US-Kongresswahlen In den USA tobt der "Youtube"-Wahlkampf


US-Wahlkämpfer haben es schwer: Gegnerische Blogger haben sie ständig im Visier, gerne auch mit Video-Kameras - und auf "Youtube" kann jeder sofort jedes Skandal-Filmchen veröffentlichen. In Deutschland dagegen hinken die politischen Blogger hinterher.
Von Florian Güßgen

Joseph Lieberman kann einem schon fast leid tun. Nicht nur, dass der Senator um seinen Job bangen muss. Nein, auch die Art und Weise, wie ihm die Gegner zu Leibe Rücken, ist höchst unerquicklich: Sie verfolgen ihn. Auf Schritt und Tritt. Mit kleinen, digitalen Videokameras. Jedes Wort zeichnen sie auf. Und dann schneiden sie daraus kleine, fiese Filmchen. Sie kommentieren Aussagen mit eingeblendeten Texten, sie fügen eine kleine Aussage Liebermans von vorgestern ein, in der er der heutigen widerspricht.

Dann stellen die jeweiligen Blogger, wie jüngst etwa "Connecticut Bob", das Filmchen geschwind bei "Youtube" ein. Über die gegenseitigen Verweise auf den Seiten der linken "Blogger"-Gemeinde, etwa bei der bissig-intelligenten "Huffington Post", wird das Video gepriesen, und am Ende sieht der arme Lieberman vor einem nationalen Publikum noch ein wenig schlechter aus. Für Ned Lamont, Liebermans Herausforderer, ist dies eine Spitzen-Werbung. Für lau.

Die ersten "Youtube"-Wahlen

Am Dienstag wird in den USA ein neuer Kongress gewählt. Und dieser Wahlkampf war anders als alle vorherigen. Nicht politisch, sondern technisch. Spätestens in diesem Wahlkampf ist das Internet zu einem Mobilisierungs-Werkzeug geworden. Blogger-Allianzen spielen schon länger eine wichtige Rolle, auf der Rechten ebenso wie auf der Linken. Neu, und möglicherweise noch wichtiger, ist jedoch die Entwicklung bei den Videos: Eine Kamera, ein Mikro, Schnittsoftware. Einfach, günstig und schnell kann fast jeder zum Filmemacher werden.

Der Vertrieb läuft über "Youtube". 20 Millionen Besucher verzeichnet jene Seite im Monat, die "Google" kürzlich so teuer erstanden hat. Unter den Nutzern befinden sich sicher auch potentielle Wähler. Und so hat die "Youtube"-Welle auch das Wahlkampf-Geschäft erfasst: Die "New York Times" und die "Los Angeles Times" schreiben von den ersten "Youtube"-Wahlen.

Für Wahlkämpfer bedeutet die Video-Revolution zunächst, dass sie immer und überall unter Beobachtung stehen. Auch der kleinste Fehltritt, die kleinste Ungeschicklichkeit, kann aufgezeichnet, festgehalten und der Öffentlichkeit verfügbar gemacht werden. Transparenz total. Gerade die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen kann über "YouTube" politisch mobilisiert werden.

Der republikanische Senator George Allen bekam dies kürzlich zu spüren, als er einen indischstämmigen Studenten bei einer Wahlkampfveranstaltung in Virginia mit einem verunglimpfenden, rassistischen Ausdruck für Asiaten - "Makake" - beleidigte und ihm entgegenhielt: "Welcome to America." Alsbald konnte Allen die Szene auf "Youtube" wieder finden. Ein Sturm der Entrüstung brach los.

Aber damit ist es nicht getan. Wahlkämpfer müssen sich mittlerweile auf neue politische Akteure einstellen, eben jene Blogger-Netzwerke als Machtfaktoren begreifen. Hier ist eine neue Öffentlichkeit entstanden, neue Meinungsmacher finden ihr Publikum jenseits der etablierten Medienmarken.

