Türkisches Militär Ein Käfig voller Kurzzeit-Helden

Vorm Militär sind alle gleich. Und jeder Türke muss hin, auch wenn er seit über 30 Jahren in Deutschland lebt, wie stern-Grafiker Ibrahim Kepenek. In seinem Buch "Rühr dich, Kanake!" beschreibt er seine Zeit mit anderen Exiltürken.
Von Ibrahim Kepenek

Zu viert betreten wir den Vorplatz zur Kaserne, es ist 16 Uhr 30. Dort stehen schon Hunderte von Männern und warten. In der Schlange von jeweils fünf Leuten nebeneinander, alles militärisch geordnet, kommt man schnell ins Gespräch. Es folgen die üblichen Fragen, woher du aus der Türkei kommst, wie alt du bist, was du beruflich machst, wo du genau im Ausland wohnst. Es sind Türken aus aller Welt da, hauptsächlich aber aus Europa, rund die Hälfte aus Deutschland. Auf diese Standardfragen zu antworten, fällt mir zum Glück nicht schwer, nur bei schwierigen Themen fehlen mir oft die passenden Worte. So, wie wir jetzt in die Kaserne kommen, bleiben wir auch zusammen: Jeweils 25 Leute bilden die kleinste Einheit, auf Türkisch Manga, mein Zug. In diesem Augenblick entscheidet sich Wohl oder Weh - wenn man Pech hat, gerät man in einen Trupp voller Chaoten.

Über das Buch

Jeder Türke, auch wenn er im Ausland lebt, muss Militärdienst leisten - in der alten Heimat, die den meisten zwar am Herzen liegt, aber über die Jahre doch auch fremd geworden ist. Drei Wochen dauert der "Militärdienst light" - von den eigentlich vorgeschriebenen 15 Monaten kann man sich gegen eine Gebühr von 5000 Euro freikaufen -, und wer ihn absolviert, erlebt Kurioses, Groteskes und Beunruhigendes.

Ibrahim Kepenek hat diese drei Wochen erlebt, gemeinsam mit gestandenen Familienvätern, Unternehmern, Akademikern, kleinen Händlern und großen Aufschneidern aus aller Welt. Alle über dreißig und eigentlich viel zu alt, um nachts in Etagenbetten zu schlafen und sich tagsüber herumkommandieren zu lassen. Man schläft nach Körpergröße sortiert, trägt schlecht sitzende Uniformen, und das Ziel des dreiwöchigen Drills scheint es zu sein, einmal eine Parade vor dem Standortkommandanten abzuhalten.

Was aber, wenn die es doch ernst meinen? Die Angst vor Bestrafung in einem Land, in dem das Militär immer noch eine eigene Macht im Staate ist, marschiert immer mit. Sehr eindringlich, mit einem scharfen Blick für das Absurde, aber auch das unterschwellig Bedrohliche daran, beschreibt Ibrahim Kepenek diese drei Wochen, die für ihn persönlich auch zu einer Suche nach den eigenen Wurzeln werden.

"Rühr dich, Kanake! Drei Wochen Kebab und Kaserne" ist im Kiwi-Verlag erschienen und seit dem 27. August 2007 für 7,95 Euro im Handel erhältlich.

Alle müssen zu Militär: Kinder von Gastarbeitern und reiche Söhnchen

Insgesamt über viertausend Türken aus dem Ausland kommen an diesem Wochenende an. Viermal im Jahr, im Januar, April, Juli und Oktober, die gleiche ungewöhnliche Zusammenkunft von eigentlich viel zu alten behäbigen Männern - aufs Jahr verteilt mehr als zehntausend Menschen. Für den türkischen Staat macht das fast 50 Millionen Euro, keine so unerhebliche Summe. Die Wahl des Zeitpunktes ist einem selbst überlassen, man kann das mit dem Konsulat abstimmen.

Es sind aber nicht nur die Kinder der alten Gastarbeiter hier versammelt. Auch die verwöhnten Söhne aus der sehr reichen Elite der Türkei sind zahlreich vertreten. Indem die Familien ihre Söhne zum Studium ins Ausland schicken, haben diese nach mehr als drei Jahren das gleiche Recht wie wir Almançi: sich quasi freikaufen zu können. Ihre Kontakte nach oben sichern ihnen in der Kaserne ein durchaus bequemes Leben. Sie bekommen sogar bessere Stiefel als der Rest.

