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Idlib: Kinder kämpfen ums Überleben: Das dramatische Geschehen hinter dem Bild, das die Welt schockierte

Drei Mädchen in einem Haus in Syrien von Trümmern verschüttet, über ihnen ihr entsetzter Onkel: Das Foto ging um die Welt. In einem BBC-Interview haben der Onkel und der Fotograf nun das dramatische Geschehen geschildert.

Zwei Kleinkinder versuchen, sich aus einem zerstörten Haus zu befreien

Drei Kinder in den Trümmern ihres Wohnhauses: Der Onkel sieht verzweifelt zu ihnen hinunter. 

AFP

Der Krieg in Syrien ist längst aus den Schlagzeilen verschwunden. Ein Foto aus der Stadt Ariha in der letzten von Aufständischen kontrollierten Provinz Idlib hat ihn vergangene Woche zurück in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht. Es zeigt drei zum Teil verschüttete Mädchen, die aus Trümmern eines zerbombten Hauses herabzustürzen drohen, und ihren entsetzten Onkel. Der Fotograf Baschar al-Scheich hatte die dramatische Szene am 24. Juli kurz nach einem Luftangriff von Truppen des syrischen Diktators Baschar al-Assad und ihren russischen Verbündeten eingefangen. Dem britischen Sender BBC schilderten er und der Onkel nun die Ereignisse.

"Ich lag in meinem Bett, wir konnten den Kampfjet über uns hören", berichtet der Onkel von Riham (5), Dalia (8) und der sieben Monate alten Tuka. Plötzlich seien die Fensterscheiben zersprungen. Er habe sich sofort inmitten von dickem schwarzen Rauch Richtung Tür bewegt. "Ich habe nur daran gedacht, die Mädchen zu retten. Das ist alles, woran ich dachte, auch wenn ich mein eigenes Leben riskieren würde", sagt der Onkel.

"Wollte nicht, dass sie auf mich aufmerksam werden"

Währenddessen kam Baschar al-Scheich gerade bei dem zerstörten Haus an. "Ich fing an zu filmen, um der Welt ein Bild davon zu vermitteln, was mit den Menschen aus Idlib geschieht", erzählt der Journalist der BBC. Dann habe er die Gefahr erkannt, in der sich die Kinder befanden. "Ich habe meine Kamera ausgemacht und mich vorsichtig genähert, ich wollte nicht, dass sie auf mich aufmerksam werden, damit sie ihre Köpfe oder Hände nicht bewegen."

Der Onkel der Mädchen habe zugleich versucht, sie von oben zu beruhigen: "Seid vorsichtig, fallt nicht herunter", habe er ihnen zugerufen, während er versucht habe, sie zu erreichen.

Nachdem es gelungen sei, die Kinder zu bergen, seien sie mit einem Krankenwagen zum nächstgelegenen medizinischen Versorgungspunkt gebracht worden, berichtet Baschar al-Scheich weiter. Dieser habe aber nicht über die nötigen Einrichtungen verfügt, um Riham zu behandeln, deshalb sei sie sofort in ein anderes Krankenhaus gebracht worden. "Riham braucht Blut", hätten die Klinikmitarbeiter gesagt. Doch wenige Stunden nachdem sie Blut erhalten habe, sei die Fünfjährige gestorben. Ihre Mutter sei ebenfalls bei dem Luftangriff getötet worden. Die kleine Tuka dagegen sei wieder zu Hause und in guter Verfassung. Ihre Schwester Dalia wurde an der Brust operiert, wie die Nachrichtenagentur AFP am vergangenen Freitag unter Berufung auf Krankenhausangaben berichtete. Ihr Zustand sei stabil.

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Helfer nennen Lage in Idlib "Albtraum"

In Idlib gilt seit September 2018 eigentlich eine Waffenruhe, doch Assad und Russland hatten dort Ende April eine neue Offensive gestartet. Hilfsorganisationen bezeichnen die Lage in der Provinz als "Albtraum", die UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet wirft den syrischen und russischen Streitkräften vor, auch zivile Ziele wie Kliniken und Schulen zu bombardieren. Nach Angaben der Hilfsorganisation Save the Children wurden in Idlib in den vergangenen vier Wochen mehr Kinder getötet als im ganzen letzten Jahr.

Baschar al-Scheich ist immer noch schockiert von den dramatischen Ereignissen. "Das Gefühl ist unbeschreiblich, keine Worte können dieses Gefühl beschreiben", sagt er der BBC und fragt verzweifelt: "Wie viele Rihams braucht die internationale Gemeinschaft, um sich zu bewegen?"

mad
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