Linke Demokraten bringen Online-Geschütze in Stellung

Der Fall Lieberman ist für diese Entwicklung nur ein besonders prominentes Beispiel. 17 Jahre lang saß der Mann aus Connecticut für die Demokraten im Senat. Lange galt er als profilierter und honoriger Außenpolitiker, als Pfund für die Partei. Hätte Al Gore im Jahr 2000 den Präsidentschaftswahlkampf gegen George W. Bush gewonnen, wäre Lieberman sein Vize geworden. Steil abwärts geht es für den nunmehr 64-Jährigen erst, seitdem er den Irak-Kurs des Präsidenten unterstützt. Dies verübelt ihm vor allem der linke Parteiflügel.

In diesem Jahr brachten die Linken alle denkbaren Online-Geschütze gegen Lieberman in Stellung. Die mächtige Internet-Plattform "Moveon.org" warf sich im innerparteilichen Rennen für Herausforderer Ned Lamont in die Bresche, bis dato ein Unbekannter. Gleichzeitig nutzte der die neuen Möglichkeiten des "Youtube"-Wahlkampfs: Bei Auftritten im kleinen Kreis ließ er sich von jungen Anhängern filmen, bei einer Wahlparty am Pool der Eltern eines Unterstützers etwa. Ein wenig dilettantisch wirkte das, dafür umso sympathisch-authentischer. Im August verlor Lieberman in den Vorwahlen seiner Partei.

Deutschlands Blogger hinken hinterher

Noch ist der "Youtube"-Wahlkampf ein rein amerikanisches Phänomen. In Deutschland fehlen vergleichbare Foren der politischen Mobilisierung, in ihrer politischen Bedeutung hinken die deutschen Blogger den US-Kollegen weit hinterher. "Es gibt keine meinungsführenden Blogger, die auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden", sagt Christoph Bieber, Wissenschaftler am Zentrum für Medien und Interaktivität der Universität Gießen. Die "Debattenfeuilletons" der seriösen Zeitungen, findet Bieber, fangen noch einen großen Teil dessen auf, was sich in den USA längst in die Blogosphäre verlagert hat.

Zwar haben auch die deutschen Parteien im Bundestagswahlkampf 2005 mit Blogs und sogar Podcasts experimentiert. Aber, so Bieber, diese Elemente seien eher als "Innovationssignale" gegenüber den etablierten Medien und den Wählern begriffen worden, nicht als echte Mobilisierungsinstrumente. Motto: Seht her! Wir sind neuen Techniken gegenüber aufgeschlossen!

Die systematische Nutzung von "Youtube" hat bisher nur die rechtsextreme NPD getestet. Im September, nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, versuchten die Rechten, eine Art Wochenschau auf die Seite zu stellen. Kurz darauf wurden die Test-Videos allerdings von "Youtube" gelöscht. Vorerst. Ein grundsätzliches Verbot rechtsextremer Inhalte gibt es nicht.

Lieberman tritt als Parteiloser an

Trotz des "Youtube"-Hypes in den USA gibt es jedoch auch dort noch keine Erkenntnisse darüber, ob und wie Online-Kampagnen Wählerverhalten tatsächlich verändern. Nur Indizien. Und danach haben Wahlkämpfer auch dann noch gute Chancen auf einen Sieg, wenn sie einen Gutteil der Online-Gemeinde gegen sich aufgebracht haben.

Und wieder dient Joseph Lieberman als Beispiel. Nach seiner Niederlage gegen Lamont entschloss der sich, als Unabhängiger, als Parteiloser, um seinen Sitz im Senat zu kämpfen. Gegen "Moveon.org", gegen alle Blogger, gegen alle "Youtube"-Filmchen. Seine Chancen auf einen Erfolg stehen nicht schlecht. In der jüngsten Umfrage der Universität Quinnipiac liegt er 17 Prozentpunkte vor Ned Lamont.


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