Unruhen in Kirgistan Der Konflikt zwischen Usbeken und Kirgisen wurzelt tief


Seit Tagen wird das zentralasiatische Land Kirgistan von den blutigsten Unruhen seit 1990 erschüttert.

Seit Tagen wird das zentralasiatische Land Kirgistan von den blutigsten Unruhen seit 1990 erschüttert. Mindestens 170 Menschen wurden bislang bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Usbeken im Süden getötet. Mehr als 100.000 Flüchtlinge passierten nach Angaben aus dem Nachbarland Usbekistan die Grenze. Der Konflikt zwischen den beiden Volksgruppen hat tiefe Wurzeln: Er dreht sich um Land und Macht, er speist sich aus Traditionen und kulturellen Unterschieden.

Der Funke, der das Feuer entfacht, ist der Zusammenbruch des Machtapparats von Präsident Kurmanbek Bakijew nach Massenprotesten Anfang April. Bakijew setzt sich nach Weißrussland ab. Bei den gewaltsamen Protesten kommen 85 Menschen ums Leben. Der schwelende ethnische Konflikt schlägt kurz darauf in Gewalt um.

"Die Spannungen bestanden schon", sagt die Sozial- und Politikwissenschaftlerin Ana Jelenkovic von der Forschungseinrichtung Eurasia Group mit Sitz in New York, die Risikoländer analysiert. "Jetzt haben sich beide Seiten radikalisiert", die Lage drohe unkontrollierbar zu werden. Seit fünf Tagen befindet sich der Süden der Ex-Sowjetrepublik nun im Ausnahmezustand. Besonders schlimm ist es in der Region um Osch, die bereits 1990 Zentrum des Konflikts war. Damals kamen hunderte Menschen ums Leben.

Die Spannungen haben historische Wurzeln. In ihrem traditionellen Verständnis unterscheiden sich Kirgisen und die große Minderheit der Usbeken stark voneinander. Die Usbeken waren immer sesshaft, die Kirgisen ein Nomadenvolk, wie der Leiter des Instituts für Internationale Beziehungen und Strategien in Paris, Arnaud Dubien, erläutert. Als Ackerbauern und Handwerker dominierten die Usbeken, die weniger als die Hälfte der Bevölkerung im Süden stellen, seit jeher Landwirtschaft und Handel. Das weckte den Neid der Kirgisen.

Die Usbeken wiederum verübelten es den Kirgisen, dass sie in der Regierung unterrepräsentiert sind. "In manchen Gegenden im Süden Kirgistans stellen die Usbeken die Mehrheit der Bevölkerung, aber sie sind nicht in angemessener oder gerechter Weise in der Regierung vertreten", sagt Asienexpertin Erica Marat von der US-Stiftung Jamestown. Als die Übergangsregierung unter Rosa Otunbajewa im April ein Referendum für eine Verfassungsreform ansetzt, ist dies Öl ins Feuer des Zorns über die Benachteiligung. Denn das Verfassungsprojekt findet keine Lösung für einen Sprachenstreit zwischen den großen Volksgruppen: Statt Usbekisch aufzuwerten, favorisiert der Entwurf neben Kirgisisch das Russische weiter als zweite Amtssprache. Das Referendum ist für den 27. Juni angesetzt.

Experten weisen jedoch darauf hin, dass die Gewalt zwischen Kirgisen und den etwa 15 bis 20 Prozent Angehörigen der usbekischstämmigen Bevölkerung nicht allein auf die ethnische Spannungen zurückzuführen sei. Kriminelle Gruppen aus dem Umfeld des gestürzten Präsidenten Bakijew hätten ein Interesse daran, die Übergangsregierung zu schwächen. Laut Marat gibt es Provokationen "von Kräften von außen". Während der vergangenen 20 Jahre habe es immer schon Streit um Macht, Boden und Wasser zwischen Kirgisen und Usbeken geben. "Aber diese Konflikte wurden erfolgreich auf dem Weg von Verhandlungen geregelt." Die Interimsregierung in Bischkek wirft dem Sohn Bakijews, Maxim Bakijew, vor, den Konflikt aus dem Ausland mit Zahlungen im Umfang von zehn Millionen Dollar zu schüren.

Die Asienexpertin Marat verfolgt die Lage nicht ohne Hoffnungen: "Es bedarf erheblicher Anstrengungen..., aber es ist möglich, das ursprüngliche Gleichgewicht wieder herzustellen."

AFP AFP

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