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Terroranschläge: Spaniens Schmerz

Nach den Anschlägen von Madrid herrschen im ganzen Land Trauer, Wut und neue Angst. Spuren des Terrors führen zu Al Qaeda. Die Eskalation der Gewalt löst ein politisches Erdbeben aus.

Als der Gabelstapler Jorges Sarg ruckelnd hochhievt, zerreißt ein Aufschrei die Stille. "Te quiero, mi hermano!", "Ich liebe dich, mein Bruder!" Die Stimme überschlägt sich. "Wie konntet ihr unschuldiges Leben töten!" Dann erstickt sie in einem nicht enden wollenden Schluchzen.

Javier Rodriguez klammert sich an den polierten Holzsarg, fast scheint es, als wolle er sich mit hineinschieben lassen in die rechteckige Maueröffnung, in der sein Bruder Jorge die letzte Ruhestätte finden soll. Freunde ziehen Javier zurück, bergen ihn an ihren Schultern, doch sein Schluchzen breitet sich wellenartig unter den Menschen aus. Erfasst Jorges Mutter, seine Schwester, die Stiefmutter, die Freunde, Verwandten und die große Schar der Trauernden. Hunderte stehen da, tränenüberströmt. Zwei Tage nach dem Massaker vom 11. März wird auf dem Friedhof von Alcala der erste Tote zu Grabe getragen.

Doch die Familie Rodriguez muss an diesem Tag nicht nur einem Toten die letzte Ehre geben. Auch Javiers Vater starb bei dem Anschlag. Zwei Stunden nach der Beerdigung seines Sohnes wird er eingeäschert. Francisco Javier Rodriguez, 52, ein gestandener Gewerkschafter, hoch angesehen in seiner Heimatstadt. Unter Tränen klatscht die Trauergemeinde verzweifelten Beifall, als eine Kollegin ihn in der kleinen Aussegnungshalle mit den Worten verabschiedet: "Companero, wir werden dich nie vergessen."

In ein paar Tagen will die Familie Franciscos Asche über dem Fluss Tajo in der Extremadura verstreuen, seiner Lieblingsgegend im Westen des Landes. Er hatte das so gewollt, als "Zeichen der Freiheit seiner Seele".

Fast ein Viertel der 200 Toten des Attentats von Madrid kam aus Alcala, der Pendlerstadt mit 190 000 Einwohnern im Osten der spanischen Hauptstadt. Ihre 500 Jahre alte Universität gehört zum Weltkulturerbe, der Schriftsteller Miguel de Cervantes wurde hier geboren; er ersann Don Quijote, der den Kampf gegen die Windmühlen aufnahm. In Alcala steigen jeden Morgen über 35 000 Menschen in die Vorortzüge, die sie zum zentralen Madrider Bahnhof Atocha bringen.

Auch Francisco Rodriguez und Jorge, sein Zweitältester, der im Mai 23 Jahre alt geworden wäre, warteten jeden Morgen in Alcala am Gleis 1, dort, wo jetzt inmitten eines roten Kerzenteppichs dieser kleine Zettel mit Mädchenschrift hängt: "Für all die Menschen, die hier gestern vorbeikamen, um einen ganz normalen Tag in ihrem Leben zu verbringen - und niemals mehr zurückkehrten. Gott schütze euch!"

Am 11. März nehmen Vater und Sohn den Nahverkehrszug Nr. 21713, planmäßige Abfahrt in Alcala um 7.15 Uhr, Ankunft in Madrid-Atocha um 7.51 Uhr. Die beiden hatten sich angewöhnt, dort in aller Ruhe in einer der Bars zu frühstücken - ein Moment des Tages, den beide nur für sich reserviert hatten, bevor Francisco mit der Metro zum Madrider Sparkassenverband fuhr, wo er Sicherheitsbeauftragter war. Jorge machte sich dann auf den Weg zur Technischen Fachhochschule des Salesianer-Ordens. Er studierte Elektronik.

Der letzte Morgen

An ihrem letzten Morgen nehmen sie nebeneinander im Wagen vier Platz. Sie werden über Fußball geredet haben: Jorge war glühender Real-Madrid-Anhänger, das Ballgenie Zinedine Zidane sein Idol. Am Vorabend noch hatte sein Team Bayern München etwas glücklich besiegt, zusammen mit Bruder "Javi" und Freunden hatte Jorge die Partie in der Stammkneipe ihres Heimatviertels Los Nogales in Alcala angesehen, weil sie sich die teuren Tickets für das Bernabeu-Stadion nicht leisten konnten. "Wie ein Kind", erinnert sich Javier, habe sein Bruder sich über den Sieg gefreut.

