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Totengräber von "New Labour": Jüngerer Miliband-Bruder muss sich als neuer Parteichef bewähren

Ist er der Hoffnungsträger für die tief zerstrittene und vom Wähler abgestrafte britische Sozialdemokratie? Oder der Totengräber von "New Labour"? Ed Miliband hat seinen Bruder David geschlagen, die eigentliche Bewährungsprobe steht ihm als Parteichef aber noch bevor.

Tony Blair soll das Wort "Katastrophe" in den Mund genommen haben. Verständlich, denn was er und sein damaliger Adlatus Gordon Brown angeblich bei einem schicken Italiener ausgeheckt und dann in die sozialdemokratische Welt getragen haben, ist mit der Wahl Ed Milibands zum Vorsitzenden der britischen Labour-Partei wohl endgültig gestorben: Das wirtschaftsnahe Projekt "New Labour". Der erst 40 Jahre alte Neue an der Parteispitze will zwar kein "Mann der Gewerkschaften" sein, ist aber von ihnen gewählt worden. Auch wenn Miliband das noch bestreitet: Der Linksruck in der Partei scheint unausweichlich.

Wo in den 1990er Jahren im Londoner Stadtteil Islington der schicke Italiener war, ist jetzt ein TexMex-Imbiss. Auch bei Labour ist der Stern der einstigen Lichtgestalt Blair verblasst. Sein wirtschaftsfreundlicher Kurs mündete in der Bankenkrise, sein Kompagnon Brown wurde zu seinem schärfsten Rivalen und glücklosen Nachfolger. Im Mai haben die Wähler Labour aus der Downing Street verbannt. Mit anderen Worten: Die Partei ist am Boden. Wenn sie bei den nächsten Wahlen eine Chance haben will, braucht sie eine ordnende Hand. "Next Labour" hatten die Zeitungen vor der Wahl zum neuen Parteivorsitzenden gefordert. Auch deshalb sprach Miliband gleich nach seiner Wahl davon, die Partei "einen" zu wollen.

Ed Miliband hätte gegen seinen fünf Jahre älteren Bruder David, den Berater von Blair und Außenminister unter Brown, keine Chance gehabt, wenn nur die Partei gefragt worden wäre. Sowohl bei Abgeordneten als auch bei Parteimitgliedern lag der erfahrenere Miliband-Bruder vergleichsweise klar vorn. Erst die Stimmen der Gewerkschaftsmitglieder, die zu einem Drittel Einfluss auf das Wahlergebnis nehmen, brachten "Red Ed" mit hauchdünnem Vorsprung nach vorn. Die machtbewussten Funktionäre an der Spitze der Arbeiterorganisationen werden das nicht so schnell vergessen.

Zudem gilt auch in Großbritannien das alte Sprichwort: "Wer zahlt, schafft an." Die Gewerkschaften finanzieren mit Millionenspenden einen guten Teil des Parteihaushalts. Auch deshalb, so befürchten Kritiker Milibands in der eigenen Partei, könnte der Einfluss der Gewerkschaften auf Labour steigen - was wiederum dem politischen Gegner, den konservativen Tories von Premierminister David Cameron in die Hände spielen würde. Und dem potenziellen Koalitionspartner, den Liberaldemokraten von Nick Clegg, auch nicht gefällt.

Ed Miliband, Oxford-Absolvent und bekennender Mathematik-Freak, weiß das alles. Er machte in seinen ersten Stunden als Parteichef nicht den Fehler, den Radikalen zu mimen. Stattdessen sandte er nach seiner Wahl Signale in alle Richtungen. "Man braucht kein Linker zu sein, um zu sehen, dass einige der Exzesse, die wir an der Spitze der Gesellschaft gesehen haben, falsch und ungerechtfertigt waren", sagte er und schlug höhere Steuern für Banken vor. Die Gewerkschafter hören das gern.

Miliband kann aber auch den loyalen Staatsmann geben: "Ich werde die Regierung nicht wegen jeder Kürzung kritisieren. Ich werde sie an dem messen, was sie leistet", sagte der neue Chef der "loyalen Opposition Ihrer Majestät". Den Liberaldemokraten bot er indirekt gleich an, eines ihrer Lieblingsprojekte, das die Konservativen ablehnen, mitzutragen: Eine Steuer für Uni-Absolventen, statt der bisherigen Studiengebühren. Und an seinen Bruder David gerichtet, dessen große politische Ambitionen er mit seiner erfolgreichen Kandidatur praktisch zerstört hat, sagte er: "Ich weiß, dass er einen großen Beitrag für die britische Politik leisten kann."

Michael Donhauser, DPA / DPA