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US-chinesisches Spitzentreffen Gipfel der Realpolitik

Das Dinner zu Ehren von Hu Jintao war der Höhepunkt des US-chinesischen Gipfels. Zwischen Milliardengeschäften und Menschenrechtsdebatten sang Herbie Hancock. Der Beginn einer neuen Freundschaft ist es noch nicht.
Ein Kommentar von Katja Gloger

Allein schon das Kleid! Ein wogender Traum, leuchtend orangerot, eine Robe für den ganz großen Auftritt - so erwies First Lady Michelle Obama dem Gast aus Peking ihren Respekt. Am Mittwochabend also das hochoffizielle Staatsdinner, 300 Gäste - von Barbara Streisand bis Jackie Chan, dazu: Jazz von Herbie Hancock, Hummer und Apfelkuchen, die Deko in Chinas Farben leuchtend gelb und rot. Es war der Höhepunkt im Besuchsprogramm des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao.

Misstöne indes wurden höflich überhört – die konservativen Kritiker, die sich darüber ereiferten, dass da mit Barack Obama ein Friedensnobelpreisträger einem Mann die Ehre erweise, der einen anderen Friedensnobelpreisträger (den chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo) im Gefängnis schmoren lasse. Oder der demokratische Senator Harry Reid, der Hu als "Diktator" bezeichnete.

"Sie spielen auf der gleichen Wiese"

Protokollarisches Tamtam, Böllerschüsse, Pomp und Gloria – der Mann aus Peking konnte zufrieden sein. Und das sollte er auch. China ist endlich ganz auf Augenhöhe mit den USA. Wurde jetzt ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern aufgeschlagen? Wenigstens spielen die beiden Präsidenten jetzt auf der gleichen Wiese, konstatierte die "New York Times". Und das ist schon mal besser als Nichts. Denn die Beziehungen waren in den vergangenen Monaten immer schlechter geworden. Jetzt aber können beide Präsidenten den Besuch als Erfolg verkaufen. Eine "Win-Win-Situation", beide Seiten stehen als Gewinner da, so könnte es auch im Handbuch der Diplomatie stehen.

Zwei Rivalen gehen aufeinander zu, es sind bescheidene Fortschritte, ein gutes Stück klassischer Realpolitik. Vor allem aber: Man will Geschäfte machen. Und zwar richtig.

Barack Obama empfing den Mann aus China mit allen Ehren - und zeigte sich doch selbstbewusst und hart in der Sache. Sprach ausführlich über Menschenrechte und sogar den Dalai Lama, über Produktpiraterie und Handelsbarrieren für amerikanische Unternehmen und natürlich über die Währungsfrage. Da hatten selbst die Republikaner mal nichts zu meckern. Amerika will kooperieren und bleibt doch auf gebührender Distanz zum ökonomischen Rivalen.

Wie anders als zu Zeiten von George W. Bush

Hu Jintao wiederum kann nun als erfolgreicher Staatsmann nach Hause fahren, den USA ebenbürtig. Welch ein Unterschied zu früheren Besuchen, protokollarischen Alpträumen, als George W. Bush nur von einem "offiziellen Besuch" sprach, von Hummer im White House ganz zu schweigen.

Auch Hu zeigte sich freundlich, aber in entscheidenden Fragen bewegte er sich keinen Millimeter - etwa als um die Forderung nach einer Aufwertung der künstlich niedrig gehaltenen chinesischen Währung ging.

Das kann Hu innenpolitisch helfen, das strategische Misstrauen gegen die USA und ihre angebliche Einkreisungspolitik in Asien zu mindern. Mag ihm helfen, die aggressiv-nationalistischen Kritiker im eigenen Land zu besänftigen. "Wir begrüßen Chinas Aufstieg", sagte Obama. Da konnte Hu, nach einigem Drängen, selbst auf die unvermeidliche Frage nach den Menschenrechten antworten, die ihm während der gemeinsamen Pressekonferenz live gestellt wurde. Und sogar einen "gewissen Nachholbedarf" zugeben. Was immer das heißen mag.

Aufträge im Wert von 45 Milliarden Dollar

Und natürlich machten die großen Bosse der US-Wirtschaft ihm ihre Aufwartung: Goldman Sachs, Coca Cola General Electric, Microsoft. Sie alle buhlen um Teilhabe am großen Boom. Wollen endlich echten Zugang zum Markt. Wollen nicht nur Business mit China machen, sondern IN China. "Wir wollen Ihnen alles mögliche Zeug verkaufen", hatte Obama gesagt. Wohl wahr: China vergab Aufträge im Wert von 45 Milliarden Dollar an US-Unternehmen, kauft mal eben 200 Jets von Boeing ein, allein dieser 19-Milliarden-Dollar-Auftrag sichert 100.000 Arbeitsplätze in den USA. Und US-Exporte nach China steigen rasant.

Beide Staatschefs wissen ja, wie sehr ihre Länder voneinander abhängen, China hat amerikanische Staatsschulden in Höhe von knapp einer Billion Dollar gekauft. Und hält einen Großteil der chinesischen Währungsreserven von 2,7 Billionen Dollar in US-Dollar. Amerika ist Chinas größter Schuldner - so wie China längst Amerikas größter Gläubiger ist, Amerikas Banker.

Und wie sagte unlängst Außenministerin Hillary Clinton? Mit seinem Banker streitet man besser nicht. Auch das nennt man, wie im Handbuch der Diplomatie, Realpolitik.

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