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Eingesperrt im Stahlwerk "Jeder Tag fühlte sich an, als wäre es der letzte": Befreite Menschen berichten vom Horror in Azovstal

Eine Frau sitzt mit ihrem Kind in einem Evakuierungsbus, der die Menschen aus dem Azovstal-Werk wegbringt
Sie haben es rausgeschafft: Eine Frau sitzt mit ihrem Kind in einem Evakuierungsbus, der die Menschen aus dem Azovstal-Stahlwerk wegbringt
© Chris McGrath / Getty Images
Eingesperrt im Dunklen, kaum Nahrung und ständige Todesangst: So erging es mehr als Hundert Menschen, die in einem Stahlwerk in Mariupol über Wochen festsaßen. Nun sind einige frei und berichten von den traumatischen Erlebnissen.

Lange Zeit wusste die Welt nicht, was im Stahlwerk Azovstal in Mariupol vor sich ging. Als die russischen Truppen ihre Angriffe auf die ukrainische Hafenstadt verschärften, hatten dort Hunderte Menschen Zuflucht gesucht. Mehrere Wochen lang harrten sie in den Tunneln unter dem Fabrikgelände aus – ohne zu wissen, wann und ob sie jemals wieder Tageslicht sehen würden.

Eine von ihnen war die 47-jährige Anna Krylova. Als Russlands Präsident Wladimir Putin am 24. Februar den Einmarschbefehl erteilte, arbeitete sie gerade in der Nachtschicht im Stahlwerk. Ihre 14-jährige Tochter Maiia war mitgekommen, da niemand Zuhause auf sie aufpassen konnte. "Wir haben diese Anlage die nächsten 70 Tage nicht verlassen", berichtet Krylova. "Als die Bombardierung schlimmer wurde, zogen wir tiefer in den Untergrund."

Am Dienstag hatte der Horror für Krylova und ihre Tochter ein Ende. Den ukrainischen Rettungskräften gelang es rund Hundert Frauen, Männer und Kinder sicher zu evakuieren und mit Bussen und Krankenwagen in die rund 230 Kilometer entfernte Stadt Saporischschja zu bringen.

"Es war wirklich beängstigend, weil wir nicht nach draußen gehen konnten", erzählt Krylova Reportern von "NPR" nach ihrer Befreiung. "Es war einfach zu gefährlich. Und drinnen sind wir von Unterschlupf zu Unterschlupf gegangen, weil die Bomben immer wieder einschlugen. Wir hatten Hunger, wir hatten Angst, wir waren unter ständigem Beschuss." Die vergangenen Wochen seien "wie die Apokalypse, wie ein Horrorfilm" gewesen. Ihre Tochter Maiia sagt: "Jeder Tag fühlte sich an, als wäre es der letzte unseres Lebens."

"Wir haben verstanden, dass es ein Massengrab sein würde"

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gehört Mariupol zu den am härtesten getroffenen Städten in der Ukraine. Die Hafenstadt am Asowschen Meer gilt als strategisch wichtiger Standpunkt und liegt nach zehn Wochen Krieg fast vollständig in den Händen der Angreifer. Rund 2000 ukrainische Verteidiger haben sich inzwischen auf dem weitläufigen Fabrikgelände des Azovstal Stahlwerks verschanzt – der Komplex erstreckt sich über elf Quadratkilometer. Unter der Erde gibt es ein kompliziertes vierstöckiges Tunnelsystem, indem nach Schätzungen noch mindestens 200 Zivilisten ausharren.

Auch für Elina Tsybulchenko wurde der Arbeitsplatz zum Gefängnis. Die 54-jährige, die früher in der Qualitätskontrolle des Stahlwerks gearbeitet hatte, suchte dort Zuflucht, nachdem Granaten ihr Haus zerstört hatten und das Trinkwasser in der Stadt knapp wurde. "Sie haben gefühlt jede Sekunde bombardiert… alles hat gewackelt. Hunde bellten und Kinder schrien", schildert sie der "Nachrichtenagentur AP" ihre Erlebnisse nach der Ankunft in Saporischschja.

