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Kolumne

Hells Angel: Tansania: Das schwulenfeindlichste Land der Welt?!

Normalerweise schreibe ich in dieser Kolumne über Promis, die in Sachen Liebe oder Sex alles richtig oder alles falsch machen. Diese Woche geht der "Loser-Pokal" an Paul Makonda, Gouverneur von Dar es Salam, der gerade zur Hetzjagd auf Schwule aufruft.

Touristen nehmen nur die farbenfrohen Seite von Tansania wahr, die brutale Unterdrückung der LGBTI-Community nehmen sie nicht wahr.

Touristen nehmen nur die farbenfrohen Seite von Tansania wahr, die brutale Unterdrückung der LGBTI-Community nehmen sie nicht wahr.

Getty Images

Was dieser Tage in dem ostafrikanischen Land Tansania passiert, ist pervers: Der Gouverneur der Großstadt Dar es Salam ruft seit Ende Oktober zur "Schwulen-Razzia" auf! Eine von ihm gegründete Spezialeinheit soll Menschen aus der LGBTI-Community verfolgen und Verhaftungen vorantreiben. "Ich weiß, dass diese Aktion einigen Ländern nicht gefallen wird", sagte Makonda in einem Interview. Doch er könne sich nicht zurücklehnen und Menschen erlauben, sich "falsch zu verhalten", nur weil einige Länder "diese Art von Verhalten billigen". WTF?!

Total irre: Bürger sollen "Verdächtige" über eine Telefon-Hotline verraten – oder gleich bei ihm im Büro. "Wenn Sie Schwule kennen, melden Sie sie bei mir", so Makonda. Zehntausende Meldungen sollen bereits eingegangen sein. Homosexuelle werden auf offener Straße verprügelt und "Verdächtige" werden im Gefängnis mit "Anal-Tests" gefoltert, die beweisen sollen, dass sie gleichgeschlechtlichen Sex praktiziert haben. NGOs, die gegen die Diskriminierung von Homosexuellen gekämpft oder über HIV und AIDS aufgeklärt haben, wurden mittlerweile verboten.

Mich schockiert das alles besonders, weil ich mal ein halbes Jahr in Dar es Salaam gelebt und als Reporterin gearbeitet habe. Es ist für mich nicht neu, dass sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern in Tansania verboten sind und mit 30 Jahren Gefängnis oder lebenslanger Haft bestraft werden. Aber seit einigen Wochen wird das alles immer schlimmer!

Die Queer Community lebt in einem Klima der Angst. Gerade gab die US-Botschaft sogar eine Sicherheitswarnung heraus, in der sie die im Land lebenden LGBT-Bürger aufrief, ihre "Social-Media-Profile auf Inhalte zu überprüfen", die nach den lokalen Gesetze bestraft werden könnten. Man empfiehlt "Bilder und Worte zu entfernen, die gegen Gesetze in Tansania verstoßen könnten".

Schreckliche Unterschiede auf dieser Welt

Mir wird ganz schwindelig, wenn ich darüber nachdenke wie groß die Unterschiede auf dieser Welt in Sachen Gleichberechtigung sind. Unser Berlin ist berühmt für seine angesagten Techno- und Sexclubs wie das "Berghain" oder das "KitKat", in denen sich die Menschen Wochenende für Wochenende sexuellen Zügellosigkeiten hingeben, sich nach Herzenslust ausleben und freie Liebe zelebrieren. Klaus Wowereit verkündete einst: "Ich bin schwul und das ist gut so." Homosexuelle Stars wie "How I met your mother"-Star Neil Patrick Harris, Cara Delevigne, Jodie Foster, Ellen Degeneres, Caitlyn Jenner, Elton John, Hape Kerkeling oder Beth Ditto sind Ikonen der westlichen Unterhaltungsindustrie. Wir sind stolz auf unser freies, selbstbestimmtes Leben. Wem soll es denn bitteschön wehtun, wen wir lieben?


In Tansania lehnen angeblich 95 Prozent der Einwohner Homosexualität ab. Tja, wer’s glaubt … Das ist nämlich selbst in Afrika ein Rekordwert, wo Homosexualität in 35 von 54 Staaten verboten ist und z.B. im Sudan sogar mit dem Tode bestraft wird. Die Leute haben einfach nur Angst!