Als der Vorortzug in die Station Santa Eugenia einfährt und ein mit Sprengstoff gefüllter Rucksack in ihrem Wagon explodiert, werden Vater und Sohn Rodriguez zusammen mit 14 anderen Passagieren zerfetzt. Es ist 7.42 Uhr am Donnerstag, dem 11. März 2004.

In vier aus Alcala kommenden Zügen haben die Attentäter zwischen kurz vor 7 Uhr und 7.15 Uhr die Bomben verteilt, die in Rucksäcken stecken: 13 Sprengsätze, von denen zehn explodieren werden. Ein Zug fährt gerade in Atocha ein, ein anderer befindet sich kurz vor Atocha, je einer in den Vorortbahnhöfen El Pozo und Santa Eugenia. Die Zünder werden per Handy ausgelöst.

Die Opfer, neben den 200 Toten über 1500 Verletzte, gehören zwölf Nationen an, es sind einheimische Angestellte, illegale Immigranten aus Osteuropa und Südamerika, Studenten und Kinder, die in die Schule müssen. Den Angehörigen der getöteten Ausländer verleiht die Aznar-Regierung am Tag nach dem Attentat die spanische Staatsbürgerschaft.

"Du bist mein Leben. Bis morgen"

Zu den Opfern zählt eine 29-jährige Frau aus Alcala, die im siebten Monat schwanger war und ihren Ultraschalltermin verschoben hatte, um zur Arbeit zu fahren. Das Kind sollte Samuel heißen. Ein Jahr zuvor hatte sie eine Fehlgeburt erlitten. Ein Marokkaner, der seiner spanischen Freundin am Abend zuvor die SMS schrieb: "Du bist mein Leben. Bis morgen." Die beiden wollten in der Karwoche nach Tanger fahren; sie hatte schon begonnen, Arabisch zu lernen. Ein Heizungsmonteur aus der Dominikanischen Republik, der in Atocha auf dem Bahnsteig wartet, nach der ersten Explosion zum Zug läuft, um zu helfen, und bei der zweiten getötet wird.

Der Tag des Attentats ist Javier Rodriguez' 29. Geburtstag - es ist der Tag, an dem er den schwersten Gang seines Lebens geht: Er muss die Leichen von Vater und Bruder identifizieren. Sie sind beide trotz schwerster Verletzungen schnell zu erkennen, weil ihre Gesichtszüge kaum entstellt sind. Angehörige anderer Opfer müssen Tage warten, bis die Identität ihrer Toten geklärt ist. 20 Leichen sind zu Beginn dieser Woche noch ohne Namen. Mit Fotos ihrer vermissten Familienmitglieder irren Menschen durch die Krankenhäuser und Aufbahrungshallen.

Javier wird von Paz, seiner Verlobten, und den engsten Freunden begleitet. Psychologen und Pfarrer sind zur Stelle im Pavillon sechs des Messezentrums Ifema, wohin man - in graue Säcke gehüllt - die Toten geschafft hat. Bis zum Abend bringen Mitarbeiter des Roten Kreuzes verriegelte Tonnen in die Halle, die aussehen wie Kühlboxen. Eine Frau trägt eine Kiste mit einer Hand, die ganz leicht zu sein scheint; eine andere Kiste wird von zwei Sanitätern herangeschleppt. "An diesem Geburtstag", sagt Javier, dieser stämmige Junge, der als Lkw-Fahrer für ein Getränkeunternehmen arbeitet, "bin ich um 100 Jahre gealtert."

"Warum gerade wir?"

Betäubende Ohnmacht sei für die Angehörigen das normale Gefühl der ersten Stunde, sagt Dr. Franscisco Ferre. "Die wenigsten fragen anfangs nach dem Warum, nach Motiven oder Tätern. Ihre Frage heißt: Warum gerade wir? Warum gerade meine Frau, mein Kind?" Ferre koordiniert den Einsatz der über 700 Psychologen, die nach dem Attentat rund um die Uhr Beistand leisten. Er sieht in der Ifema-Halle Menschen mit leerem Blick an sich vorbeihasten, die Wangen vom Weinen gerötet. Er muss mit ansehen, wie eine alte Frau mit indianischen Zügen ohne Vorwarnung lang hinschlägt, als ein Arzt mit ernstem, eindeutigem Kopfnicken das Furchtbare bestätigt.

