu intervenieren, "lass es bleiben", habe sie Donald Trump gesagt.

Über Rolle des US-Präsidenten an jenem 6. Januar gibt es eigentlich nur zwei Meinungen: Für die einen war Donald Trump der Aufwiegler, gar ein Putschist, der seine Anhänger mit einer hitzigen Rede dazu angestachelt hat, den Sitz des amerikanischen Parlaments zu stürmen, um dann vor dem Fernseher sitzend tatenlos zu zusehen, wie Senatoren und Abgeordnete unter Schreibtischen kauernd um ihr Leben bangten. Die Anhänger Trumps dagegen behaupteten, der Aufstand sei von der Antifa initiiert gewesen und der Präsident selbst habe nur versucht, den Fortgang einer "gefälschten" Wahl zu verhindern.

An jenem Mittwoch war der Kongress in Washington zusammengekommen, um den Erfolg Joe Bidens bei der Präsidentenwahl offiziell zu bestätigen. Eigentlich eine Formalie. Doch Wahlverlierer Trump sah die Zusammenkunft als letzte Chance, sich gegen seine Niederlage aufzulehnen und das Ergebnis umzukehren. Seine über Monate orchestrierte Kampagne, die Wahl als Betrug darzustellen, fand hier ihren vorläufigen Höhepunkt.

Republikaner glauben an "gestohlene Wahl"

Mehr als Zweidrittel der Wähler der Republikaner glauben Umfragen zu Folge mittlerweile, dass die Präsidentschaftswahl 2020 manipuliert worden sei – obwohl es keine Hinweise geschweige denn Beweise dafür gibt. Ungefähr genauso viele sind dafür, dass der US-Kongress sich nicht länger mit den Vorkommnissen vom 6. Januar befassen sollte. Für die Mehrheit der Amerikaner war es jedoch Donald Trump, der den beispiellosen Versuch unternommen hat, ein unliebsames Wahlergebnis zu kippen.

Hunderte Ermittlungsverfahren und Anklagen hat es gegen diejenigen gegeben, die sich an der Attacke beteiligten hatten. Eines der berühmtesten Gesichter der Erstürmung, der "QAnon-Schamane" Jake Angeli, wurde etwa zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Während der Verhandlung hatte sowohl den Aufruhr als auch seine Rolle dabei als Fehler bezeichnet.

Parallel dazu wurde im Juni vergangenen Jahres ein Untersuchungsgremium im Repräsentantenhaus eingerichtet, um die Hintergründe aufzuklären. Der Ausschuss ist Gegenstand politischer und juristischer Kämpfe. Mehrere frühere Mitarbeiter Trumps verweigern dem Gremium Auskünfte. Inzwischen ist jedoch klar, wie viele Warnungen es vorab gegeben hat, wie viele Anzeichen hinter den Kulissen ein Desaster erahnen ließen, ohne dass der hochgerüstete US-Sicherheitsapparat die nötigen Vorkehrungen traf.

Inzwischen ist auch klar, dass es nicht aus dem engsten Umfeld des damaligen US-Präsidenten nicht nur Ivanka Trump war, die versucht hat, den Chef des Weißen Hauses zu bewegen, einzuschreiten und die Gewalt zu beenden – ohne Erfolg. Darunter auch sein Sohn Donald Jr.. Aus den Textnachrichten, die Trumps Stabschef Mark Meadows an dem Tag bekommen hat und die dem Kongress vorliegen, geht hervor, dass selbst Unterstützer des US-Präsidenten wie die Fox-News-Moderatorin Laura Ingraham regelrecht darum gefleht haben, den Aufruhr zu beenden. "Mark, der Präsident muss den Leuten im Kapitol sagen, dass sie nach Hause gehen sollen. Das tut uns allen weh. Trump zerstört sein Erbe“, schrieb Ingraham.

Was geschah im "Willard Hotel"?

Im Fokus der Untersuchung ist auch das "Willard Hotel" in Washington, nur einen Steinwurf entfernt vom Weißen Haus. Dort hatten sich Donald Trump und sein Team versammelt und die Ereignisse des Tages verfolgt. Dem Untersuchungsausschuss zufolge sei diese "Einsatzzentrale" von den engen Vertrauten des US-Präsidenten, Anwalt Rudy Giuliani und Berater Steve Bannon, geleitet worden. Letzterer hatte sich geweigert, vor dem Kongress auszusagen, er wurde deswegen angeklagt und hat sich danach den Behörden gestellt.

Wann genau die Parlamentarier ihren Abschlussbericht vorstellen und was daraus für Konsequenzen folgen, ist noch unklar. Doch womöglich drängt die Zeit. Denn im November sind die Zwischenwahlen, bei denen Teile des Senats sowie das gesamte Repräsentantenhaus neu gewählt wird. Sollten die Republikaner von den Demokraten die Mehrheit übernehmen – was nicht unwahrscheinlich ist – dürfte sie als erstes die unliebsamen Ermittlungen gegen ihren eigenen Ex-Präsidenten beenden.

Quellen: DPA, AFP, "The Hill", CNN, Masslive, InsideNJ


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