Viele EU-Länder zogen nun Konsequenzen und froren Entwicklungsgelder in Millionenhöhe ein. Eine Diskriminierung auf Grund der sexuellen Orientierung dürfe es nicht geben. Man sei zutiefst besorgt über die Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transpersonen und Intersexuellen. Dass nun kein Geld mehr fließt, schadet natürlich in erster Linie den Armen. Aber es scheint derzeit die einzige Chance zu sein, die Regierung unter Druck zu setzen.

Bereits 2012, während meiner Zeit in Dar es Salaam, habe ich schlimme Geschichten mitbekommen. In meiner Unterkunft im Stadtzentrum lebten einige Medizinstudenten, die Praktika im nahen Muhimbili National Hospital absolvierten. Mit 300 Betten ist es das größte Krankenhaus Tansanias.

Nach Feierabend saßen wir oft zusammen auf der Terrasse und sprachen über unsere Erlebnisse. Eines Abends kam Daniel, der ein Psychologie-Praktikum in der Abteilung für "Menthal Health" absolvierte, völlig aufgelöst nach Hause.

"Heute wurde ein 16-jähriger Junge von seinen Eltern bei uns eingeliefert", erzählte er uns, nachdem er sich eine Zigarette angesteckt und den Schweiß von der Stirn gewischt hatte.

"Die wollten, dass wir ihn von seiner Homosexualität heilen! Und alle Ärzte nur so: Ja, okay, kein Problem." Er schüttelte angewidert den Kopf. "Ich weiß ja, dass Schwulsein illegal in Tansania ist. Aber die können doch nicht allen Ernstes glauben, dass wir ihm ein paar Pillen geben und dann ist er plötzlich hetero."

Besonders schlimm fand Daniel, dass man dem Jungen eingetrichtert hatte, er sei "falsch" oder "krank".

"Der Junge hat geweint, er war völlig verzweifelt, wollte sich umbringen. Er hat mich angefleht: Bitte mach, dass ich normal werde! Gib mir Medizin! Operiere mich. Mein Vater will mich töten! Ich will so nicht mehr weiterleben."

Daniel seufzte. Ihm stiegen die Tränen in Augen. "Wisst ihr, wie beschissen die Situation für mich war? Am liebsten hätte ich dem Jungen gesagt: Alles ist gut, du bist normal und gut so wie du bist. Bei uns in Deutschland könntest du ein ganz normales, schönes Leben führen." Daniel beschrieb den Jungen als androgyne, zierliche Gestalt mit zarten, fast weiblichen Gesichtszügen, ein auffallend schöner Mensch.

"Aber die Ärzte und seine Eltern haben ihn behandelt wie einen Aussätzigen, einen Geisteskranken. Die stecken ihn jetzt in die geschlossene Abteilung und vermurksen ihn wahrscheinlich total …"

Kollegen drucksten nur herum

Die ganze Geschichte hat uns noch lange beschäftigt, weil wir uns so hilflos fühlten. Wie viele junge Menschen muss es in Tansania (und vielen anderen Ländern) geben, die sich in einer ähnlichen aussichtslosen Lage befinden?

Die tansanische Zeitung, für die ich damals arbeitete, berichtete glücklicherweise stets kritisch über das Thema. Das tut sie bis heute. Sprach ich jedoch Kollegen direkt auf die herrschende Homophobie im Land an, hielten sie sich bedeckt. "Leider ist das hier nun mal so", druckste eine Kollegin herum. Ja, leider.

Die tansanische Regierung distanzierte sich zwar von den Aussagen Makondas. Aber warum hält sie diesen Teufel in Menschengestalt nicht auf? Warum tut Präsident John Magufuli nichts gegen die Hexenjagd? Es ist seine Schuld, dass die EU ihre Gelder eingefroren hat und Millionen unschuldige Tansanier darunter leiden müssen – bloß, weil ein einziger populistischer Politiker Scheiße baut. Das alles ist einfach nur traurig. Und erinnert auch irgendwie schmerzlich an die AfD …