TUNNELUNGLÜCK Ein Dorf unter Schock

Airolo, das 1700-Seelen-Dorf an der Südausfahrt des Gotthard-Tunnels steht unter Schock. Beißender Qualm liegt auch am Tag nach der Katastrophe in der Luft. Rund 80 Menschen sind noch als vermisst gemeldet.

Beißender Qualm liegt auch am Tag nach der Katastrophe im Gotthard-Tunnel noch in der Luft von Airolo. Hubschrauber knattern in der Luft. Das 1700-Seelen-Dorf an der Südausfahrt des Tunnels steht unter Schock. Vor der Absperrung ist der Blick frei auf den Furcht erregenden schwarzen Schlund der Unglücksröhre.

Mitten im Ort stecken die Dorfbewohner die Köpfe zusammen. Mit vor Schreck geweiteten Augen sagt Maurer Pietro Pantanori: »Normalerweise fahre ich jeden Tag durch den Gotthard- Tunnel, zur Arbeit nach Luzern, aber gestern, gestern musste ich wegen meiner Familie in Airolo bleiben.« Ihm versagt die Stimme. Er ist dem Horror jedes Autofahrers entkommen: Unfall, Feuer und kaum eine Chance, einen Weg aus der Todesfalle zu finden.

Noch ist unbekannt, wie viele Menschen die Fahrt durch das Alpen- Nadelöhr mit dem Leben bezahlen mussten. Nur so viel weiß man am Donnerstagnachmittag: neun Männer und eine Frau haben das Inferno nicht überlebt. Feuerwehrleute haben sechs Leichen auf der Fahrbahn und vier in ausgebrannten Wagen entdeckt. »Grausame Bilder« hätten die Feuerwehrleute im Kopf, die sich durch den nur 2,5 Meter breiten Sicherheitsstollen am weitesten an die Unfallstelle kurz vor dem Südportal vorwagten, sagt ein Polizeisprecher in Airolo.

Sobald es die zum Teil eingestürzte Tunneldecke und die Temperatur erlauben, sollen von der Nordseite her die ersten Toten geborgen werden. Nahe Belinzona, rund 50 Kilometer südlich von Airolo, werden sie gerichtsmedizinisch untersucht und identifiziert. Dort wird auch ein Betreuungs-Zentrum für die Angehörigen der Opfer eingerichtet.

»Keine Diskussion über Sicherheit beginnen«

Fast beschwörend appellieren die Offiziellen der Kantonsregierungen Tessin und Uri sowie die Sprecher der Sicherheitskräfte an die Öffentlichkeit, angesichts des Todes keine Diskussion über die Sicherheit des über 17 Kilometer langen Tunnels zu beginnen. »Es geht jetzt nicht um Fragen der Mobilität«, sagt der Tessiner Kantonsvertreter Luigi Pedrazzini und wehrt damit Fragen der Journalisten im überfüllten Gemeindesaal Airolos ab.

Doch in dem verkehrsgeplagten Dorf will man nicht schweigen. »Es musste einmal passieren«, meint Maria Nono. Die resolute Kioskverkäuferin nimmt kein Blatt vor den Mund. »Immer haben sie uns gesagt, «unser Tunnel» ist sicher. Und nun sehen Sie es ja«.

Gisela Mackensen


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