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stern-Reporter in Tunesien: Putzen nach dem Blutbad

Tunesien tut sich schwer mit der Trauer. Spuren werden schnell entfernt, Politiker kündigen mehr Polizei an - und niemand will aussprechen, was viele befürchten: dass Touristen das Land meiden werden.

Ein Mann trägt einen Schlauch über die Straße, aus dem Wasser fließt

Nach dem Anschlag haben im Hotel in Tunesien die Aufräumarbeiten begonnen

Nur wenige Stunden, nachdem eine der schlimmsten Tragödien des Landes passiert war, machen die Tunesier den Tatort schnell sauber: Ein Angestellter spritzt mit einem gelben Gartenschlauch das Blut vor dem Hoteleingang weg, andere wischen den Boden in der großen Vorhalle blank. Adrett angezogene Kellner servieren nachmittags um 17 Uhr Bier und Wein an die Urlauber, die völlig geschockt sind und eigentlich nur eines wollen: schnell weg.

Am Strand, der notdürftig abgesperrt wurde, liegen abends noch Leichen in schwarzen Säcken auf den blutverschmierten Liegestühlen. Polizisten in Jeans und T-Shirt, die Pistolen tragen, schirmen den Bereich ab. Mitarbeiter ausländischer Botschaften sprechen mit Reiseveranstaltern, die seit Stunden versuchen, alle ihre Gäste per Handy zu erreichen. Einige Verletzte wurden wahllos in Krankenhäuser eingeliefert, andere sind aus Angst aus dem Hotel geflohen und haben sich irgendwo versteckt.


Ruhig und mit gezielten Schüssen

Der Mann, der dieses Blutbad angerichtet hat, soll aus dem Meer gekommen sein, angeblich mit einem Surfbrett; manche wollen auch einen Jet-Ski gesehen haben. Andere behaupten, er habe seine Waffe in einem Sonnenschirm versteckt. Wie in einem Videospiel nahm er sich die Urlauber als Zielscheiben vor, zunächst jene am Strand, die es sich auf den weißen Liegestühlen gemütlich gemacht hatten und sich auf das 22 Grad warme Mittelmeer freuten. Dann ging er vorbei am Getränkeausschank und spazierte zum großen Pool, schoss einmal gegen die Glaswand neben dem Eingang und betrat die große Halle. Er trug ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze, kurze Hose. Er soll während seiner Tat in aller Ruhe herumgelaufen sein und geschwiegen haben, schon gar nichts gerufen haben. Er soll fast alle Opfer gezielt mit einzelnen Schüssen ermordet haben. 

Der Journalist Gerald Drißner steht in Tunesien vor dem Hotel, in dem der Anschlag stattgefunden hat

Gerald Drißner berichtet für den stern aus Tunesien

Ein Urlauber aus Bayern, der erst früh morgens am Tag des Anschlags ankam, war in der Lobby und beobachtete den Täter von der Galerie aus: "Ich war keine zehn Meter von dem entfernt. Einen Gast hat er bis in den ersten Stock verfolgt. Ich traute mich nicht mehr in mein Zimmer, denn ich dachte, der geht jetzt jeden Raum durch."

Andere Leute hätten sich im Kühlraum in der Küche verbarrikadiert und Angst gehabt, dass der Täter durch das einzige Fenster eindringen könnte. Der Mann aus Bayern, der anonym bleiben möchte, versuchte, einem angeschossenen Mann zu helfen, der aus dem Bauch blutete. "Ich bekomme den Blutgeruch seitdem nicht mehr aus meiner Nase", sagt er. "Ich will schnellstmöglich abreisen." Auch die Ersthelfer, die später eintrafen, waren mit der Situation überfordert: Augenzeugen berichten, dass einige schwer verletzte Gäste gefragt wurden, ob sie eine Versicherung hätten, sonst könne man sie nicht behandeln.

Ein halbstündiger Albtraum

Ein Mitarbeiter des Hotels erzählt, dass der Hotel-Direktor unverletzt blieb - aber auch viel Glück hatte, denn auch er wäre in der Lobby fast erschossen worden. Eine halbe Stunde dauerte der Albtraum für die Urlauber, bis endlich Hilfe kam: Ein Mann mit einer Pistole, der chancenlos war. Kurze Zeit später eilte jemand mit einem Maschinengewehr herbei. Der Täter flüchtete aus dem Hotel - und wurde später erschossen. 


