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Tränengaseinsatz in Athen: Griechenlands Ärzte verklagen den Staat

Er nennt es eine "Gashölle": Griechenlands Ärztekammerchef hat den Staat wegen des massiven Tränengaseinsatzes bei den Protesten in Athen verklagt. Er macht Politik und Polizei schwere Vorwürfe.

Von Manuela Pfohl und Natalia Sakkatou, Athen

Die Erklärung braucht nur ein paar knappe Sätze: "Durch die Ordnungskräfte ist das Athener Zentrum in eine Gashölle verwandelt worden. Damit haben sie die Unversehrtheit tausender Bürger gefährdet, und dies mit Duldung der Politik. Die griechische Ärztekammer hat deshalb bei der Staatsanwaltschaft des Obersten Gerichts Klage gegen die Regierung eingereicht."

Es ist politischer Sprengstoff, den Giorgos Patoulis am Donnerstagnachmittag der Regierung ins Parlament gelegt hat. Der Chef der Ärztekammer will Aufklärung über das, was er als Demokrat nicht fassen kann: "Was gestern in Athen passierte, ist einer Demokratie unwürdig", sagt er im Gespräch mit stern.de. So deutlich haben sich die Athener Ärzte noch nie geäußert. Und so direkt haben sie noch nie gehandelt.

Hier ist alles voller Gas und die Leute gehen uns kaputt

Auf den Straßen des Landes bekommt Patoulis Beifall. Denn von den Tränengasschwaden, die am Mittwoch über weiten Teilen der Stadt hingen, waren viele Athener heftig betroffen. Patoulis Handy klingelte ununterbrochen. Immer wieder informierten ihn Ärztekollegen über Verletzte, die nicht behandelt werden könnten. Irgendwann kommt der Anruf von der Metrostation am Syntagmaplatz: Komm, wir brauchen jede Hilfe, hier ist alles voller Gas und die Leute gehen uns kaputt. Wenn wir die nicht schnell wegbringen, werden wir Tote haben.

Der Mediziner ist entsetzt und macht sich sofort auf den Weg. Dahin, wo seit Stunden die Schlacht zwischen Demonstranten und der Polizei tobt. Es ist kurz vor 20 Uhr, die Regierung hat ihr Sparpaket beschlossen. Die Wut darüber entlädt sich auf den Straßen von Athen. Mindestens 500 Menschen flüchteten vor den Auseinandersetzungen und den Gaswolken in die unterirdischen Hallen der Metrostation am Platz. Sie haben nicht damit gerechnet, dass die Polizei ausgerechnet in die Eingänge der U-Bahn Tränengasgranaten werfen würde. Eine Falle, aus der es für die Schutzsuchenden kein Entrinnen gab.

Nur über Umwege kann Patoulis die Station erreichen. Dann spürt er, wie ihm der Rauch des Tränengases in den Augen beißt, ein Brennen in der Luftröhre lässt ihn schwer atmen. Wie ihm geht es all denen, die hier unten sind und seit Stunden vergeblich auf Hilfe hoffen, weil die Polizei sämtliche Zufahrten gesperrt hat und auch keine Krankenwagen an den Platz lässt. Patoulis bittet Gesundheitsminister Andreas Lombardos übers Handy darum, einen Korridor einzurichten, über den die Verletzten abtransportiert werden können. Doch Lombardos sagt, er sei dafür nicht zuständig und verweist an den Minister für Öffentliche Ordnung. Der verspricht Hilfe - und tut nichts.

"Mir wurde regelrecht angst"

Auch der Chef des Apothekerverbandes, der von außen helfen will, muss unverrichteter Dinge wieder gehen. Immer wieder hatte er vergeblich versucht, die Polizisten zu überreden, dass er Medikamente zum Platz bringen darf. Ein Dutzend Ärzte versucht deshalb mehr schlecht als recht die Eingeschlossenen in der Metrostation zu behandeln. Kreislaufzusammenbrüche, Erstickungsanfälle, Herzschwächen. Patoulis will helfen und kämpft mit sich selbst. "Ich hatte ein so unheimlich beklemmendes Gefühl im Brustkorb, dass mir regelrecht angst wurde", sagt er am Tag danach. Und: Dieser Übergriff der Polizei muss einfach Konsequenzen haben."

Schon während des Dramas hatten die Leute auf dem Syntagmaplatz abgeschossene Gasgranaten und Kartuschen aufgesammelt und zum Rot-Kreuz-Stützpunkt der Widerständler gebracht. Im Haus der Ärztekammer hat Patoulis jede Einzelne fotografiert und mit seinen Kollegen eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Ein Teil des Gases ist offensichtlich uralt. 1979 steht auf einer Metallhülse. 1995 auf einer anderen. Mehrere halb durchgerostete Dosen enthielten CS-Gas. Andere wiederum lassen sich nicht identifizieren. "Wir wollen wissen, was die Polizei da gegen ihre eigene Bevölkerung eingesetzt hat und haben deshalb fünf Proben an das staatliche Labor gegeben", sagt Patoulis. Im Labor-Begleitbrief, der stern.de vorliegt, bittet er um Unterstützung und baldmögliche Ergebnisse.

Inzwischen haben sich etliche Betroffene bei der Ärztekammer gemeldet. Jeder Einzelne erklärte sich bereit, als Zeuge für die Ereignisse zur Verfügung zu stehen. Das gibt Patoulis die Hoffnung, dass die Klage Erfolg haben wird, und "dass es niemandem gelingt, die ganze Sache unter den Teppich zu kehren, wie wir das schon so oft erlebt haben."

Von:

Natalia Sakkatou und Manuela Pfohl