"Auf die Frage nach dem 'Warum wir?' können wir keine Antwort geben", sagt Franscisco Ferre, "wir können nur zuhören und mitfühlen." Spätestens seit dem 11. September 2001 wisse man, wie wichtig es sei, dass von Schmerz und Schock überwältigte Menschen miteinander trauern, miteinander weinen.

Durch Zufall ist am Morgen des 11. März Professor Manuel Trujillo, der Leiter der Psychiatrie des New Yorker Bellevue-Hospitals, wegen einer Zwischenlandung auf dem Flughafen Madrid Barajas. Seine Klinik liegt nahe bei Ground Zero und spielte bei der psychologischen Bewältigung der Katastrophe von Manhattan eine wichtige Rolle. Trujillo steht den spanischen Kollegen sofort zur Seite, zusammen mit einem Dutzend israelischer Spezialisten, die noch am selben Tag eingeflogen werden.

"Der Moment, in dem Angehörige einen Plastikbeutel mit den Habseligkeiten eines Opfers hingestellt bekommen und dann ja oder nein sagen müssen, ist der schlimmste", sagt Ferre. "In diesem Augenblick ist Schmerz die überwältigende Regung. Der Ruf nach Rache kommt erst später."

Blinder Hass, den niemand begreift

Javier Rodriguez glaubt, dass er bald keine Tränen mehr hat für seine Trauer: "Da ist nur Leere." Wären Vater und Bruder bei einem Autounfall oder an einer Krankheit gestorben - er glaubt, er hätte das eher begreifen können. "Aber dieser blinde, ziellose Hass der Attentäter auf völlig Unschuldige - das ist es, was einen schier irre macht." Am Tag der Beerdigung hat er Jorge das weiße Fußballtrikot mit der Nummer fünf in den Sarg gelegt. Zidanes Nummer.

Javier war stolz auf den jüngeren Bruder, der so zielstrebig studierte und mal Chef eines eigenen Betriebs werden wollte. Der jeden Sommer beim Verpackungsriesen Tetrapak jobbte und auf eine Anstellung im nächsten Jahr hoffte. Der mit ihm die Fußballleidenschaft, die Videospiele und seinen Opel Astra teilte. Jorge und Vater Francisco, beide gute Handwerker, hatten ihm beim Ausbau der Wohnung geholfen, die er im vergangenen September für sich und die Freundin gekauft hatte.

Die Beziehung zwischen Vater und Söhnen war gut, obwohl sich Francisco Rodriguez von ihrer Mutter Isabel hat scheiden lassen, als vor acht Jahren Maribel Ruiz, 42, in sein Leben getreten war. Doch die Brüder mochten die Neue, eine patente, hoch gewachsene Frau, die ihrem Vater vor knapp vier Jahren noch einen Nachzügler schenkte: Diego, der kleine blonde Stiefbruder, in den die beiden Großen von Anfang an vernarrt waren. Bis zuletzt hatte Jorge mit der neuen Familie seines Vaters gelebt.

Der war ein engagierter Kämpfer. Als nach dem Tankerunglück der "Prestige" Galiciens Küste unter einer der größten Umweltkatastrophen Spaniens litt, ließ Francisco sich mit Freunden und Kollegen in Bussen zum Säuberungseinsatz an die "Todesküste" karren. Sie fehlten bei keiner Demonstration gegen den Irak-Krieg, den Spaniens Premier Jose Maria Aznar, devoter Partner von George Bush, befürwortet - gegen den erklärten Willen der großen Mehrheit seiner Landsleute. Tagelang belagerten sie mit einem "Friedenscamp" die US-Airbase im nahe Alcala gelegenen Torrejon de Ardoz. Schließlich mussten sie in hilflosem Zorn zusehen, wie Kampfflieger zum Irak-Einsatz aufstiegen.

Größte Demonstration in der Geschichte des Landes

"Wäre Francisco noch am Leben", sagt sein engster Freund Jesus, "wäre er auch jetzt ganz vorne mitmarschiert." Über elf Millionen Spanier gehen am Tag nach dem Terroranschlag auf die Straße, es ist die größte Demonstration in der Geschichte des Landes, 2,3 Millionen Menschen allein in Madrid. Der Himmel schickt kühle, dicke Tropfen, und viele ducken sich unter ihren Regenschirm. Die Metrostationen im Zentrum sind so voller Menschen, dass man sich kaum bewegen kann. In den Gängen stauen sich Tausende, minutenlanges Warten vor den Ausgängen. Die Spanier reagieren gefasst, ohne Hysterie. Das Leben der vergangenen drei Jahrzehnte mit den Eta-Bomben hat sie abgehärtet.

