Südafrika Ansturm auf Wahllokale


Kilometerlange Warteschlangen und ausgehende Stimmzettel - die Parlamentswahl in Südafrika hat einen unerwartet großen Andrang ausgelöst. Weil jeder seine Stimme abgeben soll, bleiben die Wahllokale nun bis weit in die Nacht geöffnet.

Überschattet von organisatorischen Schwächen der Wahlleitung haben Millionen Südafrikaner am Mittwoch ihr neues Parlament bestimmt. Die Abstimmung rund anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid war von unerwartet großem Andrang geprägt. Es bildeten sich teilweise kilometerlange Warteschlangen, zudem wurden die Wahlzettel knapp. Die Wahllokale, die offiziell um 21 Uhr schlossen, sollten bis zur Stimmabgabe des letzten Wählers geöffnet bleiben. Das könne bis Donnerstag früh dauern, teilte die Wahlkommission mit.

Sie hatte kurzfristig zwar zwei Millionen Stimmzettel nachdrucken lassen, sie bis zum Abend aber noch nicht verteilt. Nach eigenen Angaben hatte sie für die 23 Millionen Wähler 58 Million Wahlzettel drucken lassen. Jeder Stimmberechtigte bekam zwei Exemplare - jeweils einen für die nationale und einen für die regionale Wahl. Die oppositionelle Demokratische Allianz (DA) sprach von Inkompetenz und drohte mit rechtlichen Schritten.

Die spannendste Frage bei der Wahl ist, ob der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) seine Zwei-Drittel-Mehrheit behaupten kann. Dass der ANC erneut mit Abstand stärkste Kraft und der Parteivorsitzende Jacob Zuma damit der nächste Präsident wird, stand dagegen außer Zweifel. Die große Motivation zur Stimmabgabe führten Beobachter insbesondere auf die Person des künftigen Staats- und Regierungschefs zurück. Der 67-jährige Zuma ist einer der populärsten Politiker, die der ANC je aufzubieten hatte - und zugleich so umstritten wie kaum ein anderer. Erst zwei Wochen vor der Wahl stellte die Generalstaatsanwaltschaft ein Korruptionsverfahren gegen ihn ein. "Als ich hier aufwuchs, hätte ich niemals gedacht, dass ich eines Tages zur Wahl gehen würde, wie ich es heute tue", sagte Zuma am Mittwoch bei der Stimmabgabe in seiner Heimatprovinz KwaZulu Natal.

Mbeki scherzt, Mandela lächelt Bei der letzten Parlamentswahl im Jahr 2004 kam der ANC noch auf 69,9 Prozent. Diesmal könnte ihm vor allem eine neue Partei Stimmen abspenstig machen: Der Kongress des Volkes (COPE) wurde vergangenes Jahr von ANC-Dissidenten gegründet - in erster Linie als Reaktion auf die Entmachtung von Expräsident Thabo Mbeki, der Ende 2007 den ANC-Vorsitz an Zuma abgeben und kurz darauf auf Druck der Partei vom Amt des Staats- und Regierungschefs zurücktreten musste. Ein sichtlich entspannter Mbeki gab seine Stimme am Morgen in einem Wahllokal in Johannesburg ab. Einem Journalisten, der wissen wollte, wen er gewählt habe, entgegnete der ehemalige Präsident scherzend, diese Frage sei verfassungswidrig.

Auch Mbekis Vorgänger Nelson Mandela, der sich aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurückgezogen hat, ging am Mittwoch persönlich zur Wahlurne. Nach der Stimmabgabe präsentierte sich der 90-Jährige den Fotografen mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Zu den prominentesten Kritikern des ANC-Spitzenkandidaten Zuma zählt der ehemalige Erzbischof Desmond Tutu. "Ich fühle mich gut, aber es ist anders als bei den vorangegangenen Wahlen", sagte er am Mittwoch bei der Stimmabgabe in Kapstadt. Es sei "gut für die Demokratie", dass die Menschen sich entscheiden müssten. Anders als früher sei es für viele nicht mehr selbstverständlich, den ANC zu wählen, erklärte der Friedensnobelpreisträger.

Gleichzeitig mit der Wahl der Nationalversammlung fanden am Mittwoch auch Wahlen zu den Provinzparlamenten statt. Mit Spannung erwartet wurde das Abschneiden der Demokratischen Allianz (DA) in der Provinz Westkap. Der Partei der deutschstämmigen Kapstädter Bürgermeisterin Helen Zille wurden Chancen eingeräumt, dort stärkste Kraft zu werden. Landesweit dürfte die DA mit gut zehn Prozent der Stimmen auf Platz zwei hinter dem ANC landen, dem die Demoskopen etwa 65 Prozent vorhersagen. COPE kann laut Umfragen mit rund neun Prozent rechnen. Das amtliche Endergebnis wurde nicht vor Donnerstag erwartet.

DPA/AP AP DPA

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