VG-Wort Pixel

Jeremy Corbyn Der Malefiz-Besieger wird Labour-Chef


Für viele Briten ist er ein Bürgerschreck, auch das Establishment seiner eigenen Partei hält ihn für eine Gefahr: Der 66-jährige Jeremy Corbyn ist erklärter Sozialist und Spargegner. Seit Samstag ist er Labour-Chef. 

Am Ende, nach vier langen Monaten Wahlkampf, nach Schlammschlachten und Flügelkämpfen und Wortgefechten, wirkte alles merkwürdig selbstverständlich, beinahe routiniert und unaufgeregt. Jeremy Corbyn trug ein dunkelblaues Sakko und ein hellblaues Hemd, als er am Samstagmorgen das "QUE II-Conference-Center“ in London betrat. Junge Leute umringten ihn, Alte fotografierten. Er lächelte. Irgendwie passte der Rahmen, ein milder Volkstribun mit Graubart mitten im Volk, die Tonlage versöhnlich. Er dankte, er scherzte und fand warme Worte für Unterstützer und sogar Gegner – und weniger warme für die Regierung, "wir sind gewachsen, weil die Leute ein besseres und gerechteres Großbritannien wollen“. Stehende Ovationen. Dann ging er auf eine Demonstration für Flüchtlinge.

Jeremy Corbyn, 66 Jahre alt, ist neuer Chef der Labour-Party. Sein Sieg ein Erdrutsch, 251.000 Stimmen oder 59,5 Prozent. Er war am Ende erwartet. Und doch eine Sensation. Vor vier Monaten noch, unmittelbar nach der desaströsen Labour-Niederlage bei den Parlamentswahlen, kannten Corbyn in Großbritannien nur Politik-Aficionados. Corbyn ist zwar seit 1983 Labour-Abgeordneter, galt aber in seiner Partei als radikaler Außenseiter - links von der Mitte. Ein Hinterbänkler, unbequem, altmodisch wie seine Anzüge und Hemden. Unscheinbar einerseits und reichlich oft im offenen Disput mit der eigenen Partei andererseits. Im Laufe seiner 32 Jahre im Parlament votierte er mehrere hundert mal gegen die Partei-Linie, allein knapp 290 mal während der Amtszeit von Tony Blair. Populär ist anders. Populist aber auch.

Er war expliziter Gegner des Afghanistan- und Irak-Krieges und sprach sich bereits für den Dialog mit IRA, Hamas, Hisbollah und Iran aus als das politisch fast waghalsig war. Nun führt der Außenseiter Labour, die große, berühmte Arbeiterpartei, die zuletzt allerdings alles andere als groß und berühmt daher kam. Und schon gar nicht als Arbeiterpartei.

Im Geist der 80er-Jahre

Das erklärt in Wahrheit auch seine Popularität und ergo seinen Sieg. Corbyn setzte sich durch gegen drei parteiinterne Kandidaten, die programmatisch für die leicht abgewandelte Fortsetzung jener Labour-Linie standen, die die Partei Richtung Bedeutungslosigkeit getrieben hatte. Auf den letzten Metern enterte er erst das Rennen und bekam in buchstäblich letzter Minute die dafür notwendigen Stimmen aus den eigenen Reihen. So ging das los, und er tat dies weniger in dem Glauben, tatsächlich eine reelle Chance zu besitzen. Als vielmehr aus der Überzeugung heraus, dass die Debatte um die Nachfolge des glücklos-faden Ed Miliband mehr braucht als alten Wein in neuen Schläuchen. Er hatte Recht.

In den vergangenen Wochen und Monaten erlebte die Nation einen lebhaften und aufgeregten Diskurs wie zuvor nur beim ähnlich aufgeladenen Referendum in Schottland. Aus Corbyn, dem Alt-Linken mit dem Charme eines Soziologie-Paukers, wurde Corbyn der Erneuerer – mit Argumenten von gestern. Er spricht mit dem Geist der 80er-Jahre, als Britannien von Thatcher regiert wurde. Wettert gegen die Nato und britische Atom-U-Boote, er redet von Verstaatlichung des Energiesektors und der Bahn. Er droht Banken und Großkonzernen und explizit auch Reichen und Superreichen, natürlich: höhere Steuern.

Er traf offenbar den Nerv.

