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US-POLITIK: Krieg als Ablenkungsmanöver?

Der US-Präsident könnte einen zusätzlichen Beweggrund haben, militärisch gegen den Irak vorzugehen, glauben Bush-Kritiker: die Hoffnung, dass ein solcher Schlag von den Problemen im eigenen Land ablenkt.

Die jüngste Warnung von Präsident George W. Bush an »Tyrannen und Terroristen« hat Spekulationen neuen Auftrieb gegeben, dass ein US-Feldzug gegen den Irak nun nicht mehr lange auf sich warten lässt. Erst vor wenigen Tagen hatte ein Zeitungsbericht aufhorchen lassen, dem zufolge in Großbritannien eine Massenmobilisierung von Reservisten bevorsteht.

Auch beim US-Militär wollen Beobachter Anzeichen für Kriegsvorbereitungen ausgemacht haben. So ist angeblich das Angriffstraining von Marineinfanteristen erheblich verstärkt worden. Die Luftwaffe soll damit begonnen haben, Waffen, Munition und Ersatzteile auf Stützpunkten im Nahen Osten anzuhäufen, und General Tommy Franks als Oberbefehlshaber der US-Truppen am Golf soll eine Verlegung seiner Kommandozentrale von Florida in die Region erwägen.

Dauerthema mit viel Kaffeesatz-Leserei

Die Frage, ob und wann die USA militärisch gegen den Irak vorgehen, ist seit dem 11. September praktisch ein Dauerthema - mit viel Kaffeesatz-Leserei, wie ein Kommentator des »Boston Globe« unlängst anmerkte. Bush-Kritiker glauben indessen, dass der Präsident jetzt einen zusätzlichen Beweggrund für ein militärisches Vorgehen haben könnte: die Hoffnung, dass ein solcher Schlag von den wirtschaftlichen Problemen im eigenen Land ablenkt.

Die Serie von Unternehmens-Bilanzskandalen mit anhaltendem Kursverfall an den Börsen haben das gerade aufgekeimte Vertrauen der US-Bürger in die Wirtschaft stark gedämpft. In Umfragen spiegelt sich die wachsende Besorgnis wider, dass Bush und die US-Regierung insgesamt zu stark von Geschäftsinteressen beeinflusst würden.

»Zünglein an der Waage«

Zwar sind die Noten für den Präsidenten weiter gut, aber im Weißen Haus herrscht doch die Befürchtung, dass Bush in den Sog der andauernden Hiobsbotschaften gezogen werden könnte - und das nur wenige Monate vor den Teil-Kongresswahlen im November. »Das könnte, so zynisch es auch klingt, bei der Entscheidung über den Zeitpunkt einer Irak-Invasion das Zünglein an der Waage sein«, wurde im nationalen Radio NPR ein anonymer »hochrangiger Demokrat« zitiert.

Andere politische Experten weisen indessen darauf hin, dass sich an den »Grundkonstellationen« nichts geändert habe, die Bush bisher von einem Militärschlag abgehalten hätten. Dazu gehöre neben den massiven Vorbehalten der meisten Verbündeten und der explosiven Lage in Nahost die weiterhin offene Frage der »Aufmarschplätze« für eine derart massive Aktion, wie sie im Fall Irak nötig wäre.

Angriff von drei Seiten?

In vor kurzem durchgesickerten Plänen, die allerdings als noch nicht »ausgereift« bezeichnet werden, wird ein Angriff von drei Seiten - zu Land, vom Wasser und von der Luft aus - ins Auge gefasst. Rund 250 000 Soldaten sollen eingesetzt werden - von wo aus, ist aber weiter unklar. Dem Plan zufolge empfehlen sich aus geographischen Gründen Länder wie die Türkei, Kuwait, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain. Wie es heißt, ist aber bisher keines der genannten Länder offiziell konsultiert worden und hat seine Zustimmung gegeben.

Insgesamt, so heißt es, gibt es in der US-Militärspitze weiterhin eine ganze Reihe von Bedenken gegen einen Militärschlag zum gegenwärtigen Zeitpunkt. So habe sich im Afghanistan-Krieg ein eklatanter Mangel an möglicherweise entscheidender Ausrüstung wie Aufklärungs-und Tankflugzeugen und Präzisionswaffen herausgestellt. Zudem könnten die USA anders als in Afghanistan mit der gut trainierten und ausgerüsteten Nordallianz im Irak nicht auf »Stellvertreter-Truppen« bauen. Das heißt, eine eigene massive Bodenoffensive mit dem Risiko zahlreicher Opfer wäre nötig.

»Unmenge Dinge abzuwägen«

»Es gibt eine Unmenge Dinge abzuwägen«, sagt Generalstabschef Richard Myers. »Und es gibt keine einfachen Antworten. Aber eines ist klar: Wir stehen bereit, jeden Auftrag des Präsidenten zu erfüllen.«

Gabriele Chwallek