US-Demokrat Angriff auf der Außenflanke


Barack Obama hat Konkurrent John McCain bei einer Wahlrede heftig attackiert. Er versicherte seinen Anhängern, den Krieg im Irak definitiv beenden zu wollen. Auch der Kampf gegen die Al Kaida habe oberste Priorität. Starken Tobak lieferte er beim Thema Todesstrafe.
Von Matthias B. Krause, New York

Der Schriftzug am Podium ließ keinen Zweifel an dem Zweck des Auftritts. "Judgment to Lead" stand da, suggerierend, dass der Mann hinter dem Pult das Urteilsvermögen habe, das mächtigste Land der Erde zu führen. Eine Dreiviertelstunde brauchte Barack Obama am Dienstag in Washington, um seine außenpolitische Vision zu erklären. Viel Neues sagte der demokratische Präsidentschaftskandidat dabei nicht. Ihm ging es viel mehr darum, seinen Anhängern zu versichern, dass er wie versprochen den Krieg im Irak beenden werde. Und den Vorwürfen seines Rivalen John McCain entgegen zu treten, er hänge in der Frage sein Mäntelchen in den Wind. Oder ignoriere die Fortschritte der erfolgreichen Großoffensive.

"Dieses Argument verschleiert, was notwendig ist im Irak", sagte Obama, "und es ist dickköpfig und ignoriert die Fakten der strategischen Rahmenbedingungen, mit denen wir uns beschäftigen müssen." Oberste Priorität sei der Kampf gegen Al Kaida und die Taliban in Afghanistan, fügte er an. Weit oben auf der Liste stünden zudem die Sicherung aller Atomwaffen, damit sie nicht in die Hände von Terroristen fielen, die Energiesicherheit und die Widerherstellung internationaler Allianzen. "Wie man es auch dreht, unser starrsinniger und unbegrenzter Fokus auf den Irak ist keine zuverlässige Strategie, um Amerikas Sicherheit zu garantieren", sagte Obama.

Keine Kenntnis der Lage

McCain kritisierte ihn prompt dafür, dass er schon vor seiner geplanten Reise in den Irak wisse, was am besten für das Land und für die amerikanischen Interessen sei. "Er spricht über seine Pläne für den Irak und Afghanistan, bevor er mit General David Petraeus gesprochen und bevor er zum ersten Mal seinen Fuß auf afghanischen Boden gesetzt hat." Normalerweise mache man das andersherum, beschied der Senator seinen jungen Kollegen: "Erst evaluiert man die Lage vor Ort, dann präsentiert man eine neue Strategie."

Inhaltlich unterscheidet sich Obams verfeinerte außenpolitische Vision nur in Nuancen von dem, was er im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton skizzierte. Am ehesten hat sich Betonung geändert, und er ist spezifischer geworden. So will Obama zwei Brigaden, der er aus dem Irak abzieht, kurzfristig in Afghanistan einsetzen, um die wiedererstarkten Taliban in Schach zu halten. Außerdem spricht er nun von "taktischen Anpassungen", die im Laufe des Abzugs unvermeidbar seien. Seit Neustem erwähnt er zudem die noch verbleibenden amerikanischen Soldaten, die unter anderem die Ausbildung der irakischen Armee fortsetzen und dafür sorgen sollen, dass Al Kaida nicht wieder im Irak Fuss faßt. Wieviele Truppen dafür benötigt werden und wie lange sie bleiben sollen, mag Obama derzeit nicht schätzen: "Aber niemand spricht davon, das Land aufzugeben." Diesen kleinen Zusatz hatte er im Vorwahlkampf gerne unter den Tisch fallen lassen.

Große Beliebtheit

Am einem Tag, an dem alle anderen in Washington über die sich verdüsternden Wirtschaftsaussichten sprachen, hielt Obama an seiner Strategie fest, McCain auf dessen scheinbar stärkstem Feld herauszufordern. Wenn es darum geht, wen die Amerikaner als nächsten Commander-in-Chief an der Spitze ihrer Truppen sehen wollen, sagen nämlich laut der jüngsten vom TV-Sender ABC und der "Washington Post" in Auftag gegebenen Umfrage 72 Prozent, der Vietnam-Veteran sei eine gute Wahl. Dagegen halten nur 48 Prozent Obama für den richtigen Mann an der Spitze der größten Streitmacht der Welt.

Diese Bedenken negieren Obama Vorteil, von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen zu sein, den nun keiner mehr mag. Fast Zweidrittel meinen mittlerweile, der Krieg war ein Fehler. Doch was der richtige Weg ist, ihn zu beenden, weiß keiner so richtig. 50 Prozent stimmen Obama zu, der die kämpfenden Truppen innerhalb von 16 Monaten nach Hause bringen will. 49 Prozent bevorzugen McCains Strategie, die sich auf keinen Abzugstermin festlegt.

Ziel: Im Ausland willkommen

Obamas Rede in Washington sollte auch den Grundstein legen für seine in der kommenden Woche beginnende Reise. Neben London, Paris und Berlin stehen Israel, die Westbank, Jordanien, Afghanistan und der Irak auf dem Programm. Es soll ein Triumphzug werden, der den Leuten daheim zeigt, dass es noch Amerikaner gibt, die im Ausland gemocht werden.

In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN sagte Obama, er habe im Wahlkampf die Erfahrung gemacht, dass seine Landsleute wieder respektiert werden wollen in der Welt. Seine eigene Rolle dabei beschreibt er so: "Ich denke, das amerikansiche Volk ist bereit für einen Präsidenten, der sich die Welt nicht zum Feind macht. Und wenn sie ihn im Ausland sogar ein bisschen mögen, dann ist das ein Bonus." Ein bisschen ist gut, in Frankreich kann sich Obama auf eine Zustimmungsrate von 85 Prozent verlassen, auch bei den Nachbarn sollen zahlreiche Fälle von Obamania gesichtet worden sein.

Klartext in Sachen Todesstrafe

Und ein bisschen "tough talk" hat auch noch niemandem geschadet. Darauf angesprochen, was er mit Al Kaida-Chef Osama bin Laden anfänge, sollte der während Obamas Zeit im Weißen Haus gefasst werden, klingt der Kandidat eher wie Amtsinhaber Bush als wie ein sozialliberaler Ostküstenpolitiker, der in Harvard Jura studierte.

"Ich bin kein Vorreiter der Todesstrafe, sie sollte nur auf die schauerlichsten Verbrechen begrenzt sein", sagte Obama, "aber ich denke, den Tod von 3.000 Amerikanern zu planen und ausführen zu lassen, würde sie rechtfertigen." Starker Tobak. Immerhin ist er in der Sache noch ein bisschen humaner als der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani. Der bat einst Präsident Bush, eigenhändig mit bin Laden kurzen Prozess machen zu dürfen.


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