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Eskalation durch Putin Was auch passiert – die Ukrainer müssen selbst entscheiden, wann Schluss ist

Ukrainische Soldaten fahren auf einem gepanzerten Fahrzeug
Ukrainische Soldaten in der Region Charkiw. Eine überwältigende Mehrheit er Ukrainer glaubt weiterhin an den Sieg
© Yasuyoshi Chiba / AFP
Angesichts der jüngsten Erfolge der ukrainischen Streitkräfte flüchtet sich Putin in die Eskalation. Wir dürfen uns davon nicht davon abschrecken lassen – und müssen den Menschen in der Ukraine das letzte Wort garantieren.

Frieden zwischen der Ukraine und Russland wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Putin, der buchstäblich mit dem Rücken zur Grenze steht, sucht sein Heil in der Eskalation. Vergangene Woche erklärte der Kremlchef, weitere 300.000 Menschen zum Überfall auf das Nachbarland zu zwingen. Ob das ein Akt der Verzweiflung ist, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall aber zeigen sowohl die Teilmobilisierung als auch die bevorstehende Annexion der vier russisch kontrollierten Gebieten in der Ostukraine, dass Putin keineswegs zur Umkehr bereit ist.

Nach dessen Ankündigung, weitere Hunderttausende in seinen Wahn zu ziehen, lautete die Botschaft der westlichen Verbündeten fast unisono: Jetzt erst recht! Gut so. Doch zeitgleich regt sich Furcht in der Bevölkerung, auch hierzulande. Die Furcht davor, dass die Faust des russischen Oberbefehlshabers – ob aus Trotz oder Kalkül – doch noch auf den roten Knopf schlägt. Aber jetzt ist nicht die Zeit, sich dem Zähnefletschen aus Moskau zu beugen. 

Ukraine-Krieg: Soldaten patrouillieren im Winter an der Grenze zu Russland

Es liegt es nicht an uns, ein Preisschild auf das Kriegsende zu kleben

Im Gegensatz zum autokratischen Russland sind die Demokratien des Westens auf die Rückendeckung ihrer Bevölkerungen – auf uns – angewiesen. Allerdings hat unsere Anteilnahme ein Verfallsdatum. Schock wird zu Wut, dann zu Mitgefühl und irgendwann zur Gleichgültigkeit. Die vom Kreml gezielt befeuerte Angst vor einem Nuklearschlag könnte diesen natürlichen Prozess noch beschleunigen. Das ist die eigentliche Gefahr.

Dem "RTL/ntv Trendbarometer" zufolge glauben 61 Prozent der Deutschen nicht daran, dass die Ukrainer die Invasoren auf breiter Front zurückdrängen könnten. Ende August forderten Umfragen zufolge mehr als drei Viertel der Bevölkerung, der Westen müsse nun Verhandlungen zwischen Ukrainern und Russen einleiten. Doch liegt es nicht an uns, ein Preisschild auf dieses Leid zu kleben.

Was wohl die wenigsten abstreiten: Die Ukraine hat ein Recht darauf, sich zu verteidigen. Trotzdem – das war und ist der Standpunkt vieler Kritiker – muss auch Selbstverteidigung an die Grenzen der Verhältnismäßigkeit gebunden sein. Wie die Welt in vergangenen Pandemiejahren jedoch auf die harte Tour lernen musste, ist dieser Begriff dehn- und eben nicht immer objektiv bewertbar. Natürlich ist es von außen bequem, vielleicht sogar verständlich, den Krieg auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung herunterzubrechen. Doch wäre das gelinde gesagt zynisch angesichts der Diskrepanz zwischen Erahnen und Erleiden.

Ukrainer glauben felsenfest an den Sieg

"Wenn Russland aufhört zu kämpfen, ist der Krieg zu Ende. Wenn die Ukraine aufhört zu kämpfen, ist die Ukraine am Ende", brachte es US-Außenminister Anthony Blinken in einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats auf den Punkt. Den Ukrainern gebührt das letzte Wort – egal, wie kalt unser Winter, oder wie heiß der Dampf, der aus Putins Nüstern schießt.

Wann es genug ist, das entscheiden nicht die Zuschauer, die das Sterben aus der Ferne betrachten, sondern die Akteure. Und die sehen die Sache eben anders. Einer Studie des US-amerikanischen "International Republican Institute" zufolge glauben 98 Prozent der Ukrainer weiter an einen Sieg. Wohlgemerkt: Dies sind Umfragewerte von Juni – lange, bevor die Blitzoffensive die russischen Truppen im Norden teils bis an die eigenen Grenzen zurücktrieb und Medien weltweit einen "Wendepunkt" attestierten. Für mehr als die Hälfte der Bevölkerung, so berichtet die Nachrichtenagentur Ukrinform Ende August, bedeutet ein "Sieg" die Wiederherstellung der ukrainischen Souveränität über das gesamte Landesgebiet, einschließlich der Krim.

Was die kommenden Wochen bringen, wird man erst im Nachhinein sagen können. Die kurzzeitige Hoffnung auf Verhandlungen ist mit den jüngsten Hassgrüßen aus Moskau jedenfalls weiter in die Fernen des Konjunktiv gerückt. Doch der Zeitpunkt zum Reden wird kommen. Fest steht: Was auch passiert – die Ukrainer müssen entscheiden, wann es soweit ist.

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