Der schlimmste Moment sei jedoch gewesen, als ihnen gesagt wurde, dass der Bunker einen direkten Treffer nicht überstehen würde. "Wir haben verstanden, dass es dann ein Massengrab sein würde und niemand uns unter Beschuss retten könnte", sagt Tsybulchenko. Sie habe sich deswegen jede Nacht mit der Angst hingelegt, nicht wieder aufzuwachen. "Sie können sich nicht vorstellen, wie beängstigend es ist, in einem Bunker zu sitzen, in einem nassen und feuchten Keller, der wackelt und erzittert", erzählt sie. "Wir haben zu Gott gebetet, dass die Raketen über unseren Unterschlupf fliegen, denn wenn sie den Bunker treffen, wären wir alle erledigt."

Ausharren in Azovstal: "Alles war schrecklich"

In Saporischschja angekommen, werden die evakuierten Menschen in ein Aufnahmezentrum gebracht. In Zelten wird warmes Essen, Medikamente und psychologische Betreuung angeboten. Für die älteren und teils sehr erschöpften Menschen stehen Tragen und Rollstühle bereit, es gibt Kinderkleidung und Spielzeuge.

Auch Anna Zaitseva hat es rausgeschafft. Die junge Mutter hält ihr sechs Monate altes Baby im Arm und weint vor Erschöpfung und Dankbarkeit über die Rettung. "Unter permanentem Beschuss zu sein, auf improvisierten Matten zu schlafen, von den Druckwellen erschüttert zu werden, mit seinem Sohn zu rennen und von einer Explosion zu Boden geschleudert zu werden – alles war schrecklich", schildert Zaitseva im Gespräch mit dem "Wall Street Journal".

Sie berichtet, wie schwierig es gewesen sei, auf dem Gelände des Stahlwerks Lebensmittel zu finden. "Um Wasser zu finden, mussten wir von Gebäude zu Gebäude. Die Männer haben das für uns getan, einschließlich meines Vaters", erzählt sie. "Er wurde verwundet, aber Gott sei Dank nicht tödlich." Für ihr Baby hätten die ukrainischen Soldaten Säuglingsnahrung gefunden und als diese ausgegangen sei, habe sie Grieß über Kerzen weichgekocht habe. "Ein Kind großzuziehen ist eine schwierige Sache", sagt sie. "In einem Bunker ohne Licht ist es noch schwieriger."

Ukraine hofft auf nächste Feuerpause

Unterdessen gehen die russischen Angriffe auf das Azovstal Stahlwerk weiter. "Mit Unterstützung der Luftwaffe hat der Gegner seinen Angriff mit dem Ziel erneuert, das Fabrikgelände unter seine Kontrolle zu bringen", teilte der ukrainische Generalstab am Donnerstagmorgen in seinem Lagebericht mit. Russische Truppen seien seit zwei Tagen auf das Gelände vorgedrungen, bestätigt auch der Kommandeur des Asow-Regiments, Denis Prokopenko. Es gäbe "schwere, blutige Kämpfe".

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es jedoch: Für die nächsten Tage hat das russische Militär eine Feuerpause angekündigt und zugesichert, dass sich die Truppen für weitere Evakuierungen vorübergehend zurückziehen werden. Am Donnerstag, Freitag und Samstag sollten jeweils von 8 Uhr bis 18 Uhr Ortszeit (7 Uhr bis 17 Uhr MESZ) sogenannte Fluchtkorridore eingerichtet werden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Die Evakuierungen finden unter Vermittlung der Vereinten Nationen und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz statt. In Kiew sicherte Präsident Wolodymyr Selenskyj dasselbe für die ukrainische Seite zu. "Wir hoffen, weiterhin Menschen aus Azovstal, aus Mariupol retten zu können", sagte er in seiner abendlichen Videoansprache am Mittwoch.

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Während es also für die Menschen noch Hoffnung gibt, ist sie für die Hafenstadt selbst gestorben. Früher war Oleh Yurkin – der fast zwei Monate in Azovstal ausharrte – als Musiker in den Restaurants und Cafés von Mariupol aufgetreten. Jedes einzelne dieser Gebäude ist nun verschwunden, vom russischen Militär in Schutt und Asche gebombt.

"Jetzt", sagt er nach seiner Rettung, "gibt es die Stadt nicht mehr."

Quellen: "Guardian", "NPR", "Wall Street Journal", "AP News", mit AFP-Material

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