Nicht zu vergessen die dritte Fraktion: die der Geschäftsleute, Männer wie Erol, der in Kasachstan sein Glück versucht. Erol ist für türkische Verhältnisse sehr groß, fast einen Meter neunzig, und mit seinen 32 Jahren ist er schon glatzköpfig. Er kommt aus Hatai, das liegt heute an der Grenze zu Syrien und gehörte früher dazu, weshalb seine Einwohner zum Teil noch Arabisch reden. Überhaupt ist dort die Bevölkerung sehr gemischt, erzählt mir Erol: Christen, Juden, Zigeuner. Man versteht sich. Ein Überbleibsel aus alter osmanischer Zeit. (...)

Über den Autor

Ibrahim Kepenek wurde 1969 in Sivas in der Türkei geboren. Mit drei Jahren kam er nach Deutschland, wo er in Köln- Mülheim aufwuchs. Nach dem Abitur studierte er Geschichte und Germanistik und arbeitete als freier Journalist für den "Deutschlandfunk". Nach zwei Jahren als Redakteur bei "VIVA 2" studierte er Grafik-Design in Hagen. Seit acht Jahren lebt er in Hamburg und arbeitet dort als Grafiker für den stern.

Soldat spielen, sonst droht Ärger

Deutschland ist eines der ganz wenigen Länder, wo eine doppelte Staatsbürgerschaft langfristig nicht möglich ist. Hier gilt zudem noch das Abstammungsprinzip, "ius sanguis". Du bist Deutscher, weil deine Eltern Deutsche sind, nicht weil du hier geboren bist. Ich bin in der Türkei geboren, was mich erst mal automatisch zum Nicht-Deutschen macht.

Ich habe mit 19 Jahren den deutschen Pass beantragt, und seitdem habe ich neben dem türkischen Ausweis auch einen deutschen. Solange ich meinen Militärdienst in der Türkei noch nicht gemacht habe, kann ich meine türkische Staatsbürgerschaft behalten. Danach muss ich sie abgeben. Im Grunde sind mir Nationalitäten nicht so wichtig, aber meine Eltern leben in der Türkei. Wenn ihnen etwas zustößt, will ich keine Probleme bei der Einreise haben. Sollte ich meinen Militärdienst nicht machen, gelte ich als fahnenflüchtig und könnte sie dort nicht mehr besuchen - mir droht dann Ärger an der Grenze oder gar Gefängnis. Deswegen bin ich jetzt hier und werde die nächsten drei Wochen Soldat spielen. Eine Sache, die mir absolut widerstrebt. (...)

"Was soll das? Ihr seid ein echt müder Haufen", donnert er (der Feldwebel, d. Red.) und lässt uns mehrere Male stillstehen und rühren, bis er einigermaßen zufrieden ist. "Gestern hat einer von euch erneut die Toilette verstopft", ruft er mit hochrotem Gesicht und lässt einen Gefreiten eine verdreckte, ursprünglich wohl mal weiße Unterhose holen. Der Gefreite trägt die braune Unterhose auf einem Holzstock und sieht damit aus wie ein Fahnenträger. "Wisst ihr, wo wir die herausgeholt haben?" Der Gefreite zieht mit der stinkenden Unterhose an uns vorbei. "Aus einem der Klos. Nicht einmal ein Penner würde so etwas hinterlassen. Findet ihr das komisch: ein Riesenscheißhaufen mitsamt einer Unterhose? Es ist doch klar, dass so etwas nicht heruntergespült werden kann und alles verstopft."

Drei Wochen Drill

Ob Akademiker oder Autohändler: vorm Militär sind alle gleich. Und jeder Türke muss hin. Auch, wenn er seit über 30 Jahren in Deutschland lebt, wie unser Kollege Ibrahim Kepenek. Mehrmals hatte er sich vom Dienst zurückstellen lassen. Doch mit dem näherrückenden 38. Geburtstag war ihm klar: Jetzt muss ich ran, sonst gibt's Probleme. Gegen eine Gebühr von 5000 Euro konnte er - wie alle Türken, die im Ausland leben - die vorgeschriebenen 15 Monate auf drei Wochen verkürzen. Doch auch die hatten's in sich.