Labour-Establishment macht mobil

Ein Klassenkämpfer, ohne Schlips aber mit Doppelripp-Unterhemd, das unterm Kragen hervorlugt. Mit Billig-Kugelschreiber statt Einsteck-Tuch. Aus dem Außenseiter wurde schnell der Favoritenschreck. Und aus dem Favoritenschreck der Favorit. Die eigentliche Sensation aber ist, dass Corbyns Weg an die Parteispitze an das Brettspiel Malefiz erinnerte – Widerstände überall. Im Englischen heißt das "against all odds". Das Labour-Establishment machte mobil, der frühere Premier und New-Labour-Architekt Tony Blair geiferte, Genossen, deren Herz für den Alt-Linken schlage, sollten eine Organtransplantation erwägen; Corbyn sei der sichere Weg in die Unwählbarkeit für die nächsten 20 Jahre. Der Parteikollege und Historiker Tristram Hunt wähnte Labour unter Corbyn auf einem Level mit der griechischen Syriza. Auch der an sich gemäßigte Gordon Brown, Blairs Nachfolger in Downing-Street, warnte, Labour dürfe "nicht zur Protestpartei werden". Und bitte nicht geführt werden von einem Hinterbänkler, der Sympathien für Venezuela und Putins Russlands hege.

Die rechte Presse stempelte ihn als Trotzkyisten und potentiellen Landesverräter, die eher moderaten Medien mäanderten lauwarm zwischen intellektueller Ablehnung und Zuneigung für den schrägen Underdog. Und Jeremy Corbyn? Schwieg. Und schwieg. Und schwieg. 32 Jahre in Westminster imprägnieren offenbar. Er ließ das alles einfach an sich abperlen. Das war klug. Denn Corbyn legte – im Gegenteil - mit jeder Attacke ob aus der Presse, "der gefährlichste Mann des Landes" oder der Partei, "der gefährlichste Mann von Labour", nur noch zu. Man könnte auch sagen: Blair wollte Corbyn unmöglich machen und hat ihn damit erst recht möglich gemacht. Die "Corbynmania" erfasste die Alten, die in ihm den sozialistischen Kampfgeist von früher entdecken. Und er begeisterte die Jungen, weil er einen schnoddrigen Nonkonformismus lebt und wie eine Verheißung auf Abwechslung im sterilen Westminister wirkt.

Man wird sehen. Man wird auch sehen, ob er Labour als Spitzenkandidat tatsächlich in den Wahlkampf 2020 führt. Oder doch vor allem als Reformator der zermürbten Linken auftritt, der mit seinem Appeal sogar verlorenes Labour-Terrain in Schottland zurückerobern könnte. All das wird man sehen.

Jeremy Corbyn hat, das allerdings steht fest, schon jetzt das politische Britannien belebt. Das ist vielleicht der größte Gewinn der vergangenen Monate. Er ist natürlich kein Spinner, kein Naivling und auch kein Extremist. Sondern ein besonnener Zuhörer und Redner, der gute Fragen stellt und selbst auf Fragen nicht mit dem üblichen Politiker-Sprech antwortet. Sondern: präzise und klar. "Watch out", passt auf, rief er den Banken am vergangenen Freitag zu. Und die Zuhörer applaudierten. Ein Mann, der aus gutem Hause stammt und von seinen politisch aktiven Eltern früh mit George Orwell und Schriften über den spanischen Bürgerkrieg gepäppelt wurde und später seine Liebe für die Gewerkschaften entdeckte. Dieser Corbyn, das lassen ihm sogar die Gegner, bleibt sich treu bis an die Grenze zur Sturheit.

Er lebt mit seiner zweiten Frau in Islington, einer Gegend im Norden Londons, die entweder besonders reich oder besonders arm ist. Im reichen Islington wohnt der konservative Bürgermeister Boris Johnson. Im bescheidenen natürlich Corbyn. Meistens radelt er ins Parlament. Für die Leute ist er nur der "Jeremy".

Nun also Labour-Chef, daran wird man sich gewöhnen müssen. In Islington. In der eigenen Partei. Aber eben auch in der Regierung. Am vergangenen Mittwoch gab's den ersten Vorgeschmack auf das künftige Mit- und Gegeneinander. Premier David Cameron erklärte da im Unterhaus, dass das Königreich in den nächsten vier Jahren 20.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen werde. Dann meldete sich Corbyn zu Wort, ein Raunen ging durchs Gemäuer. Er sprach ganz ruhig, das Land müsse "in diesen Zeiten eine viel größere Rolle übernehmen". Ein Wort ergab das andere, und auf der Regierungsbank lachten Vizekanzler George Osborne und Innenministerin Theresa May.

Es könnte ihnen bald vergehen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker