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Triumph bei türkischen Kommunalwahlen Erdogan - der Putin des Nahen Ostens


Die Türken wissen, dass ihr Ministerpräsident korrupt ist. Trotzdem bescheren sie ihm bei den Kommunalwahlen einen Triumph – der Türkei stehen turbulente Zeiten bevor.
Von Stefanie Rosenkranz, Istanbul

Wenn es einen Teflon-Politiker gibt, dann wohl Recep Tayyip Erdogan: Er ist korrupt, er ist autoritär, er lässt Twitter und YouTube verbieten - und erringt doch einen triumphalen Erfolg bei den Kommunalwahlen. Über 47 Prozent der Türken votierten gestern für seine Partei. Damit wird sich der Putin des Nahen Ostens in seinem Größenwahn bestätigt fühlen.

Immer gelang ihm alles, trotz allem. Als Recep Tayyip Erdogan vor 60 Jahren in einem Istanbuler Slum das Licht der Welt erblickte, schien ihm Großes verwehrt. Er wurde hineingeboren in eine tieffromme und bitterarme Familie, die von der Schwarzmeerküste in die Metropole am Bosporus emigriert war, und musste als Teenager Limonade und Sesamkringel verkaufen, um Geld für seine Eltern und vier Geschwister dazu zu verdienen. Nachdem er eine religiöse Berufsschule absolviert hatte, studierte er an einer drittklassigen Universität Betriebswirtschaft. Gleichzeitig spielte er mit einigem Erfolg halbprofessionell Fußball.

Seine Leidenschaft galt immer der Politik

Doch seine wahre Leidenschaft galt der Politik. Nur sehr kurz arbeitete er bei den Istanbuler Verkehrsbetrieben, seit dem Militärputsch 1980 engagierte er sich hauptberuflich in der islamischen Partei seines Mentors Necmettin Erbakan. Die verlor jahrelang zuverlässig sämtliche Wahlen. Erdogan erschien damals als Loser in einer Verlierertruppe. Denn egal, wer regierte – die Macht hatte seinerzeit die allmächtige Armee, eingeschworen auf die Ideologie des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk. Und in der hatten arme Schlucker aus Anatolien nur dann einen Platz, wenn sie ihre Herkunft und besonders ihre Religion hinter sich ließen, Elite-Gymnasien und hervorragende Universitäten besuchten, und so taten, als hörten sie am liebsten Beethoven.

Doch dann, 1994, geschah das Unglaubliche: Erdogan, damals 40, wurde zum Bürgermeister von Istanbul gewählt, der einstigen Hauptstadt von Byzanz, der einstigen Hauptstadt des osmanischen Reiches. Die war inzwischen zu einer hässlichen Millionen-Metropole aufgequollen, in der täglich Tausende von Armutsmigranten und Bürgerkriegsflüchtlingen Zuflucht suchten, die in rasant wachsenden Slums unterkrochen. Damals floss in Istanbul zumeist weder Wasser aus dem Wasserhahn, noch kam Strom aus der Steckdose. Und Erdogan sprach von Scharia, und davon, dass Ballett Pornographie sein.

Das Establishment lehnte sich zurück: Das konnte nicht gut gehen. Doch die Probleme der 15 Millionen Einwohner Istanbuls machten Erdogan zum Pragmatiker. Er erwies sich als hervorragender Manager und Bürgermeister. Das Goldene Horn, einst eine stinkende Kloake, wurde zum Ausflugsziel, die Müllabfuhr kam pünktlich, arme Istanbuler Kinder hatten jetzt vernünftige Spielplätze – und Ballett gab es immer noch zu sehen.

Erdogan mischt sich in alles ein

Neun Jahre später wurde Erdogan Ministerpräsident der Türkei. Zwei Legislaturperioden lang ging alles bestens: Die Wirtschaft boomte, aus einer einst drittklassigen Nation wurde ein "Global Player", der Konflikt mit den Kurden schien entschärft. Die Armee verschwand in den Kasernen, das Land schien endlich versöhnt mit dem Islam und der kemalistischen Revolution dagegen.

Doch dann, in seiner dritten Amtsperiode, gefährdete Erdogan ohne Not sein Lebenswerk und seine politische Zukunft, indem er im letzten Jahr ein zunächst winziges Häufchen von harmlosen Demonstranten im Istanbuler Gezi-Park mit Tränengas, Pfefferspray, Wasserwerfern, Knüppeln und Fußtritten traktierte. Die wollten den Bau eines Einkaufszentrums verhindern, Erdogan betrachtete das als persönlichen Verrat.

Plötzlich rebellierten im ganzen Land Wutbürger gegen ihren Ministerpräsidenten, der sich längst auch zur Gouvernante der Nation aufgeschwungen hatte. In alles mischte er sich ein: Die Türken sollen seiner Meinung nach nicht trinken, nicht twittern, nicht knutschen, wenig Salz essen, mindestens drei Kinder bekommen - aber ohne Kaiserschnitt, bitte schön. Sie sollen beten und shoppen, ihr Leben zwischen Moschee und Shopping-Mall gestalten und erbauliche Fernseh-Serien sowie Theaterstücke betrachten. Ungeliebte Journalisten wanderten hinter Gitter, ebenso wie "Gotteslästerer".

Der Aufstand verpuffte

Doch der Aufstand des letzten Sommers verpuffte. Zwar sank die Lira in den Keller, zwar brach die Börse zusammen, zwar flohen ausländische Investoren - aber all das konnte Erdogan offenbar nichts anhaben. Und auch nicht die vielen Enthüllungen, die vermutlich die einflussreichen Anhänger Fethullah Gülens lanciert haben, einem türkischen Prediger, der im US-amerikanischen Pennsylvania residiert und einer Art islamischen Opus Dei vorsteht. Bis zum letzten Sommer marschierten Erdogan und Güllen Hand in Hand, doch im letzten Sommer trennten sich offenbar ihre Wege. Seither jagte auf den sozialen Netzwerken ein Scoop den nächsten, untermauert von Telefonmitschnitten, die selbst Erdogan nicht dementieren konnte.

Seither wissen die Türken, dass ihr Premier korrupt ist, Staatsanwälte nach Gusto entlässt, daheim weit mehr als 30 Millionen Euro hortete und einen Angriffskrieg gegen Syrien plante. Gestört hat sie das offenbar nicht. Und darum stehen der Türkei jetzt turbulente Zeiten bevor. Denn Erdogan hatte diese Kommunalwahlen von Anfang an zu einer Abstimmung über sich selbst stilisiert. Jetzt, da er gewonnen hat, wird es kaum jemand mehr wagen, gegen ihn aufzubegehren.


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