Oben auf den Straßen sind Rufe "Eta no!" zu hören. Die Regierung hat gleich nach dem Anschlag verkündet, als Täter kämen nur baskische Separatisten infrage. Doch schon da zweifeln viele. Etwas ist anders als sonst, sagen sie. Zwar steht zweifelsfrei fest, dass die Terrororganisation seit dem vergangenen Winter eine Großattacke mit Sprengstoff in Madrid plant. Am 11. März aber gibt es keine Warnung kurz vor der Explosion, wie es bis dahin Stil der Eta war.

Inzwischen sind mehr und mehr Indizien aufgetaucht, die auf al Qaeda hinweisen: ein Kleinlaster, der in Alcala gefunden wurde, mit einem Tonband auf Arabisch und sieben Zeitzündern. Trotzdem hält die spanische Regierung an ihren Beschuldigungen fest: Die Außenministerin Ana Palacio weist in einem Rundschreiben alle Botschaften des Landes an, in ihren Gastländern die baskischen Separatisten verantwortlich zu machen. Die Schuldzuweisung soll der regierenden Volkspartei bei den Parlamentswahlen am Sonntag Stimmen bringen.

Franciscos zweite Frau Maribel Ruiz empfindet "ohnmächtige Wut". Nicht nur über den Bombenanschlag, sondern auch über die Regierung Aznar und deren Haltung im Irak-Krieg: "Francisco wurde mit seinem Sohn zum Opfer ausgerechnet der Politik, die er heftig und leidenschaftlich bekämpft hat."

"Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod"

Am Abend vor dem Wahlsonntag lassen sich die Nachrichten nicht mehr unterdrücken, die für die Urheberschaft islamistischer Terroristen sprechen. Drei Marokkaner und zwei Inder werden verhaftet - sie sollen die Handys besorgt haben, mit denen die Bomben ferngezündet wurden. Ein Anrufer mit arabischem Akzent dirigiert die Madrider Polizei zu einem Papierkorb, in dem ein Video liegt. Darauf verkündet ein angeblicher Militärsprecher von al Qaeda: "Das ist die Antwort auf eure Zusammenarbeit mit dem Verbrecher Bush." Er endet mit dem Satz: "Ihr liebt das Leben, und wir lieben den Tod."

Mehrmals muss Spaniens Innenminister Angel Acebes in dieser Nacht vor die Kameras treten; pampig und schmallippig gibt er neue Ermittlungsergebnisse bekannt. Die Eta-These wird nur noch am Rande erwähnt. Inzwischen haben sich auf den Straßen der Hauptstadt Tausende zu einem spontanen Demonstrationszug zum Bahnhof Atocha formiert. Bis in die frühen Morgenstunden sind ihre Sprechchöre zu hören, in denen sie "Verdad ya!" fordern, "Jetzt endlich die Wahrheit!" Auf Plakaten klagen sie den scheidenden Premier an: "Lügner! Mit den Toten spielt man nicht."

Javier Rodriguez war eigentlich für den Sonntag als Helfer in einem Wahllokal in Alcala eingeteilt. Er hat das Amt einem Freund übertragen. Der kann schließlich die Stimmen mit auszählen, die den Konservativen einen Denkzettel dafür erteilen, dass sie versuchten, die Anschläge für ihren Machterhalt zu instrumentalisieren. 7,6 Prozentpunkte verlieren sie, rutschen ab auf 37,6 Prozent. Nur noch 148 Sitze haben sie im Parlament. Die Sozialisten steigern ihren Stimmenanteil von 34,7 auf 42,6 Prozent, erringen damit 164 Mandate. Ein Erdrutsch zulasten der Volkspartei, die in den letzten Umfragen als klarer Sieger festzustehen schien, mit einem Ergebnis dicht an der absoluten Mehrheit.

Zapateros Wahlversprechen

Jose Luis Rodriguez Zapatero, der künftige sozialistische Regierungschef, kündigte am Montag gleich an, dass seine Partei ihr lange vor den Anschlägen gegebenes Wahlversprechen halten und die spanischen Soldaten aus dem Irak abziehen werde. Es sei denn, die Vereinten Nationen würden den Einsatz legitimieren und das Kommando über die Truppen übernehmen.

Doch Javier glaubt nicht mehr daran, dass Politik Gewalt verhindern kann. Resigniert sagt er: "Wären die Eta-Terroristen schuld an diesem Anschlag, hätte Spanien ein Problem. Sind es die von al Qaeda, hat Europa ein Problem."

Rüdiger Barth, Teja Fiedler und Daniela Horvath / Mitarbeit: Beatrice Lang, Felix Mreiche

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