TV-Duell Hohn und Spott für John McCain


Die Fraktion der Obama-Shirt-Träger und Change-Button-Fans in New York kennt den Sieger schon vor dem Anpfiff des Duells Obama gegen McCain - anders als die Fernsehkommentatoren in der Nachberichterstattung. Ihr Urteil über den Abend des ersten TV-Duells: Ein Unentschieden.
Von Sonja Hartwig

Wenn Obama-Anhänger etwas Positives darüber sagen sollen, wie sich John McCain beim TV-Duell geschlagen hat, zucken die Mundwinkel, die Augenbrauen ziehen sich nach oben, die Stirn legt sich in Spalten. Und selbst der immer für einen Konter gute Komiker, der vor einer Minute noch darüber scherzte, dass es nur einen Punkt gibt, in dem der Republikaner nicht auf dem hintersten Platz landet, nämlich im Vergleich mit George W. Bush, kommt ins Stottern: "Ja, also ich denke, es ist gut, dass er lebt." Andere: "Dass er doch gekommen ist, sich nicht gedrückt hat"; dass er das "N-Wort" (Neger) nicht benutzt hat", "Dass er es geschafft hat 90 Minuten stehend durchzuhalten". Für den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner haben "Change-Enthusiasten" kein gutes Wort übrig.

Eine Szenebar für junge Künstler im Süden Manhattans, auf der Leinwand: das TV-Duell. Republikaner vs. Demokrat. Oder laut Vorankündigungsprospekt: "The Rock" Obama gegen John "Lame, Same, Insane" McCain. Es ist wie bei einem Play-Off-Spiel der New York Yankees. Die Fans nippen an ihren Bierdosen, starren auf die Leinwand, ein paar stehen auf ihren Stühlen. Sie buhen den Gegner aus, bibbern mit ihrem Spieler. Das junge New York hat seit diesem Wahlkampf eine neue Lieblingsbeschäftigung: Barack Obama zujubeln.

So wie in der Szenebar war es an vielen Orten im Land: Auf mybarackobama.com hatten die Demokraten zu Duellpartys eingeladen. Im Staat New York stiegen über 200 Feiern. Die Mottos: "Debate and Dinner", "Debate and Drinks" oder "Debate and Dance". Der politische Nachwuchs der Republikaner zog sich hingegen in die eigenen Clubhäuser zurück – zu Bier und Wein. Selten, dass die zusammenrückten, die nicht den selben anfeuerten – die Fans kannten ihren Gewinner schon vorher, die politischen Lager waren sich nachher ihres Sieges sicher.

McCains Sprecherin Nicole Wallace trat strahlend vor die Kameras und gratulierte ihrem Kandidaten zu einem glänzenden Auftritt. "Senator McCain wollte deutlich machen, dass Barack Obama zu unerfahren ist und in vielen außenpolitischen Fragen schlichtweg keinen Durchblick besitzt. Das ist ihm hervorragend gelungen." Joe Biden, Obamas Vize-Kandidat, konnte über so viel Angriffslust nur lachen. Barack Obama habe gezeigt, warum er der einzig würdige Kandidat für den Präsidentenposten ist. Mit Vorfreude blickt Biden auf seinen eigenen Auftritt am Donnerstag. "Ich hoffe, Frau Palin vertritt die gleichen Ansichten wie Senator McCain. Dann wird das ein großer Spaß."

Die TV-Kommentatoren des Landes konnten sich keiner der beiden Seiten anschließen. Ihr Fazit: Gleichstand zwischen Obama und McCain. Umstritten blieb, wer davon in den nächsten Wochen profitiert. Der CNN-Analist Alex Castellanos sah den strategischen Vorteil auf Seiten des Republikaners. "Durch diese katastrophale Woche ist McCain ins Hintertreffen geraten. Daher kann er mit dem Unentschieden zufrieden sein." Dem widersprach Harvard Professor David Gergen. McCain habe in seinem Metier, der Außenpolitik, einen klaren Sieg gebraucht, sagte er im Anschluss an die Debatte, "doch den hat er eindeutig verfehlt."

Beim konservativen Sender Fox waren die Meinungen ebenfalls geteilt. Während Margaret Hoover, Urenkelin des ehemaligen Republikanischen Präsidenten Herbert Hoover, McCains detailliertes Wissen über die Zustände in allen Weltregionen positiv hervorhob, sagte Analystin Tanya Ackers: "Er war in der Lage, die großen weltpolitischen Themen mit den Sorgen und Nöten der amerikanischen Bevölkerung in Verbindung zu bringen." In ihren Augen entschied Obama das Rennen für sich - zur Freude der Obama-Fans in New York. Wenn sie etwas beanstanden sollen an dem Verhalten des Demokraten, sagen sie, er solle aggressiver sein. "Nicht so scheu und schüchtern", "progressiver: auch mal angreifen". Gewonnen hat er für sie trotzdem. Und das, bevor der Schlagabtausch begonnen hatte.


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