Südafrika Die Armen gegen die Ärmsten


Mit Äxten und Knüppeln machen Slumbewohner Jagd auf Ausländer - vor allem auf Flüchtlinge aus den Nachbarländern Simbabwe und Mosambik. Der Mob ist dabei, alle Werte zu verraten, für die Südafrika seit dem Ende der Apartheid steht.
Von Marc Goergen

Rasch legt sich die Dunkelheit über den Johannesburger Vorort Primrose, und mit ihr kriecht die Kälte in die Zelte, die hier 2000 Menschen ein vorläufiges Zuhause sind. Kleine Feuer werden entzündet, und schon bald ist die Zeltstadt der Vertriebenen, sind ihre Taschen, Koffer, Decken, Töpfe, Schüsseln eingehüllt in grauen Nebel.

Moses Balam macht sich auf den Weg zur Arbeit. Er hat Nachtschicht bei einem Sicherheitsdienst. Seine Ecke im Zelt bleibt leer zurück. Jeans, Schuhe, Pulli, die Mütze auf seinem Kopf - das ist alles, was dem 24-Jährigen geblieben ist. Nicht seine Hütte mit dem kleinen Fernseher hat er retten können. Nicht das Geld, das er zusammengespart hat. Nicht seinen Pass aus Simbabwe mit dem Visum für Südafrika. Nicht das Leben seines Bruders.

Es ist die zweite Woche der Gewalt gegen Fremde in Südafrika, und noch immer scheint die Welle nicht abebben zu wollen. Mehr als 50 Menschen wurden schon getötet, mehrere Hundert verletzt, Zehntausende haben in Kirchen oder Polizeistationen Zuflucht gefunden. Doch immer, wenn die Polizei die Lage in einer Elendssiedlung im Griff hat, werden Ausländer in einer anderen gehetzt. Begonnen hatte es im Township Alexandra am Rand von Johannesburg, doch mittlerweile werden auch in Durban, ja selbst in der Touristenmetropole Kapstadt Fremde verfolgt, ihre Läden geplündert, ihre Hütten niedergebrannt, werden Menschen ermordet, vor allem aus Simbabwe oder Mosambik.

Es ist, als sei Südafrika von einem Virus befallen. Jener Staat, dessen Verfassung proklamiert, dass er "allen gehört, die in ihm leben, vereint in unserer Verschiedenheit", scheint dabei zu sein, alles zu verraten, wofür er seit Ende der Apartheid steht. Hatte nicht Nelson Mandela in seiner ersten Rede als Präsident gefordert, dass Südafrika "niemals mehr die Unterdrückung der einen durch die anderen" erleben soll?

Das gelobte Land

Auch für Moses Balam war der Staat am Kap das gelobte Land. Kein halbes Jahr ist das nun her. Im Dezember 2007 bettelte er sich von Verwandten das Geld für ein Visum zusammen, nahm den Bus nach Johannesburg, ließ Terror und Hyperinflation des dahinsiechenden Simbabwe hinter sich, zog zu seinem Bruder Justice in eine Wellblechhütte am Rand von Primrose. Wie die beiden sind in den vergangenen Jahren mehr als drei Millionen von Simbabwe nach Südafrika geflohen, manchmal mit Visum, meist jedoch illegal, zu Fuß durch den Fluss Limpopo, der die beiden Länder trennt. "Es ist unmöglich, in Simbabwe Arbeit zu finden", sagt Balam, "was sollen wir denn tun, außer sie woanders zu suchen?"

Sein Start in der Fremde war gut. Wie sein Bruder fand Moses Arbeit bei einer Sicherheitsfirma. 3500 Rand verdiente er im Monat, 290 Euro; 2000 Rand schickte er seinen Eltern. Sein Zuhause, das war nun die Elendssiedlung Marathon am Rand von Primrose: Tausende von Wellblechhütten, kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Toiletten. Einziger Luxus war der kleine von Autobatterien gespeiste Fernseher, auf dem die Brüder abends Soaps und Nachrichten schauten.

