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US-Präsidentschaftswahl: Stille statt Streit

Reflektion statt Reklame: Der 11. September hat den Amerikanern und der Welt eine letzte Verschnaufpause im immer härter werdenden Wahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain verschafft. Es herrschte Waffenstillstand im Kampf ums Weiße Haus. Zumindest für ein paar Stunden.

Von Sonja Hartwig, New York

Sie wollten weder Republikaner noch Demokraten sein. Sie seien nur Amerikaner, hatten John McCain und Barack Obama angekündigt. Die Anfeindungen sollten dem Gedenken weichen, der Streit der Stille. Am 11. September sollte der Wahlkampf ruhen, das hatten beide versprochen. Und sie hielten Wort. Auf einer Podiumsdiskussion in der New Yorker Columbia University verzichteten sie auf politische Attacken, und sprachen lieber betont sachlich und sittsam darüber, wie sich das politische und gesellschaftliche Engagement der Amerikaner verbessern lasse. Ein Abend der Eintracht, an dem beide sogar lobende Worte füreinander fanden.

Das Motto des Abends von 9/11: "Ready to serve". Es ging um Ehrenamt und Engagement - zwei Themen, die weniger polarisieren als der Krieg im Irak oder die marode Wirtschaft in den USA. Zwei Themen, die gut passen für diesen 11. September, vor dem es laut zuging, absurd und aggressiv, vor dem der Ton zwischen den Kontrahenten immer schärfer und schmutziger wurde. Nun wollten sie nicht streiten. Sie wollten Sätze sagen, die in anderem Kontext schon einmal aufgetaucht sind, die an diesem Tag aber anders klangen.

Doch können Gegensätze, die die Biografien der Kontrahenten prägen, gänzlich den Gemeinsamkeiten weichen? Wohl kaum. Auf der einen Seite Obama, der "Community Organizer", der sich die Sorgen der Armen auf den Straßen Chicagos anhörte. Auf der anderen McCain, der Kriegsheld, der Dienst an der Waffe leistete. So wurden sie von den Moderatoren vorgestellt. Der Streetworker und der Soldat. Der Idealist und der Patriot. Sie passen nicht zusammen.

Obama und McCain demonstrieren Nähe

Und doch waren sie sichtlich bemüht, ihre Gemeinsamkeiten hervorzuheben. An diesem Tag schmeichelten sie dem Gegner, umschmusten ihn fast. Lobten gegenseitig ihr Engagement und stimmten gar der Frage zu, den Gegner im Fall eines Siegs ins Kabinett aufzunehmen. Sie wollten Nähe demonstrieren, an diesem Tag, wo ganz Amerika zusammenrückt und der Terroranschläge auf das World Trade Center gedenkt.

Schon im Morgengrauen hatten sich Tausende von Menschen im Zuccotti Park, einen Block vom Ground Zero entfernt, in Sichtweite auf den Schauplatz des Terrors versammelt. Heute eine Großbaustelle, an normalen Tagen laut und hektisch, abgetrennt durch einen riesigen Zaun, vor dem Touristen gerne Fotos machen - mit Freunden und Familie. Die, die ihre Liebsten hier vor sieben Jahren verloren haben, sind gekommen, um zu zeigen, dass nicht nur die politischen Folgen des elften Septembers noch offen sind, sondern dass auch die privaten Wunden weiterhin offen klaffen.

"Es ist noch so nah" sagt eine New Yorkerin, die seit 40 Jahren in Brooklyn lebt, sie trauert um niemanden, der ihr nah war, aber sie trauert und schweigt mit ihrer Stadt, mit ihrem Land. Sie trauert gemeinsam mit dem acht Jahre alten Sterling, der einen Rahmen in den Händen hält mit dem Bild seines Vaters. Er kam bei den Anschlägen am 11. September als einer von 2571 Menschen ums Leben. Damals 2001, als Sterling nicht mal ein Jahr alt war. Sie trauert mit Fran, Mitte 60, die ihren Sohn verlor, und ihm zu Ehren ein besonderes T-Shirt trägt. Auf der Rückseite sind zwei Dutzend Zeilen gedruckt, die mit den Worten beginnen: "Johnny hatte ein Glitzern in den Augen." Und sie trauert mit Edwin, der wie inszeniert in Armeekleidung vor den Fotografen steht und Bilder von seinem Cousin hochhält. Ein Feuerwehrmann, der sich aufgeopfert hat. Seinetwegen ist Edwin heute beim Militär.

Sie schreiten zusammen in die Tiefe

Man kennt diese Bilder und die Sätze, die dazu gesagt werden, "We will never forget" und "You will always be in our hearts". Es sind jedes Jahr die gleichen. Und dennoch ist es an diesem Platz, mit Blick auf die Kräne, die mit den Wolkenkratzern in die Höhe ragen, mit diesen vier Schweigeminuten, die die Momente markieren, als die Türme getroffen wurden und fielen, ein Gefühl, dass immer wieder etwas Einmaliges ist: Die Menschen wollen Hoffnung schöpfen, aber nicht von Wandel sprechen. Selbst als am Nachmittag McCain und Obama an Ground Zero eintreffen, bleibt es still. Darum hatte Bürgermeister Bloomberg im Vorfeld gebeten. Kein Spektakel sollte es werden, keine Show. Nur ein symbolischer Akt, bei dem sie zusammen in die Tiefe schreiten.

Ein Tag des Zusammenrückens, des Zusammenkommens. So war es am Morgen, als der Wahlkampf noch weit war. So war es am Nachmittag. Und so war es auch noch am Abend des 11. Septembers, als Obama und McCain auf Schmusekurs in der Columbia University waren - ein Innehalten, das es in dieser Form gewiss das letzte Mal vor den Wahlen gegeben hat und sich anderswo schon früh aufgebraucht hatte.

Denn zur selben Zeit, ein paar hundert Meilen weiter, gab Sarah Palin, die Vizekandidatin der Republikaner, ihr erstes großes Fernsehinterview. Die Stille war vorbei, Amerika bekam wieder den Streit.

  • Sonja Hartwig