Tschüß Hamburg, Tschüß Freunde und Kneipen - in der Kaserne von Burdur erwarteten ihn andere Dinge: Etagenbett statt Altbauwohnung, Suppenküche statt Milchkaffe. Und dazu eine bunt gemischte Solidargemeinschaft von "Exiltürken" aus aller Welt. Alle über 30, alle mitten im Leben stehend - ein Leben, das sie zurücklassen mussten, um in schlecht sitzenden Uniformen Kippen vom Kasernenhof zu sammeln. Grotesk, aber auch bedrohlich ist es für alle Beteiligten. Den meisten von ihnen die Türkei völlig fremd, ein Urlaubsland aus der Kindheit, das sie nun, jeder für sich, neu entdecken.

Von Andrea Ritter, stern-Redakteurin

Scheißen und dann flüchten?

Wir schauen voller Ekel auf die braune Unterhose und können es fast nicht glauben.

"Dann hat derjenige die Toilette von innen verschlossen, damit seine Tat nicht sofort entdeckt wird, und ist von oben über die Holzkabine geflüchtet. Unsere Leute dachten zunächst, dass die Tür einfach verschlossen ist. Heute Morgen mussten wir sie dann aufbrechen und haben das Klo verstopft aufgefunden. Was denkt ihr euch eigentlich bei so etwas? Macht ihr das auch zu Hause? Scheißen und danach flüchten? Was ist das für ein unsoziales Verhalten gegenüber unseren Soldaten, die das alles sauber machen müssen? Wir werden die Toilettenhäuschen am Teegarten von jetzt an verschließen", brüllt er nach wie vor übel gelaunt und löst uns auf.

Wir schlendern zum Teegarten. "Komische Sachen passieren hier", sage ich, immer noch irritiert von dem wütenden Auftritt des Feldwebels. "Man kann sich gar nicht vorstellen, wieso das einer unserer Kameraden gemacht hat", sage ich zu Recep. "Es gibt kein Toilettenpapier auf den Klos. Und du weißt ja selbst, wie billig hier Unterhosen sind. Da hat sich einer gedacht: Damit kann man sich super den Hintern abputzen", sagt er lachend. "Ich käme nie auf die Idee, das Klo abzuschließen und von oben rauszuklettern. Das ist völlig irre."

"Hier laufen schon einige Witzbolde herum. Die haben nicht mal einen IQ von 70", scherzt Vedat, der sich zum Gespräch gesellt. "Unsere Eltern kannten vielleicht nur Plumpsklos. Aber wirklich, ich meine, die Leute hier sind im Ausland groß geworden oder leben da schon lange. Da kann man doch ein bisschen mehr erwarten", sage ich und sehe, wie ein Gefreiter auf das Toilettenhaus zugeht, und bin erstaunt, dass es tatsächlich abgeschlossen wird.

Disziplin auch wenn die Blase drückt

Eigentlich dürfen wir tagsüber nicht in unser Gebäude, wo es auf jeder Etage Toiletten gibt, aber jetzt haben wir wohl keine andere Wahl mehr. "Schaut euch das an! Da pinkelt einer gegen das Toilettenhaus", sagt Özkan.

In diesem Moment sieht das der Feldwebel und läuft zu dem Mann, der mit seinen schon ergrauten Haaren viel älter aussieht als der Rest von uns. Der Feldwebel ist außer sich vor Wut, verliert die Beherrschung, schreit wie ein entfesselter Orkan, kriegt sich aber bald wieder ein, als er die Traube von Menschen um sich herum bemerkt. Wir nähern uns den beiden, um besser mitzubekommen, was passiert. "Ich hatte im letzten Jahr eine Operation an der Prostata. Muss seitdem sehr oft pinkeln und kann das kaum noch zurückhalten", erklärt der grauhaarige Mann. "Dann piss dir gefälligst in die Hose und nicht gegen die Wand. Wir sind hier beim Militär, und für uns alle gilt Disziplin", brüllt der Feldwebel mit einem vor Zorn verkniffenen Gesichtsausdruck.

Sein Gegenüber ist mindestens zehn Jahre älter als er, und in der Türkei muss man eigentlich Älteren Respekt entgegenbringen, und schließlich hat der Mann eine vernünftige Erklärung für sein Verhalten. Der Feldwebel beruhigt sich also langsam und lässt das Toilettenhaus wieder aufschließen. Dann schickt er die Gefreiten weg, die den Alten in Gewahrsam nehmen sollten. Viel Wirbel um nichts!

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