Dann aber, vor einer Woche, begannen auch in Marathon Südafrikaner die Ausländer zu jagen. Moses hat Nachtschicht. Zwei Abende entkommt er dem Pogrom. Als er am dritten Abend von der Tagesschicht in seinen Slum zurückkehrt, hat der Hass auf die Fremden die Siedlung vollends erfasst. Mit Knüppeln und Macheten jagen die Südafrikaner ihre schwarzen Brüder. Flammen lodern aus Hütten, Schreie und Schüsse hallen durch die Nacht. Moses rennt zu seiner Hütte, doch die ist nur noch ein Haufen Asche. Dann sieht er seinen Bruder auf dem Boden liegen. Blut rinnt aus Einschusslöchern in seinem Kopf. Er atmet flach. Mit ein paar Nachbarn bringt Moses ihn zur Straße, findet sogar einen Krankenwagen, doch die Sanitäter können nichts mehr für Justice tun.

Szenen wie aus einem Bürgerkriegslager

Moses Hände umklammern eine Bibel, die ihm jemand von der Methodistenkirche gegenüber geschenkt hat, sein Blick verliert sich in der Ferne. Zwischen den Zelten haben die Flüchtlinge mittlerweile begonnen, in alten Konservendosen auf den offenen Feuern zu kochen, am Rand des Camps waschen Frauen Kleider in Plastikschüsseln, es riecht nach Urin und Essensresten. Szenen wie aus einem Bürgerkriegslager - mitten in Primrose, einem Mittelklassevorort Johannesburgs, mitten in Afrikas reichstem Land, mitten im Gastgeberstaat der Fußballweltmeisterschaft 2010.

Wie konnte es so weit kommen? Xenophobie ist kein neues Phänomen am Kap. Seit Ende der Apartheid 1994 loderte der Hass immer wieder auf, wurden Zuwanderer aus fahrenden Zügen gestoßen, in ihren Hütten erschossen, wurden ihre Läden geplündert. Schätzungsweise mehr als fünf Millionen Afrikaner sind in den letzten Jahren nach Südafrika gekommen - doch es fehlt eine sinnvolle Einwanderungspolitik. "Die Regierung hat eine explosive Lage aus Gesetzlosigkeit, Armut und unerfüllten Erwartungen geschaffen, die jetzt in Gewalt hochgegangen ist", sagt Frans Cronje, Direktor des renommierten South African Institute of Race Relations. Eine internationale Studie über Fremdenfeindlichkeit setzte Südafrika auf Platz eins: 22 Prozent der Einwohner seien der Meinung, man solle überhaupt keine Ausländer mehr ins Land lassen.

Wie in den schmlimmsten Tagen der Apartheid

Doch die aktuelle Krise stellt all die Einzeltaten der vergangenen Jahre in den Schatten. Wie in den schlimmsten Tagen der Apartheid regiert Gewalt das Land, Menschen werden gar bei lebendigem Leib verbrannt. Einst hatten Südafrikas Nachbarländer seinen Untergrundkämpfern im Kampf gegen das Apartheidregime Zuflucht geboten - jetzt werden Bürger dieser Länder zusammengeschlagen und wie Vieh gejagt. Mosambik hat den Notstand erklärt, um all die Tausende wieder aufzunehmen, die sich jetzt in Bussen, Zügen oder vollgepackten Autos auf den Rückweg machen. Selbst der Terrorstaat Simbabwe verspricht seinen Rückkehrern Unterstützung.

Noch richtet sich die Gewalt nicht gegen Weiße, doch schon melden Reiseveranstalter Stornierungen und befürchten Millionenverluste. Die Unruhen gefährden Südafrikas boomende Tourismusindustrie, die acht Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet und eine Million Menschen beschäftigt.

"Mr. President. Time to go"

Südafrikas Regierung scheint vollends den Kontakt zur Realität verloren zu haben. Präsident Thabo Mbeki reist zu Konferenzen in Nachbarländer und nach Europa - hat sich aber noch kein einziges Mal mit Betroffenen gezeigt. Er war ohnehin in der Kritik, weil er sich weigert, auf Robert Mugabes Terrorregime in Simbabwe offen Druck auszuüben. Mbekis Amtszeit endet 2009, er kann nicht mehr wiedergewählt werden - doch schon jetzt fordern Zeitungen: "Mr. President. Time to go."