Mehr als 30 Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Viele ausländische Opfer waren Briten und Belgier. Ein Angestellter sagte, dass auch eine ältere Deutsche, die zu den Stammgästen zählte, getötet wurde. Offiziell bestätigt wurde dies jedoch nicht.

Über den Täter ist bislang noch nicht viel bekannt: Er soll Seifeddine Rezgui heißen, 1992 geboren und ledig sein, berichtet die Zeitung "al-Chourouk". Aufgewachsen sei er im Landkreis Gaafour in der Region Siliana, einer grünen, aber sehr armen Gegend, gut zwei Autostunden südwestlich von der Hauptstadt Tunis. Der einzige große Arbeitgeber dort ist der Automobilzulieferer Dräxlmaier. Später soll Seif al-Din ("Schwert der Religion") in Kairouan, dem religiösen Zentrum des Landes, Technik studiert und vor einem Jahr den Abschluss gemacht haben.

Das Land schweigt

Auch im Ort El-Kantaoui ist nach dem Anschlag nicht viel von der Tragödie zu spüren. Junge Tunesier fahren auf Mopeds herum, es gibt nur eine Polizeikontrolle. Touristen aber sieht man kaum. El-Kantaoui ist ein kleiner Ort an der Mittelmeerküste, den es noch gar nicht so lange gibt. In den 1970er Jahren wurden hier Ferienträume für die Arbeiterklasse an den Strand betoniert. Heute stehen dort riesige Hotels, die es zwar nicht mehr mit der Konkurrenz in der Türkei oder Spanien aufnehmen können, aber immerhin zu den besten Tunesiens zählen. Im "Imperial Marhaba", einer riesigen Anlage mit fünf Sternen, in der am Tag des Anschlags 600 Gäste untergebracht waren, bekommt man eine Woche Urlaub für 600 Euro, Flug und Essen inklusive. 

Das offizielle Tunesien diskutiert nicht; nicht darüber, was an diesem Tag passiert ist; auch nicht darüber, ob es ein Amoklauf war oder ein terroristischer Anschlag. Der Täter war ein Terrorist, darüber waren sich alle sofort einig. Vor allem aber tut sich das offizielle Tunesien schwer damit, zu trauern und zuzugeben, was für eine Katastrophe passiert ist. Drei Stunden nach dem Anschlag sendete das Staatsfernsehen auf beiden Kanälen eine fast 60 Minuten lange Predigt zum Fastenmonat Ramadan, statt über den Anschlag zu berichten. Später am Nachmittag vermeldeten die Nachrichten einen "Angriff auf ein Hotel" und schalteten just zum Korrespondenten nach Frankreich, wo am selben Tag ebenfalls ein Anschlag passiert war. Erst abends gab es Sonderberichte. Was es abends im Staatsfernsehen aber auch zu sehen gab, war ein gut fünfminütiger Werbefilm für die Sicherheitskräfte, der mit martialischer Musik unterlegt war: Gezeigt wurden Einsätze von Polizei, Militär, Spezialeinheit und Zoll. Der 88-jährige Präsident, Beji Caid Essebsi, war wütend und wusste nichts anderes, als in einer ersten Stellungnahme schärfere Sicherheitsmaßnahmen anzukündigen.

Diskussionen um neue Sicherheitsgesetze

Dabei stehen bereits seit Herbst vergangenen Jahres an jedem Kreisverkehr des Landes Polizisten und kontrollieren Fahrzeuge. Im Frühjahr hatte der Innenminister angekündigt, dass er das Spitzelwesen wieder einführen wolle. Seit Wochen diskutieren Politiker und Medien über neue Sicherheitsgesetze, die das Land wieder zu einem Polizeistaat machen würden. Einen Anschlag wie diesen aber, der keine spezielle Planung braucht und keine speziellen Opfer, kann keine Überwachung verhindern.

Es ist eine neue Art von Terror. Der Mann, der aus dem Meer kam, hat die Träume aller Urlauber zerstört - nicht nur in Tunesien.


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  • Gerald Drissner