Statt rasch und konsequent gegen die Ausschreitungen vorzugehen, versucht Mbekis Regierung, die Exzesse einer nicht näher bestimmten "dritten Kraft" anzulasten, die den Mob kontrolliere. Unausgesprochen ist damit auch die Oppositionspartei Inkatha Freedom Party (IFP) gemeint, Erzfeind der Regierungspartei ANC (African National Congress). Tatsächlich ist es wohl schlicht der Frust der Slumbewohner über steigende Lebensmittelpreise - mehr als 80 Prozent in den letzten drei Jahren. Hinzu kommt der Neid auf vermeintlich besser behandelte Ausländer.

Schon morgens trinken Halbstarke Bier

Im Slum von Primrose, wo Moses seine wenigen Habseligkeiten und seinen Bruder verlor, reihen sich die Wellblechhütten, die wenigen breiten Wege sind holprig und von Abwassergräben durchzogen. Schon morgens trinken Halbstarke an einer improvisierten Kneipe Bier. Rechtecke aus Asche und Metallresten sind geblieben, wo die Hütten der Fremden standen.

An einem der verbrannten Flecken ist gerade ein Mann dabei, die Überreste der abgefackelten Behausung in seine eigene Hütte zu schleppen. Seinen Namen möchte er nicht sagen, "Rastaman" soll man ihn nennen. Dass er die Fremden gejagt hat, gibt er offen zu: "Es sind einfach zu viele hier. Sie nehmen uns die Jobs weg", sagt er und beginnt zu erklären: Seit acht Jahren lebt er hier im Slum und arbeitet als Gelegenheitsmaurer. Früher gab's dafür 180 Rand pro Tag, etwa 15 Euro. "Wenn ich aber jetzt zu einer Firma gehe und das will, lachen die nur und sagen: Dann nehmen wir uns halt einen Fremden, der macht's auch für 60 Rand."

"Ich schäme mich für mein Land"

Ein paar seiner Freunde kommen dazu. Stolz zeigen sie die Holzknüppel, mit denen sie auf die Simbabwer und Mosambikaner eingeprügelt haben: "Wir haben gesehen, wie andere das gemacht haben, und dann beschlossen, das machen wir auch bei uns so."

Keiner von ihnen glaubt, dass sich ein Fremder zurückwagt. Die einstigen Nachbarn von "Rastaman" und seinen Freunden leben jetzt in Zelten oder in Kirchen. Die Johannesburger Central Methodist Church, schon seit Jahren Auffanglager, ist von einer neuen Flüchtlingswelle geradezu überrollt worden. Mehr als 2000 Menschen hausen nun in dem weitläufigen Gebäudekomplex in der Innenstadt, schlafen auf Treppenstufen oder Kirchenbänken, ohne Duschen, mit nur wenigen Toiletten. Der Hausherr, Bischof Paul Verryn, wird derweil zur Galionsfigur für all jene, die den Vertriebenen helfen. "Ich schäme mich für mein Land", sagt er.

Die Mosambikaner können immerhin in ein Land zurückkehren, das den Bürgerkrieg überwunden hat. Die Flüchtlinge aus Simbabwe stehen zwischen allen Fronten. Die Heimat: ein Terrorstaat mit einer Wirtschaft in freiem Fall. Ihr Exil: ein Land, dessen Bewohner Jagd auf sie machen. Auch Moses Balam in der Zeltstadt von Primrose weiß nicht, wohin er nun noch gehen soll. Die Leiche seines Bruders hat er im Krankenwagen nach Simbabwe zurückgeschickt. Die 8000 Rand dafür hat ihm sein Chef bei der Sicherheitsfirma vorgestreckt. Dorthin muss er jetzt, die Nachtschicht beginnt. Doch wohin morgen? Übermorgen? Nächste Woche?

"Wenn ich schon sterben muss", sagt er, dann vielleicht besser in der Heimat.

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